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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

347. Freitagsbrief (vom September 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandr Petrowitsch Bashnin
Russland
Danilowo bei Joschkar-Ola
Republik Mari El.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Diesen Brief schreibt Ihnen Aleksandr Petrowitsch Bashnin. Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen für Ihre Anteilnahme am Schicksal der russischen Soldaten und dafür, dass Ihr Verein die Erinnerung an sie wahrt. Ich wurde in den ersten Kriegstagen in Belarus gefangen genommen. Man brachte mich in ein Konzentrationslager in Belarus und später nach Deutschland. Aus dem deutschen Lager wurde ich, zu der Zeit nur halb lebendig, zur Arbeit in ein Dorf gebracht, zu einem Bauern. Das Dorf Neuferchau (bei Ortsnamen bin ich mir nicht sicher) befand sich in der Nähe von Erfurt. Bei diesem Bauern arbeitete neben mir ein Gefangener aus Belgien, Albert Choton, dem ich es zu verdanken habe, dass ich am Leben geblieben bin. In der ersten Zeit half er mir beim Gehen und bei der Arbeit.

Wir Gefangenen wurden unterschiedlich behandelt: der Belgier durfte zusammen mit der Familie am Tisch sitzen und zu Mittag essen, während ich im Stall aß, zusammen mit dem Vieh.

Wir wurden von der amerikanischen Armee befreit.

Nach dem Krieg studierte ich am Pädagogischen Institut Geschichte und Fremdsprachen. Ich habe immer in der Schule als Lehrer gearbeitet. Jetzt bin ich 89 Jahre alt, verheiratet. Meine Frau hat mit mir als Lehrerin in der Schule gearbeitet. Ich habe vier Kinder. Ich bekomme eine gute Rente, lebe gut im Kreise meiner Kinder und Enkel.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse.

Bashnin.

Wasilij Grigorjewitsch Bogomolow
Russland
Danilowo bei Joschkar-Ola
Republik Mari El.

Guten Tag! Ich, Wasilij Grigorjewitsch Bogomolow, wurde 1925 geboren. Ich lebe zusammen mit meiner Familie in der Republik Mari El, im Dorf Danilowo Nr. 230. Als ich Ihren Brief bekommen habe, hat es mich sehr bewegt, dass die Mitglieder Ihres Vereins uns, die ehemaligen Gefangenen, nicht vergessen haben. Ich möchte den Mitgliedern Ihres Vereins ein herzliches Danke sagen. Ich sende Ihnen herzliche Grüße und wünsche Ihnen alles Gute im Leben und beste Gesundheit.

Kurz zur Vergangenheit. Ich wurde im Januar 1943 in die Armee einberufen. Im Dezember 1943 wurde ich dann verwundet und geriet in Gefangenschaft. Man brachte uns in ein Lager in Sagan [Stalag VIIIC/Schlesien]. Die Lebensbedingungen waren entsetzlich. Zum Essen brachten sie uns Gemüse und 200 g Brot. Das Brot aßen wir, aber das Gemüse konnte man nicht essen.

Ich weiß noch, dass einmal drei Deutsche mit einem Dolmetscher zu mir kamen und mich fragten, wie viele Jahre ich die Schule besucht hätte. Ich sagte ihnen: acht Jahre. Einer von ihnen meinte: „Er ist Jude [1], nur die Juden gehen bei ihnen in die Schule.“ Sie führten mich von den anderen weg auf die Seite, wo schon ein paar Andere standen. Wie durch ein Wunder gelang es mir aber, zurück zu den anderen Gefangenen zu laufen. Sonst hätten sie mich als Juden erschossen.

Auf der anderen Seite des Stacheldrahts waren die alliierten Kriegsgefangenen. Sie warfen uns Zwieback oder anderes Essen über den Zaun. Viele von uns starben an Unterernährung. Ich konnte überleben, weil ich zur Arbeit kam, wo wir zwar nicht viel zu essen bekamen, aber immerhin etwas.

Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft durchlief ich die Sonderabteilung und musste alle Demütigungen, die damit verbunden waren, über mich ergehen lassen. Aber danach diente ich weiter in der Armee. Erst 1950 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Ich versuchte, eine Arbeit im Betrieb zu finden, aber niemand wollte mich haben. Sie lehnten mich ab, weil ich in Gefangenschaft gewesen war. Ich machte eine Ausbildung an der Berufsschule für Forstwirtschaft und arbeitete danach in der Forstwirtschaft. Mit sechzig Jahren bin ich in Rente gegangen. Wegen meiner Verwundungen wurde mir Invalidität bescheinigt.

Jetzt bin ich 85 Jahre alt. Ich sehe und höre schlecht, aber versorge mich noch selbst. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Anteilnahme. Auf Wiedersehen.

Bogomolow

A. P. Bashnin und ich schicken Ihnen unsere Briefe zusammen in einem Umschlag, denn wir sind Nachbarn und Freunde. Er wohnt im Haus Nr. 231, ich im Haus Nr. 230.

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[1] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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