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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

354. Freitagsbrief (vom Januar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Bezirk Sal´skij
Petr Fedorowitsch Nejshmak.

Viele Grüße aus Russland!

Ich wünsche Ihnen ein Frohes Neues Jahr 2010, Glück, beste Gesundheit und ein langes Leben!

Ich, Petr Fedorowitsch Nejshmak, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges von 1941–45, habe vom 3.7. bis 28.7.1942 an den Gefechten im Gebiet Stalingrad 200 km vor der Stadt teilgenommen. Wir hielten den Angriff der deutschen Truppen auf, am 28. Juli kam es zu heftigen Gefechten, viele Soldaten fielen. Dann gingen wir zum Angriff über und bezogen Verteidigungsstellungen, mussten uns aber wieder zurückziehen und gerieten in der Nacht in Gefangenschaft. Drei Soldaten mit Maschinenpistolen kamen zu mir, durchsuchten meinen Armeesack, dann meine Jacken- und Hosentaschen. In der Jackentasche hatte ich ein Foto von meinen Eltern, der deutsche Soldat warf es auf den Boden, nahm mein Geld, 200 Rubel. Als ich mich bückte, um das Foto aufzuheben, bekam ich mit dem Gewehrkolben einen Schlag auf den Rücken, so musste ich das Foto dort liegen lassen. Am Morgen des 29. Juli 1942 wurde eine große Gruppe gefangener Soldaten mit drei Fahrzeugen ins nächste Lager in Millerowo [Dulag 125] gebracht. Dort lebten wir unter freiem Himmel in einer umzäunten Schlucht, einmal am Tag bekamen wir etwas zu Essen, verbranntes Getreide aus dem Silo.

Am ersten August 1942 um 14 Uhr wurde unsere Kolonne abseits geführt und von einer anderen Wachmannschaft mit Hunden übernommen. Wir marschierten zum Bahnhof, wurden mit 400 Mann in einen Waggon geladen und nach Rossosch im Gebiet Woronesh gebracht. Dort gab es ein Arbeitslager, wir mussten Erdarbeiten ausführen, Panzer und Geschütze tarnen, die gesamte Kriegstechnik. Ich war dort vom 5. September 1942 bis zum 8. November 1942. Um zwei Uhr nachts wurden wir vom Alarm geweckt, mussten uns auf dem Platz aufstellen, wurden abgezählt und dann ging es zum Bahnhof und wir wurden in Waggons geladen. Wir waren sechs Tage lang unterwegs, bekamen Zuckerrüben und einen Liter Wasser. Dann kamen wir in Drogobytsch im Gebiet Lemberg an, bei einem Arbeitslager, das war am 14.11.1942. Am 18. November mussten wir zur Arbeit, mussten Gruben von fünf Meter Länge und vier Meter Breite ausheben, dann von innen mit Ziegelsteinen ausmauern, die fertigen Gruben füllten wir mit Erdöl. Am 18.9.1943 arbeiteten wir bis zwölf Uhr mittags, dann gingen wir ins Lager zum Mittagessen, und um 17 Uhr mussten wir antreten, wurden abgezählt, zum Bahnhof geführt, in Waggons geladen und nach Sagan [Stalag VIIIC, Oberschlesien] in Deutschland gebracht. Dort lebten wir abseits der anderen Baracken.

Am 1.11.1943 wurden wir geröntgt, ich bekam die Nummer 26781 auf einer Metallmarke und einen Ausweis als gefangener russischer Soldat. Am 10. November mussten wir nach dem Frühstück antreten, wurden abgezählt, verließen dann das Lager und gingen zum Bahnhof, kamen in Waggons und wurden nach Polen nach Labanz im Gebiet Kattowice gebracht.

