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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

344. Freitagsbrief (vom Januar 2010, Brief und Zeitungsartikel aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler).

Russland
Saratow
Anatolij Wasiljewitsch Satarow.

[…]

Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Trotz all der Strapazen und Schmerzen, die ich durchmachen musste, bin ich doch 91 Jahre alt geworden. Mein Leben war nicht einfach, aber ich habe es geschafft, alle Schwierigkeiten zu bewältigen.

Auf der Arbeit habe ich mich bis zum Direktor hochgearbeitet. Auf diesem Posten arbeitete ich 17 Jahre lang bis bis zur Rente. Der Betrieb, in dem ich gearbeitet habe, war neu gegründet worden und ich musste viel Energie in Aufbau und Entwicklung des Betriebs stecken. Vor 30 Jahren bin ich in Rente gegangen, aber meine Arbeitskollegen haben mich bis heute nicht vergessen. An Festtagen schicken sie mir Glückwünsche und Geschenke.

Ich lebe mittlerweile allein. Meine Frau, mit der ich 61 gemeinsame Jahre verbracht habe, ist am 15.7.2009 gestorben. Ich trauere sehr um sie. Ich habe mit ihr drei Söhne großgezogen. Der Älteste wird dieses Jahr 60 Jahre alt. Er ist Professor und Vizerektor eines Instituts. Die beiden anderen Söhne sind Zwillinge. Einer ist Abteilungsleiter in der Stadtverwaltung, der andere ist Oberst a. D. Sie führen ein gutes und interessantes Leben. Sie kümmern sich gut um mich, helfen mir sehr.

Auf Ihre Bitte hin schicke ich Ihnen einen Artikel aus unserer regionalen Zeitung mit. Dort sind die wichtigsten Ereignisse in meinem Leben beschrieben. Wenn Sie noch mehr wissen möchten, schreiben Sie mir bitte, ich werde Ihnen auf jeden Fall antworten.

Alle Gute für Sie,

Anatolij Wasiljewitsch Satarow.

Artikel „Wir sind frei …“ in der Zeitung Saratowskije westi vom 7.5.2009 [gekürzt].

Als der Krieg begann, war Anatolij Satarow Offiziersschüler an der Artillerieakademie in Moskau, wo er eine Ausbildung zum Techniker absolvierte. 1941 hatte er gerade das erste Studienjahr beendet, da wurde er eingezogen und sollte an die Front in der Gegend um Smolensk, wo die Deutschen gerade einen Angriff führten.

Er kam als Leutnant im technischen Dienst zum 333. Artillerieregiment, 152. Schützendivision, 16. Armee. Unter den Angriffen der Deutschen mussten sich die sowjetischen Truppen immer weiter zurückziehen. Die 152. Schützendivision und weitere Divisionen wurden eingeschlossen. Bei einem der Gefechte wurde Anatolij Satarow am Kopf und am Bein verwundet und geriet deshalb in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener wurde er zuerst nach Deutschland gebracht, dann nach Belgien in die Stadt Zwartberg, wo er im Bergwerk arbeiten musste. Nach etwa einem halben Jahr in Belgien gelang ihm die Flucht aus der Gefangenschaft:

Wir wurden jeden Tag unter Bewachung aus dem Lager zum Bergwerk gebracht. Dort gab es ein Gebäude, in dem wir uns umzogen, und von dort mussten wir noch ein kleines Stück gehen, das mit Stacheldraht umzäunt war. Auf diesem Weg entdeckte ich einen Durchschlupf: Zwischen den Brettern an beiden Seiten einer kleinen Brücke, über die wir gehen mussten, gab es einen Spalt. Außerdem kam mir auch der Zufall zu Hilfe. Wir arbeiteten dort mit belgischen Arbeitern zusammen. Einer von ihnen half mir, herauszufinden, wo die Partisanen waren und versprach, mir Karten zu beschaffen. Wenn wir uns für die Arbeit umzogen, mussten wir unsere warme Kleidung ausziehen und Leinenanzüge anziehen, also Jacken und Hosen. Auf der Jacke war die Aufschrift „SU“, also Sowjetunion […]. Natürlich war eine Flucht in dieser Kleidung schwierig. Aber was blieb mir anderes übrig? Mein belgischer Freund konnte mir nur eine Mütze bringen, mehr konnte er nicht für mich tun.

Mit meinen Fluchtgedanken war ich nicht alleine. Ein anderer russischer Gefangener fragte mich, ob er mit mir kommen könne. Er war ein großgewachsener, gesunder junger Mann, Funker. Von da an bereiteten wir zu Zweit die Flucht vor, die wir übrigens auf den 8. März angesetzt hatten.

Es war zu der Zeit noch kalt. Deshalb zogen wir zwei Unterhemden unter unsere Anzüge […] an. Als wir aber zum Kontrollpunkt kamen, hatten wir Pech – die Deutschen fingen an, die Gefangenen auf Läuse hin zu untersuchen. Das bedeutete, dass sie an unserer Kleidung natürlich erkennen würden, dass wir fliehen wollten. Aber das Schicksal meinte es gut mit uns – die Prüfer wurden abkommandiert und wir entgingen der „Läuse-Prüfung“.

Weiter war alles nur eine Sache von Belastbarkeit und Schnelligkeit: wir schlüpften hinter den Rücken der anderen schnell durch den Bretterspalt auf der Brücke und verließen dann die bewachte Zone.

