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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

343. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Erhard Kummer; Hervorhebungen im Original).

Sergej Jakowlewitsch Poddubnyj
Russland
Gebiet Woronesh.

Geboren wurde ich am 5. Juli 1915 im Vorwerk Naroshin im Gouvernement Woronesh in einer kinderreichen Bauernfamilie. Die Bevölkerung in unserem Kreis sind ethnische Ukrainer. Nach der Revolution und dem Zerfall des russischen Reichs lebten wir in sehr ärmlichen Verhältnissen. Von Repressionen während der Kollektivierung der Landwirtschaft waren wir nicht betroffen. Zur Schule ging ich zu Fuß ins benachbarte größere Dorf Barsutsche (das ist jetzt im Gebiet Belgorod). Ich lernte gut und nach der Schule wurde ich aufgenommen in die Pädagogische Lehranstalt Rossoschansk, die ich 1938 beendete. Ich wurde in das Dorf Loznaja zur Arbeit verpflichtet, das gehört jetzt zum Bezirk Rowensk im Gebiet Belgorod (das Gebiet ist erst 1954 gebildet worden). Ich begann meine Tätigkeit als Lehrer, wurde aber bereits nach wenigen Monaten zum Direktor dieser Schule berufen.

Meine Laufbahn wurde unterbrochen durch die Einberufung zur Roten Armee im Herbst 1939. Den Dienst leistete ich im Militärbezirk Nordkaukasus, ich wurde ausgebildet in mehreren Spezialeinrichtungen. Im zweiten Dienstjahr kam ich zur Artillerie, war Kommandeur eines Flugabwehrgeschützes. Ich wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. Zu Beginn des Krieges ab 9. Juli 1941 war ich an der Front im Einsatz. Jetzt, im Abstand der Lebensjahre bin ich der Meinung, dass der Krieg entgegen dem Willen des deutschen Volkes begann. Er wurde entfesselt durch die Nazipartei und deren Führer Hitler. Der Krieg forderte unermessliches Leid und Opfer nicht nur von meiner Heimat der UdSSR, sondern auch vom deutschen Volk.

Der überraschende Überfall auf unsere Heimat brachte uns in unermessliche Schwierigkeiten, sodass wir gezwungen waren, unter großen Verlusten zurückzuweichen. Jedoch ungeachtet aller Belastungen durch den Krieg glaubten wir an unseren Sieg. In den ersten drei Kriegsmonaten wurde ich zwei Mal verwundet. Erstmals im Oktober 1941. Auf unsere Positionen flogen 67 Bomber. Als Kommandeur eines Flugabwehrgeschützes habe ich meine Mitkämpfer nicht im Stich gelassen und die Beinwunde verbunden. Wir haben dann 9 Flugzeuge abgeschossen. Für diesen Kampf wurden drei Soldaten unserer Batterie, darunter ich, für eine Auszeichnung vorgeschlagen. Aber niemandem war es vergönnt, diese Auszeichnung in Empfang zu nehmen.

Bei Wjasma und Je'nja wurden unsere Streitkräfte eingekesselt. Ich war am rechten Arm verwundet worden. Mein Parteimitgliedsbuch vergrub ich im Wald, da ichmir denken konnte, was uns so drohte. Am 10. Oktober 1941 geriet ich wie Tausende weiterer Rotarmisten in Kriegsgefangenschaft. Für mich war das eine meiner schwersten Prüfungen auch im Hinblick auf meinen moralischen zustand. Ich kam wie viele Tausende Kriegsgefangener auch in ein Lager in der Nähe der Stadt Mogiljow (Weißrussland) [Stalag 341]. Das Lagerregime war äußerst hart, unmenschlich, ausgerichtet auf die Vernichtung der Gefangenen. Viele der Bewacher waren rekrutiert aus der örtlichen Bevölkerung. Ich habe jegliche Zusammenarbeit abgelehnt. Ich erhielt zwei Mal Prügelstrafe mit der Folge eines Schädeltraumas.