Im Lager verteilten wir uns auf die Baracken, am nächsten Tag stellten wir uns in einer Kolonne auf, sie fragten uns dann einzeln nach unserem Beruf, sie suchten Drechsler, Zimmerleute, Gasschweißer, Elektroschweißer, Kranführer, Stahlarbeiter. Da ich keinen Beruf hatte, musste ich mit anderen jeden Tag die Schlacke aus den Schmelzöfen herausholen. Das war in der Stahlhütte Nummer 7154/Ea 292/2 K135. Am 17. März 1944 kam ein Transport mit Altmetall an, nach dem Mittagessen mussten alle Kolonnen den Stahl ausladen, um 15:30 verletzte ich mir den linken Arm und die Zehen am linken Bein. So wurde ich in der Gefangenschaft in einer Fabrik im deutschen Hinterland Invalide. Die Jahre in der Kriegsgefangenschaft werden nicht als Arbeitsjahre gezählt, die Invalidität wird nicht anerkannt, da es sich nicht um eine Frontverletzung handelt.

Ich würde gerne wissen, ob ich ein Recht darauf habe, aus Deutschland eine Entschädigung zu bekommen, denn unsere Soldaten bekommen Entschädigungen für ihre Verletzungen, aber ich nicht. Bitte beantworten Sie mir diese Frage.

Ich habe in dem Werk bis zum 22.1.1945 gearbeitet. In der Nacht vom 23. Januar 1945 mussten wir uns in einer Kolonne aufstellen, morgens verließen wir das Lager und um zehn Uhr überquerten wir den Fluss Oder. Wir kamen nach Hof, marschierten quer durch Deutschland, dann durch die Tschechoslowakei, kamen nach Breslau, dann wieder nach Deutschland. Am 5. Mai machten wir abends auf einem Feld Rast für die Nacht. In der Nacht verschwanden die Wachleute, vor uns standen ein Deutscher und der Dolmetscher unserer Kolonne und sie brachten uns in ein Lager. Am 6. Mai durchliefen wir die Sanitär-Prozeduren und bekamen etwas zu Essen. Am 7. Mai 1945 wurden wir um 5 Uhr morgens von amerikanischen Truppen befreit. Am 8. Mai brachten sie uns nackt im Krankenwagen in ein Schloss, dort wurden wir gewaschen, bekamen frische Wäsche und wurden je nach Krankheit auf die verschiedenen Krankensäle verteilt.

Am 24.6.1945 wurden wir von den amerikanischen Truppen an die sowjetischen Truppen in Karlsbad übergeben. Am 10. Juli 1945 verließen wir zu Fuß die Stadt Karlsbad und marschierten bis nach Görlitz. In Görlitz wurden wir von der militärischen Sonderabteilung verhört und unsere Personalien aufgenommen. Am 31.7.1945 verließen wir Deutschland und erreichten am 30.8.1945 die Stadt Lemberg. Bis zum 30. August 1945 arbeitete ich dort bei den Aufräumarbeiten in der von Bomben zerstörten Stadt. Am 14.12.1945 fuhren wir aus Lemberg weiter nach Jenakiewo im Gebiet Stalin [heute Donezk, Ukraine], dort arbeiteten wir beim Wiederaufbau der zerstörten Bergwerke. Im Werk durchliefen wir die Sonderüberprüfung, für jeden wurde eine Akte angelegt, die bis heute existiert. Ich habe Einblick beantragt und die Personalabteilung hat mir im Oktober 2004 eine Kopie geschickt. Da ist alles festgehalten. Ich habe in dem Werk vom 16.12.1945 bis zum 28.7.1952 gearbeitet. Dann wurde ich entlassen und kehrte in mein Heimatgebiet Rostow zurück und arbeitete von da an als Wachmann im Dorf.

Am 25.1.1955 habe ich geheiratet. Am 22.9.1982 bin ich in Rente gegangen, nachdem ich einen Schlaganfall hatte.

Ihre humanitäre Hilfe in Höhe von 300 Euro habe ich bekommen. Ich habe das Geld für die Beerdigung meiner Frau ausgegeben. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter, alle haben Familie und leben nicht hier. Ich bin Ihrer Bitte nachgekommen und habe mein Leben während der Kriegsjahre 1941–45 beschrieben. Ich kann Ihnen noch von der Zeit von 1931–1941 erzählen, und auch von dem Kommandeur und den deutschen Soldaten in unserem Dorf, was ich aus den Erzählungen meiner Eltern weiß.

Meine Adresse ist: […]

6. Januar 2010.

Auf Wiedersehen! Ich warte auf Ihre Antwort.

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