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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

348. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Republik Chakassien
Sajanogorsk
Konstantin Illarionowitsch Schumichin.

Sehr geehrter Dr. Gottfried Eberle!

Für mich ist es sehr wichtig, zu erfahren, dass das deutsche Volk den Faschismus verurteilt und ihn als eines der schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit ansieht. Niemand sollte mehr so etwas durchleben müssen wie wir damals. Ich hege keinen Groll gegen die einfachen deutschen Soldaten – sie haben die Befehle ihrer Vorgesetzten ausgeführt.

Meine Lebensgeschichte hat meine Tochter nach meinen Worten aufgeschrieben.

Mein Vater Konstantin Illarionowitsch Schumichin wurde 1919 geboren. Er ist der älteste Bürger unserer Stadt. Der Großvater meines Vaters kam 1870 mit seiner großen Familie und anderen Umsiedlern nach Sibirien, um neues Land urbar zu machen. 1939 wurde Vater zum Armeedienst eingezogen. Er kam in den Wehrkreis Transbaikalien, zu Truppen der Artillerie, die an der Grenze zur Mongolei und zur Mandschurei stationiert waren. Das Oberkommando über den Wehrkreis hatte Marschall Konjew, damals Generalleutnant. Vater leistete seinen Dienst in einem Haubitzenregiment. Er war Richtschütze, der erste Mann an der Haubitze. 1940 wurde er in den neu geschaffenen Rang eines Gefreiten erhoben.

Am 1.6.1941 bekam die ganze Untereinheit die Anweisung zum Abtransport inklusive Artilleriegerät. Man sagte ihnen, sie sollten ins Sommerlager fahren. Damals konnte Vater sich natürlich nicht vorstellen, was für ein Armeeschicksal ihn erwartete. Aber auch wenn er es gewusst hätte, was hätte er machen können? Sie fuhren am Baikalsee vorbei, an Krasnojarsk, Nowosibirsk … Je weiter sie nach Westen kamen, desto mehr spürten sie das Unheil, das in der Luft zu hängen schien. Die Eisenbahnlinien waren von Transporten verstopft. Nach einem Umweg über Barnaul, Semipalatinsk und Alma-Ata erreichten sie irgendwann Saratow. Hier waren die Gerüchte über einen bald bevorstehenden Krieg gegen Deutschland allgegenwärtig. Dann ging die lange Fahrt weiter und am 20.6. traf das Regiment endlich an seinem Ziel ein – in der kleinen Stadt Ostrog in der Westukraine. Sie hatten sich noch gar nicht eingerichtet – da war schon Krieg. Vater denkt mit Bitterkeit daran zurück, dass vom ersten Kriegstag an der Rückzug der Artillerie und Infanterie begann. Bis Kiew wichen sie zurück. Auf Befehl der Vorgesetzten wurde das Artilleriegerät zerstört – Traktoren, Haubitzen, Granaten. Pioniereinheiten hatten die Brücke über den Dnjepr gesprengt. Zusammen mit anderen Soldaten überquerte mein Vater den Fluss schwimmend mit Hilfe von Baumstämmen und Brettern (jeder wie er konnte).

Da Vater es nicht aus der Einkesselung heraus schaffte, wurde er gefangen genommen. Eines der ersten Lager war die „Grube von Chorol“ [Dulag 160] (Chorolskaja jama), ein Durchgangslager auf weißrussischem [sic!] Gebiet. Das Lager bestand aus einer riesigen Grube, aus der früher Erdreich gewonnen wurde. Dort war Vater einige Monate. Die Gefangenen bekamen fast nichts zu essen. Man warf ihnen Kartoffelschalen und rohes Pferdefleisch hin. Dabei kam es zu einem Gedränge, in dem viele Kriegsgefangene erdrückt wurden. Mein Vater verrenkte sich dort das Bein. Zum Glück ließ es sich mit Hilfe der Kameraden aber wieder einrenken.

Die Lager für kriegsgefangene Soldaten haben sich meinem Vater fürs ganze Leben ins Gedächtnis eingebrannt. In diesen beinahe vier Jahren der Gefangenschaft war er in mehr als zehn verschiedenen Lagern und er kann sich an jedes von ihnen noch erinnern. Aber die Schrecken der Unfreiheit lassen sich in ihrem ganzen Ausmaß nicht beschreiben. Den ganzen Krieg über bis zum Kriegsende hat Vater in Lagern und in Betrieben in Deutschland, Polen und der Ukraine gearbeitet. Er war Häftling Nr. 22517 im Lager 318 Langdorf [Lamsdorf] in Ostschlesien. Auf der Brust und der Häftlingskleidung hatte er die Buchstaben SU (Sowjetunion). So wurden die sowjetischen Gefangenen gekennzeichnet, die am schlechtesten behandelt wurden. Die Ukrainer trugen das Abzeichen „Ost“ [*] und arbeiteten ohne Aufseher.

Die Gefangenen mussten Waggons entladen und die Bahnlinie in Ternowizy erweitern, sie arbeiteten im Betrieb „Hammerwerk“ in Kattowice. Die Wachmannschaften brachten die Menschen ins Werk und standen am Tor, während die Gefangenen arbeiteten. Besonders grausam waren die russischen Polizaj. Die Gefangenen lebten in Baracken mit dreistöckigen Pritschen. Jeden Morgen trugen sie selbst die an Unterernährung und den Folgen der Schikanen und der Schwerstarbeit Gestorbenen aus der Baracke und warfen sie in einen tiefen Graben, der sich dort im Lager befand. Am Schlimmsten erging es den Rauchern – sie tauschten ihre Essensration gegen Zigaretten und starben als Erste an Erschöpfung. Mein Vater hatte Glück – er rauchte nicht und blieb am Leben, obwohl er einige Male nur knapp dem Tod entkam.

Dann war der Krieg zu Ende, sein Leid aber noch nicht. Wieder ein Lager, diesmal ein sowjetisches. Die repressierten Kriegsgefangenen wurden dann in den Krieg gegen das faschistische Japan geschickt, aber sie kamen nicht mehr rechtzeitig dort an, der Krieg dort war schon zu Ende. Ihr Transport machte am Ural Halt, in Tscheljabinsk. Die gequälten und entkräfteten ehemaligen Gefangenen mussten nun zur Arbeit beim Wiederaufbau und Bau neuer Kohlebergwerke. Natürlich war die Aufsicht dort lockerer – sie mussten sich nur einmal im Monat bei der Kommandantur melden.

Nach insgesamt achtjähriger Trennung von der Familie, nach einer furchtbaren Irrfahrt durch die Lager Europas, nach bitterer Ungerechtigkeit in der Heimat bekam Vater schließlich den lange ersehnten Urlaub und konnte zu seinen Eltern fahren. Dort lernte er seine zukünftige Frau kennen, unsere Mutter, mit der er schon seit 63 Jahren zusammen lebt. 1961 ist unsere Familie in die Heimat unseres Vaters gezogen, nach Sjanogorsk in der Republik Chakassien. Zu der Zeit wurde dort mit dem Bau des Elektrizitätswerks Sajano-Schuschenkij begonnen, und meine Eltern waren beim Bau des Werkes vom Anfang bis zum Ende dabei. 1988 ist Vater in Rente gegangen.

Er hat vier Kinder, acht Enkel und fünf Urenkel.

Mit den besten Wünschen,

Tatjana Dedowa (Schumichina).

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[*] Das Zeichen „Ost“ stand für zivile sowjetische Zwangsarbeiter/innen.

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