1942 wurde ich lungenkrank und hatte Magengeschwüre. Der verwundete Arm wurde natürlich nicht medizinisch versorgt und so ist er am Ellenbogen nicht ordentlich zusammen gewachsen. Seit dieser Zeit kann ich ihn nicht beugen.

Nach der Befreiung wurde ich somit nicht als Kriegsinvalide anerkannt (es gibt keine Unterlagen über die Verwundung) Und wer hätte das bescheinigen sollen? So ist eben unser System.

Damals im Konzentrationslager Mogiljow [Stalag] kamen Tausende Kriegsgefangene ums Leben. Als der Winter kam, wurden jeden Morgen Dutzende, ja Hunderte erfrorener Menschen aus dem Lager gebracht.

Ende März 1942 wurde ich mit anderen unglücklichen Gefangenen nach Litauen verlegt, – zunächst nach Kaunas [Stalag 336], danach nach Wilna [Stalag 340]. Verwundungen, Erkältungen und Folgekrankheiten quälten mich weiter. Danach wurden wir direkt nach Deutschland überführt.

Der Gerechtigkeit halber sei hier gesagt – hier war es schon nicht mehr ein ganz so hartes Regime. Als Aufseher fungierten nicht Faschisten, sondern einfache Leute, darunter auch ältere deutsche Soldaten, die Mitleid mit uns Gefangenen hatten. Zu dieser Zeit verstärkte sich meine Lungenkrankheit – ich hatte TBC. Man schickte mich in eine medizinische Einrichtung. Dort wurde ich gewogen. Ich wog noch 42 kg anstatt 72 in Friedenszeiten. Die Ärzte meinten, es gäbe Hoffnung auf Heilung, weil die Krankheit nicht vererbt worden sei, sondern Folge der Prügel und Erkältungen. Man kurierte auch meine erkälteten Nieren.

Ich glaube, dass diese Mediziner Vertreter des besten Teils des deutschen Volks waren. Die Medikamente und die etwas bessere Ernährung zeitigten Wirkung und natürlich spielte auch die Jugend ihre Rolle. In Deutschland war ich im Lager Lingenslaz [Bad Stalag IX C Bad Sulza?], im Lazarett in Eisenach hielt ich mich zwei Wochen auf.

Im Frühjahr 1945 begann man, uns weiter in Richtung Westen zu treiben, d.h. weiter weg von der Roten Armee. Bewacht wurden wir von älteren und ganz jungen Begleitposten. Auf dem Weg gelangten wir auch in irgendein Dorf. Ich erinnere mich einer guten Frau, die mich nach Hause einlud und Essen anbot.

Ihr Bauernhof erinnerte mich an meine Heimat. Im Schuppen saß eine Henne mit Küken; es brannte eine elektrische Lampe, an der sich Küken wärmten.

Interessant ist im Nachhinein, dass meine künftige Schwiegermutter aus dem Dorf Jerjomowka und die älteren Geschwister meiner künftigen Ehefrau gleichfalls Gefangene der feindlichen Armee beköstigten und mit ihnen fühlten. Und diese bedankten sich und sagten „Hitler kaputt“

Aber damals, im Frühjahr 1945 dachte ich noch nicht an Heirat. Es war noch nicht klar, was mit uns im Weiteren würde. Mitte April (der Tag bleibt mir in Erinnerung) sahen wir, dass unsere Wachen wegliefen und sich Zivilkleidung anzogen. Danach erblickten wir einen amerikanischen leichten Panzer. Die Amerikaner sagten uns, wir seien frei und könnten hingehen, wohin wir wollen – entweder weiter Richtung Westen oder zurück. Viele kehrten zurück in die sowjetische Besatzungszone.

Ich wurde beauftragt, eine Liste aufzustellen. Ich vermerkte die Personaldaten, Wohnort und freute mich, Landsleute zu treffen. Die Filtration verlief normal; nicht alle Geheimdienstler waren Stalinisten. Erst später habe ich erfahren, dass sich Stalin zu den Kriegsgefangenen (aber deren waren fast 5 Millionen) äußerte: „Wir haben keine Gefangenen – wir haben Verräter!“ Im Ergebnis wechselten viele Gefangene von dem einen Lager ins andere – ins sowjetische.

