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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

342. Freitagsbrief (vom August 2005).

Ukraine
Saporoshje
Iwan Afanasjewitsch Sarizkij.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich danke Ihnen, dem Vorstand des Vereins Kontakte-Kontakty, von Herzen für die erwiesene Aufmerksamkeit, für Humanismus und Güte, für die Arbeit, die Sie zu Ehren der ums Leben gekommenen und wenigen noch lebenden, ehemaligen Kriegsgefangenen leisten.

Ja, die erschütternden Kriegsjahre 1941–45 waren eine Zeit unzähliger Leiden, Verwundungen, Tötungen, Krankheiten und Demütigungen. Dieser Krieg zerstörte das Leben vieler Millionen Menschen und Familien. Gebe Gott, dass so etwas in Zukunft nie wieder passiert!

Hier ein kurzer Exkurs in meine Vergangenheit: In diesem Jahr feiere ich meinen 84. Geburtstag. Wie alle jungen Leute des zwanzigsten Jahrhunderts war ich bestrebt, etwas aus meinem Leben zu machen: Ich lernte und arbeitete, wurde Elektromonteur und studierte an einer technischen Abendhochschule. Im Februar 1941, im dritten Studienjahr, wurde ich in die Sowjetarmee einberufen.

Der Krieg begann für mich im Baltikum, wo ich meinen Armeedienst leistete. Unter dem Ansturm der hochgerüsteten, übermächtigen Wehrmacht trat ich kämpfend mit meinem Artillerieregiment über die Drissa und die Städte Polozk, Witebsk, Newel, Welikije Luki und Wyssokopolje den Rückzug an. Mehrmals wurden wir von SS-Panzerverbänden umzingelt.

Bei einer dieser Umzingelungen wurde ich am Bein verletzt und erlitt eine schwere Kopfprellung. Während des Ausbruchs aus der Umzingelung in der zweiten Septemberhälfte 1941 wurde ich gefangen genommen. Für alle Soldaten in einem Krieg sind Tod, schwere Verletzung und Gefangennahme normale Begleiter. Doch in diesem Krieg kamen für unsere Generation neben Kriegsgefangenenlager, Arbeitslager, Stalags noch besonders schreckliche Massenvernichtungslager, sog. Konzentrationslager mit Krematorium hinzu, über deren Betrieb viel geschrieben wurde. Gott hat mich verschont und nicht zugelassen, dass ich in eines dieser Lager kam!

In den ersten Tagen der Gefangenschaft hielten SS-Kampfeinheiten [Wehrmacht?] uns (ungefähr 1000 Mann) in einer tiefen Talsenke mit einem kleinen Bach und Sträuchern fest. Die Talsenke war mehrreihig mit Stacheldraht eingezäunt (obgleich nicht zu erwarten war, dass die Verletzten fliehen würden). Es setzte Platzregen ein, Schneefall, leichter Frost. Nirgendwo konnte man unterkriechen. Alle, die noch etwas Lebenskraft in sich hatten, begannen, mit Händen, Steinen oder Ästen Höhlen für jeweils zwei bis drei Mann in die Hänge dieser Talsenke zu graben. Nach zwei, drei Tagen krochen alle entkräftet in diese Höhlen. Es gab neun Tage lang außer Brot-, Zwieback- und Konzentratkrümeln in unseren Taschen nichts zu essen. Am zehnten Tag brachten die Deutschen zwei magere Pferde, deren Haut mit großen, eiternden Pusteln übersät war. Der Kommandant erschoss die beiden Pferde mit seiner Pistole und wählte fünf Männer aus der Menge aus, damit sie die Pferde zerlegten. Dies waren hauptsächlich Tataren. Die Männer zerlegten die Pferde in kleine Stücke und gaben dann unter strenger Bewachung jeweils zwei Stückchen Pferdefleisch aus. Die Asiaten (Tataren, Mongolen, Tscherkessen) stürzten sich sofort auf das Fleisch, um es in Konservendosen zu kochen, während die Orthodoxen, die nicht an solche „Leckerbissen“ gewöhnt waren, sich zurückhielten. Ja, womit hätten sie auch kochen sollen, es gab kein Brennmaterial und kein Wasser.

