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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

345. Freitagsbrief (ein Folgebrief vom Januar 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Tula
Semjon Solomonowitsch Kulbasow.

[…]

Ich möchte Ihnen meinen herzlichsten Dank ausdrücken für die guten Wünsche zum Neuen Jahr 2008. Ich muss gestehen, dass Ihr Schreiben mich sehr ergriffen hat. In der heutigen Zeit gibt es ja nicht oft solche Kontakte zwischen Menschen, die sich so voneinander unterscheiden. Dabei ist das doch wunderbar! Wenn die Menschen aller Gesellschaftschichten in allen Ländern beginnen würden, sich ebenso frei und unbefangen auszutauschen wie wir, hätten wir wahrscheinlich das Paradies auf Erden.

Meinen Wunsch teilt auch mein Sohn Michail, er ist U-Bootfahrer außer Dienst, mein Gesinnungsgenosse und meine Stütze.

Ihr ergebener Semjon Kulbasow.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Nachdem ich die Reaktion meines Vaters auf Ihre Briefe sah, habe ich beschlossen, Ihnen zu schreiben. Vater reagiert normalerweise in solchen Fällen zurückhaltend, aber dieses Mal antwortet er gerne und hält aktiv den Kontakt aufrecht. Anscheinend haben Sie eine bestimmte Saite in seinem Inneren angeschlagen.

Ich möchte Ihnen ein wenig von ihm erzählen. Vor etwa zwei Jahren hat er erzählt, dass damals in Deutschland (er war von 1941 bis 1945 in Gefangenschaft), die Deutschen Akkordeon gespielt haben und dass die Klänge dieses Instruments irgendwie eine besondere Wirkung auf ihn hatten. Wenn er die Strauss-Walzer hört, dann vergisst er auch heute noch alles um sich herum. Es hat sich herausgestellt, dass er seit damals davon träumte, dieses Instrument zu erlernen. Als wir Kinder noch klein waren, die Wohnsituation schwierig war und weitere Probleme, hat er Mandoline gespielt, aber vor zwei Jahren, als er schon über 90 war (er ist 1915 geboren), hat er angefangen, immer wieder hartnäckig um ein Akkordeon zu bitten. Wir haben also eins gekauft, haben eine Lehrerin gesucht und dann begann er mit dem Unterricht, einmal die Woche. Es hat ihm sehr gefallen, er hat sich immer auf diese Stunden gefreut und auch erste Erfolge verbuchen können. Er hat sogar die Noten gelernt. Leider hat er nach einiger Zeit beim Spielen Schmerzen in der Schulter bekommen. Nichts hat dagegen geholfen und so musste er das Spielen aufgeben. Weil er so traurig darüber war, kamen wir auf die Idee, dass er Keyboard spielen könnte. Im Moment spielt er darauf gerade mit einem Finger den Marsch von Mendelssohn und andere schwierige Stücke. Für einen Auftritt im Konservatorium ist es noch ein bisschen zu früh, aber für das Guinessbuch der Rekorde müsste er schon reif sein. Natürlich sehen wir beide das Ganze mit Humor – dass Sie uns nicht falsch verstehen! Die Lehrerin dagegen nimmt die Sache im Gegenteil sehr ernst. Sie unterrichtet schon seit mehr als vierzig Jahren und hat zum ersten Mal so einen Schüler.

[…] Wir wünschen Ihnen, Ihren Nächsten und allen Ihren Mitarbeitern Gesundheit und Glück.

Mit den besten Grüßen von

Semjon Solomonowitsch und Michail Semjonowitsch Kulbasow.

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