Natürlich wurden wir bemerkt, denn einige Belgier kamen uns entgegen. Aber die Belgier sympathisierten mit uns Russen, deshalb taten sie so, als bemerkten sie weder unsere spezifische Kleidung noch wie entkräftet und seltsam wir aussahen. Also gingen wir einfach weiter. Endlich kamen wir aus dem Gebäude, in dem wir arbeiteten, heraus und erreichten das Bergwerksgelände. Nun mussten wir nur noch den Zaun überwinden – dann waren wir in der Freiheit.

Zu den Partisanen stießen wir nicht sofort. Wir befanden uns im Norden des Landes, die Partisanen aber waren im Süden. Belgien ist zwar ein kleines Land, aber uns stand eine gewisse Strecke bevor. Um nicht bemerkt zu werden, marschierten wir in der Nacht. Wir schliefen auf der Erde, und es war immer schwierig, einen passenden Platz zum Schlafen zu finden, da die Wälder dort sehr licht und gut einsehbar sind. Außerdem war es kalt, schließlich war es erst März und es lag noch Schnee. Wir hatten ein paar kleine Stücke Brot mitgenommen sowie Seife, die wir bei den Leuten gegen Lebensmittel tauschen wollten. Das war unsere bescheidene Wegration. Aber ein Gedanke erfüllte uns mit Glück: Wir waren frei.

Nach einigen Tagen Marsch begannen unsere Kräfte nachzulassen. Doch da kam uns wieder ein glücklicher Zufall zu Hilfe: wir trafen einen Mann, der uns half, die Partisanen zu finden. Er half uns, nach Liege zu gelangen, und von dort zeigte man uns den Weg zur Partisaneneinheit der 'Unabhängigen Front des Belgischen Widerstands'.

Meine Einheit bestand aus 35 Personen, unter ihnen waren nur vier Russen, mich eingeschlossen. Wir kampierten im Wald, dabei änderten wir sehr oft unseren Standort. Es gab im Prinzip keine Unterkünfte, wir mussten wieder auf der Erde schlafen. Dafür hatten wir jetzt aber warme Kleidung. Zur Fortbewegung benutzen wir Fahrräder. Die Einheit hatte nur ein Auto, das hatten sie von den Deutschen geklaut. Das größte Problem waren die Waffen, es gab einfach zu wenig. Deshalb überfielen wir Polizeireviere, die wenig bewacht waren, und holten uns dort Waffen. Außerdem sprengten wir eine Eisenbahnlinie, auf der deutsche Züge fuhren und überfielen kleine Gruppen von Deutschen, nahmen Beobachtungsposten ein.

Bei einem Einsatz wurde mein Freund verwundet. Wir brachten ihn zurück ins Lager und wollten ihn dann ins Lazarett bringen. Das Lazarett befand sich aber in der Stadt, wo die Deutschen waren. Da machten wir aus unserem einzigen Auto ein deutsches, wir brachten ein Hakenkreuz an und fuhren dann damit durch die ganze Stadt zum Krankenhaus. Niemand bemerkte uns. Mein Freund lag dann drei Tage im Krankenhaus und wurde wieder gesund. Die belgischen Ärzte wussten natürlich, wer wir waren, aber sie verrieten uns nicht.

Das Schlimmste in diesen vier Kriegsjahren war für mich die Zeit an der Front, als alle meine Kameraden umgekommen sind. Außerdem die Fahrt von Deutschland nach Belgien, als ich noch Kriegsgefangener war. Wir wurden in Güterwaggons gepfercht, bekamen weder Essen noch Trinken. Einmal wurde an einer Bahnstation die Wachmannschaft ausgetauscht. Zu unserem Glück regnete es, und auf der Erde sammelte sich Regenwasser in den Rinnen. Jemand kam auf die Idee, mit einer Konservendose Wasser abzuschöpfen, was aber nicht klappte, da die Dose zu leicht war und nicht untertauchte. Da fand sich ein „warmherziger“ deutscher Wachmann, der mit seinem Stiefel die Dose unter Wasser drückte. So bekamen wir jeder ein bis zwei Schluck von diesem Wasser ab.

Im Mai 1945 erfuhren wir vom Sieg und machten uns auf den Weg zur Repatriierung. Nach dem 9. Mai wurden wir auf deutsches Gebiet gebracht und im Juni 1945 dem sowjetischen Wehrkommando übergeben. Vor der Rückkehr nach Hause wurden wir mehrere Monate lang genau überprüft. Aber da wir Papiere, Waffen und sogar Banner hatten, durchliefen wir die Überprüfung ohne große Probleme.

Trotzdem hatte ich in den Jahren danach manchmal darunter zu leiden, in Gefangenschaft gewesen zu sein. Ich kehrte nach Saratow zurück und versuchte, eine Arbeit zu finden. Als ehemaliger Kriegsgefangener wollte mich aber keiner nehmen. Auch in die Partei konnte ich lange Zeit nicht eintreten. Aber irgendwie habe ich auch diesen Lebensabschnitt gut überstanden. Ich fand eine Arbeit im Heizkraftwerk und arbeitete dort mehr als 15 Jahre. Erst war ich einfacher Techniker, später wurde ich Werksleiter. Noch später wurde ich zum Leiter des Messlabors ernannt, dann sogar zum Leiter des ganzen Werks. […]

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(In der Regel veröffentlichen die russischen Medien nur jene Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener, in denen Flucht und Widerstand dominieren. E. Radczuweit).

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