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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

346. Freitagsbrief (vom September 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Nikiforowitsch Morgunow
Ukraine
Watutina
Gebiet Donezk.

Sehr geehrter Dmitrij Walerjewitsch!

Ich habe Ihren Brief bekommen, vielen Dank dafür. Ich freue mich immer sehr, wenn ich von Ihnen einen Brief bekomme. Ich habe sonst keinen, mit dem ich über mein Kriegsschicksal sprechen könnte. Viele ehemalige Kriegsgefangene sind schon gestorben.

Ich möchte Dir, Dmitri, davon erzählen, wie wir im Mai 1945 in der sowjetischen Zone empfangen wurden.

Die Engländer hatten uns mit drei Autos in die sowjetische Zone gebracht. In jedem Auto gab es auch eine Kiste mit Lebensmitteln. Ein englischer Offizier hatte angeordnet, Lebensmittel mitzunehmen. In den Kisten waren Konserven, Brot, Wurst, Schokolade und vieles andere, auch Zigaretten.

Es war zehn Uhr morgens, wunderbares Wetter. Die Autos erreichten die sowjetische Zone. Ein sowjetischer Offizier kam zu uns. Er war gut angezogen, die Brust voller Orden. An der Uniformjacke trug er Schulterstücke. Einer von uns Kriegsgefangenen fragte ihn: „Genosse Kommandeur, wie ist Ihr Dienstgrad?“ 1941, als ich gekämpft habe, gab es keine Schulterstücke. Der sowjetische Offizier antwortete: „Warum nennen Sie mich Genosse Kommandeur? Wir werden noch sehen, wer Sie sind. Vielleicht ist der Wolf von Tambow Ihr Genosse?“ [1] Der Offizier war Major.

Wir wurden in Wismar an die Sowjets übergeben. Am nächsten Tag marschierten wir zu Fuß nach Rostock. Wir dachten: Was kommt nun? Uns war schwer ums Herz. Trotz dieses Empfangs wurde ich in die Sowjetische Armee aufgenommen. Ich bekam eine Uniform und eine MP. So wurde ich Soldat. Ich habe meinen Dienst in Deutschland und Polen geleistet, und 1946 wurde unsere Armeeeinheit nach Simferopol auf der Krim versetzt. Ich diente bei einer Fernmeldeeinheit (kabelgebunden, zum Funk kam ich nicht – das durfte ich nicht).

Im Mai 1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und wurde Bergarbeiter. Als die Ukraine unabhängig wurde, bekam ich ein neues Armeebuch, in dem nicht mehr stand, dass ich in der Gefangenschaft gewesen war. Janukowitsch gab mir den Dienstgrad „Oberst a. D.“. Ich wurde ausgezeichnet, bekam die Medaille „Für den Sieg über Deutschland 1941–1945“, den Orden des Vaterländischen Krieges 2. Grades, den Tapferkeitsorden 2. Grades. Außerdem habe ich 15 Ehrenmedaillen bekommen.

1947 habe ich geheiratet. Meine Frau war in Orenburg in der Evakuierung (sie war damals 14 Jahre alt), sie ist offiziell „Kriegsteilnehmerin“. Wir haben zwei Kinder, unsere Tochter Lida und unsere Tochter Tanja. Lida hat an der Berufsschule für Fernmeldewesen gelernt. Jetzt ist sie Rentnerin. Tanja hat am Medizinischen Institut in Donezk studiert. Sie hat mehr als vierzig Jahre im Zentralkrankenhaus als Ärztin gearbeitet. Sie ist Oberärztin. Jetzt ist sie auch in Rente, arbeitet aber weiter. An ihrem Geburtstag wurde in der Zeitung „Rodnoj Gorod“ [Unsere Stadt] ein Foto von ihr mit einem kleinen Text veröffentlicht. Ich schicke Ihnen eine Kopie davon mit.

Als ich in der Gefangenschaft war, war ich in den folgenden Lagern:

Deutschland (Litzendorf) [Stalag 310 Wietzendorf], Lager Brelov [Stalag 310 Wietzendorf (Breloh)], und im April 1942 kam ich zum Bauern Hof-Wetterade.

Im Lager Brelov gehörte ich zum „Beerdigungskommando“ (Tod Kommando [2]). Man brachte die Toten aus den anderen Lagern in unser Lager und wir verscharrten sie im Wald. Niemand wusste ihre Namen.

Es ist jetzt heiß hier – im Juni, Juli und August hat es nicht geregnet, und es sind 34–39 Grad. Alles ist vertrocknet.

Damit beende ich meinen Brief, die Kräfte verlassen mich.

Am 1. September 2012 werde ich 91 Jahre alt.

Meine besten Grüße an alle Mitarbeiter von Kontakte.

Iwan Morgunow.

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[1] Russische Redewendung: „Dein Genosse ist der Wolf von Tambow“ – damit gibt man dem Gesprächspartner zu verstehen, dass man für ihn kein Genosse bzw. Kamerad ist.

[2] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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