Nach zwei, drei Tagen wurde Suppe aus unbehandelter Hirse herangekarrt und verteilt. Diejenigen, die sich ungeduldig auf diese Suppe stürzten, liefen kurz darauf zum Abortgraben, an dessen Längsseite sich Sitze aus gefällten Baumstämmen befanden. Die Sitze blieben für immer mit den leblosen Körpern dieser ungefähr 300 Männer besetzt. Ich überlebte hier und an den anderen Orten nur deshalb, weil ich geduldig war. Denn sowohl zu Hause als auch in der Schule war ich, ein Halbwaise, unterernährt gewesen; ich erhielt damals achtzehn Monate lang ein Stipendium in Höhe von 29,50 Rubel pro Monat, das 30–31 Tage reichen musste. Wenn ein [deutscher] Soldat eine fast leere Konservendose wegwarf, stürzten sich 50–60 Männer wie Hunde auf diesen „Leckerbissen“, während die Deutschen lachten und diese „lustige“ Szene fotografierten.

Aus dieser unheilvollen Talsenke trieb man uns und andere Gefangene nach Welikije Luki [Stalag 100?] und sperrte uns, nass wie wir waren, in steinerne, dachlose Gebäude mit Zementboden. (Die von der Sowjetarmee gehaltene Stadt Welikije Luki fiel mehrmals in deutsche Hände.) Ich versuchte, mich nicht auf den feuchten, kalten Boden zu legen oder zu setzen, um bloß nicht krank zu werden!

Der Tagesablauf war hart: mehrmals täglich Antreten, dazu Prügel und Erschießung der Zurückgebliebenen, Schwachen und Krüppel. Dies passierte auch auf dem Marsch: Diejenigen, die schwach waren und zurückblieben, wurden ohne jegliches Mitleid erschossen oder mit riesigen Schäferhunden gejagt. (Ich hasse bis auf den heutigen Tag alle Haushunde.)

Dann Antreten, Abmarsch zur Eisenbahnstation, Verladung in geschlossene Güterzüge, Ankunft im KZ Resekne[Stalag 347 Rossitten/Lettland] im frostigen Winter. Die Kälte drang ringsum durch Mauerritzen in die Baracken. In der Mitte standen drei Fässer, in denen billige Kohle brannte. Wiederum Antreten, Durchzählen, mehrmals täglich. Jedes Mal setzte es Schläge mit dem Sturm- oder Maschinengewehrkolben oder mit einem dicken Astknüppel (dies erledigte die aus unseren Reihen rekrutierte Polizaj) und fielen Schüsse. Anschließend schaffte man die Getöteten und Verwundeten fort.

Verpflegung: Dreimal täglich gab es etwas zu essen. Morgens Tee (kochendes Wasser) + 100 g Ersatzbrot; mittags 0,5 l Balanda (Suppe) aus ungewaschenen Kartoffelschalen oder Steckrüben; abends noch einmal 0,5 l kochendes Wasser. Jeden Tag musste ein (aus Kameraden zusammengesetzter) Beerdigungstrupp 140–180 Tote auf Karren in eine tiefe Schlucht befördern. Es kam vor, dass man sich abends mit seinem Pritschennachbarn unterhielt und morgens nicht wissen konnte, ob er noch lebte oder nicht: Der Uniformmantel bewegte sich, doch die anderen Nachbarn erklärten ihn bereits für tot. Was den Mantelstoff in Bewegung versetzte, waren Läuse, die es in Unmengen gab.

Ich kam auf die Krankenstube (meine Wunden begannen aufzubrechen), kehrte aber nach ein paar Tagen in die Baracke zurück, da es dort nur die halbe Verpflegungsration gab. Einige Kranke wurden noch lebend aus der Krankenstube getragen. Sie schrien „Doktor, ich lebe, lassen Sie mich hier!“ Die Männer des Beerdigungstrupps waren wohlgenährt und großmäulig – genauso wie die (aus unserer Mitte rekrutierte) Polizaj; sie erhielten von den Deutschen doppelt soviel zu essen. Aus den Kleidern der Toten klaubten sie Brot, Tabak, Uhren und anderes. Auch einen Marktplatz gab es.

