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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

352. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Viktoria Rau).

Russland
Gebiet Tula
Bezirk Kirejewiskij
Lipki
Spiridon Fedorowitsch Chatalin.

Sehr geehrte Damen und Herren, Mitglieder des Vereins „Kontakte-Kontakty“ ich möchte mich bei Ihnen und allen einfachen Bürgern Deutschland, die das Geld für uns ehemalige Kriegsgefangene spendeten, herzlich bedanken.

In Ihrem Brief baten Sie mich, über mein Leben, den Krieg und Gefangenschaft zu erzählen. Ein Brief würde nicht reichen, das alles zu beschreiben, ich versuche mich hier kurz zu fassen.

Ich wurde 1921 geboren im Dorf Lobinzewo im Gebiet Orel, in einer Bauernfamilie. Ich hatte 9 Geschwister. Wir lebten arm und mit 17 bin ich nach Moskau gefahren, um dort zu arbeiten. Zuerst baute ich Militärkasernen, dann war ich bei der Feuerwehr von Metrostroj (1938–41) tätig.

In September 1941 wurde ich in der Stadt Noworossijsk zur Marine mobilisiert. Beim Landungsversuch gegen die Stadt Sudak wurde ich von Deutschen gefangen genommen. Ich ging alle Lager von der Krim bis Deutschland durch. Am Ende des Jahres 1942 war ich in einem Lager im Hamburg. Dort arbeitete ich in einem Ölspeicher der Deutsch Petroleum. In Januar 1944 wurde ich nach Essen überführt, zur Grube. In dieser Zeit zerbombten amerikanische Flugzeuge alle Gruben. Im Februar 1944 trieben uns (ca. 600 Menschen) die Deutschen in eine unbekannte Richtung. Einmal übernachteten wir ohne Wächter. Wir drei sind weggelaufen. Wir versteckten uns in den Wäldern, zum Essen suchten wir in Feldern Kohlrüben. Es gelang uns, zivile Bekleidung zu beschaffen. Einmal wurden wir von der Polizei festgenommen, aber wieder liefen wir weg.

Im Frühling 1945 gelangten wir in die Stadt Meschede, die schon von Amerikanern besetzt war. Amerikanische Soldaten versprachen uns Hilfe. Es war schon am Ende des Krieges, nur wussten wir nichts davon. In der amerikanischen Zone sind wir 2–4 Wochen geblieben, dann wurden wir über die Elbe den sowjetischen Truppen übergeben.

Auf deutschem Territorium diente ich bis zum Jahr 1946. Ich war in verschiedenen Städten, arbeitete als Lastwagenfahrer. Im August 1946 wurde ich demobilisiert. Die Beziehungen zu normalen deutschen Bürgern waren die ganze Zeit immer gut.

Ins Vaterland gekommen, erfuhr ich, dass meine Eltern nicht mehr am Leben sind. Ich arbeitete in einem Kolchos, half meinen jüngeren Geschwistern. Ich heiratete 1947, wir hatten drei Söhne. Jetzt ist nur ein Sohn geblieben. Ich habe 4 Enkel und 3 Enkelinnen, auch Urenkel sind schon da. 1951 sind wir umgezogen in die Stadt Lipki, Gebiet Tula, wo ich bis zur Rente arbeitete. Ich bin jetzt 86 Jahre alt, bekomme die verdiente Rente. Die Gesundheit macht mir zu schaffen, schwache Augen, hoher Blutdruck. Ich möchte sagen, dass ich ein langes Leben lebte. Es gab Gutes und Schlechtes. Ich habe überlebt im Unterschied zu denen, die in den schrecklichen Kriegsjahren gefallen sind, obwohl es manchmal schien, dass mein Leben an einem Haar hing. Es ist sehr schwer, über das Leben in einem Lager zu erzählen, Die Leute starben dort jeden Tag zu Hunderten, jeden Tag sah ich den Tod. Ich schreibe Ihnen ein Gedicht, das ich in der Gefangenschaft hörte, wer es geschrieben hat, weiß ich nicht, man sagte dieses Gedicht von Mund zu Mund:

Ich würde mich freuen, Mutter, mir ein Ende zu machen,

Aber meine Jugend lässt es nicht zu.

Ich will leben und zurück nach Hause kommen

Das Herz träumt nur davon.

Die Hoffnung, zu überleben und zurück ins Vaterland zu kommen, war immer in meinem Herzen, vielleicht deswegen gelang es mir auch.

Zum Schluss sage ich, dass alle Menschen auf die Erde in Frieden und Einklang leben sollen. Es gibt nichts Schrecklicheres als Krieg. Das muss die junge Generation wissen, die Zukunft liegt in ihren Händen.

Noch einmal einen schönen Dank Ihnen, geehrte Mitgliedern des Vereins „Kontakte-Kontakty“ für Ihre Hilfe. Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und Erfolg bei allen Ihren Taten.

Chatalin Spiridon Fedorowitsch.

den 18. Mai 2008.

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