Ich kehrte in die Heimat zurück im August 1945. Meine ältere Schwester stillte gerade ihre Tochter und ließ sie aus Überraschung beinahe zu Boden fallen; sie hatten geglaubt, ich sei gefallen. Aber ich habe überlebt – man kann sagen, wie durch ein Wunder.

In Rowenka ging ich zur Abteilung für Bildung, um eine Arbeit in meinem Fach zu erhalten. In Loznoj war aber der Arbeitsplatz schon vergeben und so schlug man mir eine Tätigkeit in der Schule im Dorf Jerjomowka vor. Das war zwar keine leitende Tätigkeit, denn man war etwas voreingenommen gegenüber ehemaligen Kriegsgefangenen.

In Jerjomowka lernte ich die junge Lehrerin Anna (die ukrainische Variante dieses Manens ist Njura) kennen – ein sehr hübsches Mädchen aus einer von Repressalien betroffenen enteigneten Bauernfamilie. (Ihr Vater wurde 1937 erschossen). Anna wurde vor der Verbannung durch ihre ältere Schwester und deren Ehemann Nikolai bewahrt. Nikolai ist im Krieg gefallen. In der Familie verblieben nur Frauen. So begann unser gemeinsames leben.

1947 wurde unser Sohn Sascha geboren, er lebte jedoch nicht lange und starb 1948. Man bot mir eine Stelle als Schuldirektor im Dorf Bersutsche an. Ich und meine Frau willigten in den Umzug ein. Dort wurden Anfang der 50er Jahre unsere Mädchen Alexandra und Olga geboren … Zunächst wohnten wir im Gebäude der Schule, dann kauften wir ein kleines Haus. Anna Matwejewna unterrichtete russische Sprache und Literatur, ich unterrichtete Geschichte und Deutsch. Wir absolvierten ein Fernstudium. Annas Mutter, Marfa Iwanowna half bei der Kinderbetreuung.

Einem Parteilosen, noch dazu ehemaligem Kriegsgefangenem gegenüber brachte die Obrigkeit des Kreises nicht allzu viel Vertrauen entgegen. Leitungsfunktionen wurden vergeben, kam jedoch einer mit Parteidokument, wurde man abberufen. Meine berufliche Laufbahn beendete ich als Lehrer 1975. Jetzt lebe ich mit meiner Frau in der Stadt Rossosch, mit der uns sowohl glückliche Jahre unseres Lebens als auch tragische Seiten der Geschichte unserer Familie verbinden. Denn in dieser Stadt wurde am 31. August 1937 Annas Vater Lemeschko Matwej Dmirtijewitsch erschossen.

1989 wurde er rehabilitiert und 1996 erhielten wir darüber entsprechende Dokumente und eine kleine Entschädigung. Meine Schwiegermutter Marfa Iwanowna Lemeschko starb 1969 und hat so nichts vom weiteren Schicksal ihres Mannes erfahren. …

In der Stadt Rossosch lebt auch unsere jüngere Tochter Olga. Deren Söhne Alexej und Sergej haben Männerberufe gewählt, sie dienen der Heimat. Ich und meine Frau überleben dank unserer Kinder und Enkel. Unterstützt werden wir auch von Ärzten.

Besonderen Dank möchte ich zum Ausdruck bringen gegenüber Ihrer Gesellschaft „KONTAKTE“ – nicht nur für die materielle Hilfe sondern für das Gedenken an die Vergangenheit, die sich niemals wiederholen darf.

Möglicherweise sind meine Erinnerungen ein kleiner Beitrag zum Erhalt des Geschichtsbewusstseins unserer Völker.

Hochachtungsvoll Sergej Jakowlewitsch Poddubnyj..

P.S. Die Erinnerungen Papas wurden auf dem Computer geschrieben von Alexandra..

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