Im März 1942 hieß es erneut Antreten, Durchzählen, Abmarsch zur Verladung in einen Massentransportzug, der uns nach Daugavpils [Stalag 340 Dünaburg/Lettland] brachte. Auf dem breiten Torbogen stand geschrieben: „Du für mich, ich für dich!“ – so lauteten die Begrüßungsworte. Ich habe solche Aufschriften später noch in anderen Lagern, Stalags und Arbeitskommandos gesehen.

Hier in Daugavpils bemühte ich mich, in ein Arbeitskommando zu kommen, das aus bis zu 50 Mann bestand. Egal, was für eine Arbeit zu leisten ist, die Zeit vergeht dann schneller, und vielleicht steckt mir irgendjemand ein kleines Bündel mit Kartoffeln oder Brot oder Kohl oder roten Rüben heimlich zu.

Ende 1942 (im Dezember) begannen die Deutschen, den Ukrainern besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dolmetscher aus der Westukraine und Deutsche aus dem Wolgagebiet prüften anhand vieler Wörter unsere ukrainischen Sprachkenntnisse. Ich bin Ukrainer, und so kam ich tatsächlich in ein Arbeitskommando auf Dauer und lebte in einer gesonderten Baracke. Wir erhielten unterschiedliche Aufgaben und waren tagsüber jungen Offizieren als Offiziersburschen zugeteilt (abends ging es zurück in die Baracke).

Ich bemühte mich, alles zu tun, damit Oberleutnant Paul zufrieden war. Er aber suchte ständig nach einem Grund, mich zu demütigen: Nach dem Toilettengang hieß er mich die Kacke, die er im Klosettbecken angehäuft hatte, wegzuspülen. Ich musste drei- bis viermal den Spülhebel betätigen und danach das Becken noch von Hand säubern. Ich hielt es nicht aus und bat um eine andere Arbeit. Als Obergefreiter Hans mich abholen kam, stieß Paul mehrmals mit dem Fuß und Knie in mein Gesäß. Sie schafften mich zurück in die Baracke und schickten mich nach einer arbeitsfreien Woche, o Wunder, in die Waschküche.

Nach ungefähr fünfzehn Tagen kam ich zu einem Arbeitskommando, das aus 100 mit „SU“ gekennzeichneten Ukrainern bestand. Dort teilte man uns Kraftfahrern, die Gasgeneratorwagen der französischen Marke Citroën fuhren, als Helfer zu. Man brachte uns bei, Brennholz zu Holzklötzchen zu zersägen (wenn es kein fertiges Material gab), die Gasgeneratoren damit zu beschicken und zu erhitzen, die Brennbarkeit des Gases zu prüfen und dem Kraftfahrer die Betriebsbereitschaft des Gasgenerators und des Wagens zu melden. Die Verpflegung wurde besser, ebenso das Verhalten der Deutschen uns gegenüber. Wir mussten die Kraftfahrzeuge intakt halten, anderenfalls drohte die Rückkehr ins Konzentrationslager [Stalag]. Manchmal rückte ein gut gelaunter Kraftfahrer einen Zigarettenstummel heraus!

