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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

350. Freitagsbrief (vom September 2012, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland 412340
Gebiet Saratow
Balaschow
Iwan Iljitsch Knigin.

Guten Tag sehr geehrte Bürger Deutschlands!

Von ganzem Herzen bedanke ich mich bei Ihnen […]

In Ihrem Land sind jetzt viele sowjetische Deutsche, die vieles in den schwierigen Kriegsjahren ertragen mussten [gemeint sind „Russlanddeutsche“ d. Übers.].

Ich schreibe Ihnen etwas über mich.

Ich wurde im Gebiet Saratow geboren. Meine Eltern sind 1933 verstorben, als ich 8 Jahre alt war. Ich hatte zwei Brüder, die älter sind und zwei Schwestern, die jünger sind, als ich. Es gab eine schreckliche Hungerzeit – nicht besser als der Krieg. In diesem Jahr verstarben meine Eltern, meine Großeltern. Meine älteren Brüder nahmen Verwandte zu sich und brachten sie als Köche in Speiseküchen im Donbass in der Ukraine unter. Und ich kam in ein Kinderheim.

1939 nahm mich mein älterer Bruder zu sich, er war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder.

Als 1941 der Krieg begann, wurde mein Bruder an die Front geschickt und kam um, hinterließ zwei Waisenkinder.

Ich wurde auch in die Armee eingezogen, obwohl ich jung und von kleinem Wuchs war. Die deutsche Armee griff schnell und erfolgreich an.

Unsere Truppen zogen sich unorganisiert und chaotisch zurück. Der Truppenteil, in dem ich diente – im „Roten Don“ in der Ukraine. Auch in der Ukraine bewegte sich etwas. Es gab Scharmützel, aber auch schwere Kämpfe, es gab Verluste hauptsächlich auf unserer Seite, weil unsere Führung schlecht auf diesen Krieg vorbereitet war und die Bewaffnung und der Nachschub schwach. Die deutschen Truppen waren gut bewaffnet und ausgebildet. In einem der schweren Kämpfe erlitten wir eine Niederlage. Wir wurden alle in einem Lager untergebracht, das einfach mit Stacheldraht umzäunt war, wie eine Viehweide. Danach wurden wir nach Taganrog gebracht – dort war ein großer Hof mit hohen steinernen Wänden. In die Mitte dieses Hofes wurde eine Bank gestellt. Dann war Zählappell nach Nummern. Viele wussten ihre Nummer nicht oder hatten sie verloren: Dafür wurden sie auf die Bank gelegt und mit Knüppeln geschlagen. Das war ein schrecklicher Anblick – das war eine Erniedrigung der Menschen – war ein Verbrechen. Dann setzte man uns in Viehwagen und brachte uns nach Deutschland, direkt ins Lager mit der Bezeichnung „Stalag 8A“ in der Nähe der StadtGedeli. [Stalag VIIIA Görlitz] Ich hatte die Nr. 36017. Verpflegt wurden wir sehr schlecht; in kurzer Zeit verwandelten sich die Menschen in Skelette, das war schrecklich anzusehen – das war ein Verbrechen. Es starben 8–10 Mann. Ich weiß nicht mehr innerhalb welchen Zeitraumes, vielleicht in einem Jahr. Einige von uns wurden aussortiert und in das Sudetengebiet gebracht, in das Dorf „Braunau“ zu einem Baron für verschiedene Arbeiten. Dort gab es ein Minilager für 10–15 Personen und wir wurden auch von Soldaten mit Maschinenpistolen und Hunden bewacht. Es gab verschiedene Arbeiten: Im Sommer landwirtschaftliche Tätigkeiten, im Winter Holzeinschlag und in Kubikmeter aufschichten. Ich lasse vieles weg.

Am 8. Mai morgens sahen wir, dass die Wachmannschaft weg ist und die Türen offen. Wir waren alle sehr froh. [Wahrscheinlich schon im März d. Übers.]

Wir sind gegangen, um uns anzusehen, wie der Baron gelebt hat. Alle Räume waren schon leer, alles lag herum. Sie waren offenbar schon früher weggefahren. Ich sah dort eine Postkarte auf der alle seine Gebäude abgebildet waren in denen er gewohnt hat, das war alles an einem großen Teich. Diese Postkarte habe ich noch heute. Danach überprüfte uns unser Militär und schickte uns in Truppenteile. Uns junge – die gerade erst zum Dienst einberufen worden waren schickte man nach Budapest in Ungarn. Im März 1947 wurde ich demobilisiert und ich fuhr ins Gebiet Saratow in die Stadt Balaschow.

Dort fühlte ich sofort, dass es so eine Propaganda gab, wer in der Gefangenschaft war, ist ein Verräter, ein Treuloser, und man wurde nicht für jede Arbeit angenommen. Ich musste lange verheimlichen, dass ich in Gefangenschaft war. Das heißt ein Fremder unter seinen Leuten sein. Jetzt bin ich Rentner. Wohne in meinem eigenen Haus, dass ich selbst gebaut habe. Mein Haus benötigt eine Generalreparatur, ich kann das schon nicht mehr selbst machen, es ist für mich zu schwer. Ich hoffe auf Hilfe aus dem Fonds gegenseitiges Verständnis und Versöhnung.

Ich erhielt von Ihnen 2009 300 Mark wofür ich Ihnen sehr dankbar bin.

Ich bitte Sie alle Briefe und Geldüberweisungen mit der Post nicht an die Bank, sondern an meine Adresse zu schicken.

In unserer Bank arbeiten schlechte Menschen, Diebe, stehlen sogar bei alten Menschen, nehmen das Geld sogar Menschen mit geringer Rente weg.

So schließe ich meinen Brief und wünsche Ihnen Erfolge bei Ihrer edlen Tätigkeit.

Hochachtungsvoll Knigin.

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