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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

351. Freitagsbrief (vom Oktober 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Petr Stepanowitsch Tschagin
Russland.

Ich, Petr Stepanowitsch Tschagin, wurde am 24.01.1918 geboren. Im Dezember 1938 wurde ich in Ufalej zur Armee eingezogen. Ich leistete meinen Armeedienst in Irbit ab [Gebiet Swerdlowsk], dann kam ich in die Militärlager von Elanskij, und am 14.6.1941 wurde ich an die Front geschickt. Zu dem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nicht, dass es an die Front ging, dass es Krieg geben würde. In unserem Zug saß auch Stalins Sohn Jakow, der eine Pistole hatte, während wir keinerlei Waffen hatten, viele hatten nicht einmal eine Uniform. Bei Witebsk kamen wir erstmals mit dem Krieg in Berührung. Wir hatten weder Gewehre noch Munition. Später wurden Gewehre geliefert, jeder bekam ein Gewehr, neun Patronen und eine Flasche mit Brenngemisch [Molotow-Cocktail]. Die deutschen Flugzeuge griffen uns in großen Mengen an, und unser Major befahl, sie per Gewehr zu beschießen- die neun Patronen waren schnell weg. Zusammen mit Sergej Sarytschew musste ich eine Verbindung an die vorderste Frontlinie legen, durch den Wald. Neben uns auf der Straße fuhr der Karren, und wir rollten im Wald die Spulen ab und legten sie auf den Karren. Plötzlich wurden wir von allen Seiten beschossen, deutsche Fahrzeuge kamen die Straße entlang, und als wir mit der nächsten Spule aus dem Wald gelaufen kamen, war der Karren nicht mehr da. Wir versteckten die abgewickelten Spulen im Wald und rannten zu unserem Befehlsstand. Als wir dort ankamen, waren die Kommandeure schon weg. Wir rannten zurück in den Wald, von allen Seiten wurde geschossen. Wir versuchten, unsere Einheit einzuholen, liefen die ganze Zeit Richtung Osten, ich war am Arm verletzt. Überall waren deutschen Posten. Wir konnten unsere Einheit einfach nicht einholen, versteckten uns mehrere Wochen lang im Wald, bis wir, ausgehungert und abgezehrt, in irgendein Dorf gingen, und dort wurden wir von den Deutschen gefangen genommen. Zuerst steckten sie uns in ein Lager bei Orscha [Stalag 353], in der Nähe gab es eine Bahnlinie, die wir im Winter vom Eis befreien mussten. Ich hatte im Lager die Nummer 65. Die Deutschen standen nur auf den Wachtürmen, unten im Lager hatten Polizai das Kommando. Es war furchtbar schmutzig im Lager, überall Läuse, alle hungerten, und ich war so abgemagert und geschwächt, dass ich kaum noch laufen konnte. Aber dann holte einer der deutschen Wachen sieben Gefangene zur Arbeit in der Küche. Ich war so schwach, dass der Koch nicht wusste, was er mit mir machen sollte, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten und taugte nicht mal zum Abspülen. Vor der Arbeit in der Küche hatte ich mehrere Tage lang nichts gegessen. Der Koch wusste nicht, welche Arbeit er mir geben sollte, schließlich sagte er, ich sollte die Kanister waschen, in denen die Balanda gekocht wurde. Das hat mir das Leben gerettet. Ich konnte die Reste in den Kanistern essen und so kam ich irgendwie über den Winter. Im Sommer – ich weiß nicht, welches Jahr es war (wahrscheinlich 1942), es kam mir so, als sei eine Ewigkeit vergangen – wurde ich mit anderen Gefangenen in ein Lager in Litauen gebracht. Unterwegs machten wir im Lager Molodetschno Halt [Stalag 342]. Von Litauen aus kamen wir später nach Deutschland. Wir fuhren in Viehwaggons, zu Beginn standen wir darin wie die Sardinen in der Büchse, aber als wir am Ziel waren, konnte man im Waggon sogar schon sitzen (sehr viele Gefangene waren unterwegs gestorben). Nach mehreren Lagern waren wir am Bestimmungsort angelangt und kamen ins Lager Meppen [Stalag VIB]. In der Nähe gab es ein Lager für Franzosen mit der Fahne des Roten Kreuzes. Es gab vier große Baracken im Lager. Als wir dort ankamen, war es auch Sommer, wahrscheinlich 1943. Zusammen mit Grigorij Masalewskij, der aus Kursk stammte, wurden wir aus dem Lager zur Arbeit in den kleinen Ort Grafeld gebracht, wo wir in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Wir arbeiteten bei einem Bauern, die Familie hieß P. [*] – Mann, Frau, drei Söhne und eine Tochter. Der älteste Sohn war in Litauen gefallen, der zweite Sohn kam mit einer Beinverwundung aus dem Krieg zurück, und der dritte Sohn wurde erst gegen Ende des Krieges eingezogen, er hieß Josef. Zu Ende des Krieges wurden wir nicht mehr zurück ins Lager gebracht, wir arbeiteten auf dem Bauernhof und wohnten mit anderen Arbeitern zusammen gegenüber dem Hof, in einer zweistöckigen Baracke. Wir waren etwa 50 Kriegsgefangene dort. Nach der deutschen Kapitulation wurden wir von britischen Truppen befreit, sie ließen uns einfach gehen, sagten uns: Der Krieg ist zu Ende, geht nach Hause. Wir marschierten zu Fuß durch ganz Deutschland bis zur Grenze, dann wurden wir per Zug in die Heimat gebracht, jeder woandershin. Ich musste in Solikamsk aussteigen und dort im Bergwerk arbeiten. Das war im Dezember 1945. Ich war 28 Jahre alt.

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[*] Die Familie P. wurde von uns über die Erinnerungen des Herrn Tschagin informiert. (E. Radczuweit).

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