Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

35. Freitagsbrief (23.02.2007).

Semen Sergejewitsch Awerischin
Ukraine
Lugansk

Sehr geehrte Herren,

ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Hilfe von 300 Euro recht herzlich.

Ich heiße Semen Sergejewitsch Awerischin. Ich bin im Jahre 1922 in einer armen Bauernfamilie geboren. Wir waren Kolchosearbeiter. Bis zum Jahr 1938 hatte ich niemals genug Brot zu essen. Wir waren halb bekleidet und spazierten barfuss. Wir waren arm, sehr arm.

1941, 10 Tage vor Kriegsbeginn, wurde ich in die Armee einberufen. Das war eine große Ehre für mich. Ich werde wenigstens nicht mehr hungrig sein, dachte ich. Ich geriet in die Stadt Solotschew im Gebiet Lwow. Drei Tage später begann der Krieg. Die Deutschen stießen vor. Wir zogen uns bis Kiew zurück. Im Oktober wurde ich während der Verteidigung Kiews gefangen genommen. Ich arbeitete in der Fabrik Karl Jahr (vielleicht Carl Zeiss, d. Ü.) in Jena. Anfang 1942 wurden wir im Bergwerk Grimberg [1] im Ruhrgebiet eingesetzt.

1945 befreiten mich Engländer. Im August wurden wir in der Stadt Malchin an die Unsrigen übergeben. Mit dem Zug brachten sie uns in die Stadt Grodno (Belarus, d.Ü.). Die Waggontüren waren zugenagelt. Danach brachte man uns ins ferne Sibirien. Dort stieg ich in einen Schleppkahn. Wir fuhren über den mächtigen Fluss Jenissej bis Dudinka. Von Dudinka ging es zu Fuß weiter nach Norilsk. Dort wurde ein riesiges Metallwerk gebaut. [2] Wir wurden als Vaterlandsverräter behandelt. Als der allmächtigste Kanzler Konrad Adenauer nach Moskau kam, führte er Verhandlungen. Danach begann Stalin uns zu respektieren. Es wurde geprüft, wer gut und wer schlecht ist. Das Leben war aber schon vorbei. Viele, sehr viele meine Kameraden waren von Hunger, Kälte und Krankheiten gestorben. Heute bin ich als Kriegsteilnehmer anerkannt. Ich bin Invalide der 2. Gruppe. Meine Rente beträgt 400 Hrywna [3].

Auf Wiedersehen, liebe Genossen! Vielen Dank für Ihre finanzielle Hilfe (…)

(Unterschrift)

****

[1] Zeche Monopol Schacht Grimberg 3/4 im Ruhrgebiet

[2] Dudinka und Norilsk liegen weit im Norden, hinter dem Polarkreis. Die Nickelproduktion in Norilsk verursacht bis heute katastrophale Umweltschäden.

[3] 400 Hrywna = 58 Euro

In unserem Antwortbrief verzichteten wir darauf, den 85jährigen über die Gespräche Adenauers in Moskau aufzuklären, die sich keinesfalls auf sowjetische Kriegsgefangene bezogen. Auch Herr Awerischin stellte einen Antrag auf „kompensaciya“, Kompensation für die geleistete Zwangsarbeit in Deutschland. Der formelle Ablehnungsbescheid mit Verweis auf deutsches Recht – Paragraph 11 Abs. 3 StiftG – wird für ihn unverstandlich gewesen sein. E. Radczuweit

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.