Mehrmals wechselten wir die Kolonne, möglicherweise auch das Regiment. Im Februar 1945 befand sich unsere Kraftfahrzeugkolonne in dem Dorf Bonin. 20 Mann wurden aus dem SU-Gefangenentrupp herausgerufen und auf eine abgedeckte Fahrzeugpritsche gesetzt. Auf den beiden anderen Wagen fuhren Deutsche: Unteroffiziere, Feldwebel, Stabsfeldwebel usw. In Schivelbein [Westpommern. Polnischer Name: S'widwin] erhielten wir mehrere neue Wagen mit Ottomotor. Auf den Straßen von Schivelbein sowie auf der Landstraße nach Bonin lagen Schneewehen. Durch Anschieben brachten wir einen Wagen nach dem anderen durch die Schneeverwehungen. Dabei halfen uns die Deutschen. […]

Natürlich gab es auch Deutsche, die uns nicht schätzten. Sie belegten uns in einem Ausbruch des Zorns mit Schimpfwörtern wie „Schweine“ und schlugen uns mit Gewehrkolben auf den Rücken und möglichst auf den Kopf. Es gab aber auch viele, die sich normal verhielten: Frank, Franz, Helmut, Johann, Hans, Paul, Friedrich usw.

Wenn das noch warme Brot zu den Soldaten gebracht wurde, gaben sie uns die Reste der zerdrückten Brotlaibe. In jedem Volk (Deutsche, Russen, Ukrainer usw.) gibt es einerseits gute Menschen und andererseits egoistische, ehrgeizige und unbeherrschte Menschen. Ich verzeihe ihnen.

Grausam behandelte uns die Wachmannschaft, als der Krieg nach Deutschland kam. Bei dem kleinsten Vergehen durfte sie den Betreffenden ins Konzentrationslager [Stalag] zurückschicken! In der ganzen Zeit kamen wir SU-Gefangene niemals in die Nähe der Front. Der Rückzug der deutschen Truppen erfolgte über Königsberg und Stralsund (an manche Städte erinnere ich mich nicht mehr) – die Ostseeküste – die Gegend um Rostock, Schwerin, Bad Kleinen usw.

Ich bemerkte auf den Kotflügeln der Kraftfahrzeuge die Nummer 630. Auf meine Frage hin erklärte mir ein Deutscher, dass es sich um die Regimentsnummer handelt.

Meine Kameraden und ich wurden von amerikanischen Truppen zwischen dem 20. und 25. April 1945 aus einem Kriegsgefangenenlager einer Kleinstadt in Westdeutschland befreit. An den Ortsnamen erinnere ich mich nicht genau: Baden oder Seebaden [?]. Damals spielte der Name einer Stadt angesichts unserer Freude über die Befreiung keine Rolle.

In den ersten Tagen waren wir bei den amerikanischen Soldaten willkommen. Dann begannen sie, die Tore und Pforten nicht nur zur Nachtzeit, sondern auch am Tage zu schließen. Eines Tages kam ein sowjetischer Major (an dessen Name ich mich nicht erinnere) auf einem Motorrad mit Beiwagen angefahren. Er sprach uns an: „Wer möchte, kann in unsere Zone kommen.“ Wir, ungefähr 15 Mann, fanden zwei weitgehend intakte Lastkraftwagen und fuhren dem Motorrad des Majors hinterher.

In der sowjetischen Zone unterzogen sie uns einer einwöchigen Überprüfung und schickten uns dann auf den Mobilisierungsbefehl des Militärkommissariats hin zurück in die Sowjetarmee. 1946 wurde ich aus der Armee entlassen. Ich war krank, hatte ein Zwölffingerdarmgeschwür und einen doppelseitigen Leistenbruch und wurde operiert.

Ich heiratete. Mein Sohn und mein Enkel sind erwachsen, gesund und arbeiten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet. Meine Frau und ich sind Rentner. Nach dem Krieg absolvierte ich, allerdings mit Verspätung, die höhere Schule sowie (laut alten Dokumenten) das Metallurgische Institut. Danach bekleidete ich verschiedene leitende Positionen. Die Rente ist bei uns in der Ukraine nicht hoch – 100 US-Dollar (500 Griwna). Dass ich in Gefangenschaft war, ist nichts, womit ich prahlen konnte. Das ist meine Schande! Das muss jeder selbst beurteilen!

Mit freundlichen Grüßen [Unterschrift]

P.S. Bitte verzeihen Sie, wenn ich mich bei den vorstehenden Datumsangaben geirrt habe. Ich hatte keinen Kalender bei mir. Aber Fakten sind nun einmal Fakten!.

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