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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

34. Freitagsbrief (16.02.2007).

Boris Antonowitsch Popow
Belarus
Minsk

Sehr geehrte Frau H. Schramm und Herr E. Radczuweit,

ich bedanke mich für Ihr ungewöhnliches Schreiben, in dem Sie Ihre Anteilnahme zum Ausdruck gebracht haben. Sie haben Verständnis gezeigt. Sie verstehen, was in Kriegsgefangenschaft geratene sowjetische Soldaten erlebt haben, insbesondere in den ersten Kriegsmonaten. Wir ergaben uns nicht. Wir wurden von unerfahrenen Kommandeuren in die Kriegsgefangenschaft übergeben. Diese Kommandeure wurden ihrerseits von verzweifelten Leitern des Staates zusammen mit uns praktisch in die Kriegsgefangenschaft geschickt. Aus diesem Grund ist es nicht korrekt, uns dafür zu beschuldigen, dass wir in Kriegsgefangenschaft gerieten. So war es aber in unserem Land. (…)

Ich diente in Belarus, 60 km von der polnischen Grenze entfernt. An Kampfhandlungen war ich als Mechaniker und Panzerfahrer beteiligt. Am 30. Juni 1941 wurde mein Panzer im Kampf um die Stadt Wolkowysk getroffen. Zwei Besatzungsmitglieder starben. Der Rest unseres Regiments zog sich nach Minsk zurück. Am 5. Juli, 12 km von der Stadt entfernt, trafen wir auf deutsche Einheiten. Zuvor gab es bereits Kämpfe mit deutschen Fallschirmjägern. Deutsche Infanterie in Minsk – das war für uns eine böse Überraschung.

Nach der Gefangennahme geriet ich in ein Lager. Es war in der Siedlung Drozdy bei Minsk, am Fluss Swislotsch. Im Lager gab es über 100 000 Kriegsgefangene und etwa dutzende Tausend (ca. 40 000, d.Ü.) Zivilisten. Die ersten Tage erhielten wir fast kein Essen. Einmal täglich kam ein LKW. Aus dem Wagen wurden in bestimmten Zeitabständen Lebensmittel auf den Boden geworfen: Nudeln, trockener Fisch, Heringe. Es gab tausende Hungrige und wenig Chancen, etwas zu bekommen. Manche, die versuchten, etwas zu erhalten, wurden einfach (von Kameraden d.Ü.) erdrosselt. Die Lebensmittel waren mit Erde gemischt. Man trank das Wasser mit Schlamm aus dem Fluss. Danach wurde das Lager in die Stadt verlegt. Das Essen gab es einmal täglich, einen Liter Balanda [1] pro Tag. Es brach die Ruhr aus. Die Kräfte nahmen ab. Die Gefangenen starben.

Sie schämen sich, dass das heutige Deutschland für zugefügtes Leid sich bei uns nicht entschuldigt hat. Ich sage ehrlich, vielmehr hätte ich gerne von meiner früheren Regierung Worte der Entschuldigung für die verräterische (anders kann ich es nicht ausdrücken) Behandlung der eigener Soldaten gehört, die in Kriegsgefangenschaft gerieten. Während alle europäischen Staaten sich um ihre Kriegsgefangenen kümmerten und sie unterstützen, vertrat die Sowjetunion eine unzivilisierte Position.

Wie sah mein Leben aus? Im April 1945 wurde ich von sowjetischen Truppen im Stalag IV B bei Mühlberg an der Elbe befreit. In diesem Lager hielt ich mich seit Mai 1942 auf. Die ganze Zeit arbeitete ich zusammen mit den französischen und russischen Kriegsgefangenen im lagerinternen Gemüsegarten.

Nach der Befreiung arbeitete ich bei der Behörde für die Repatriierung der verschleppten Bevölkerung in der Stadt Elsterwerda. Danach war ich ein halbes Jahr in der Militärkommandantur von Limbach als Dolmetscher eingestellt. Im März 1946 kam ich nach Leningrad, wo meine Mutter lebte. Sie hatte die Blockade überlebt. Im September 1946 setzte ich das Hochschulstudium im Institut fort. Mein Studium war 1940 wegen der Einberufung zum Wehrdienst unterbrochen worden. Ein interessanter Zufall: Ich arbeitete als Ingenieur in einem Ministerium. Ins selbe Haus hatte mich zuvor ein deutscher Mayor für die Arbeit als Lastträger gebracht. Damals rettete es mein Leben.

Bei der Berechnung meiner Rente im Jahre 1985 sollten die in Kriegsgefangenschaft verbrachten Jahre mal Koeffizient 2 berücksichtigt werden. Auf meinen Antrag bei den entsprechenden Institutionen wurde bescheinigt, dass die Institutionen über keine Nachweise meines Verbleibs in Kriegsgefangenschaft verfügen. Eine andere Organisation verweigerte die Bestätigung dieser Tatsache. Als Ergebnis wurde meine Rente niedriger als die Summe, die mir zustehen sollte. [2] Später wollte ich die Entschädigung für in Deutschland verbrachte Jahre beanspruchen. Als ehemaliger Kriegsgefangener bekam ich eine Ablehnung. [3] So bin ich in einen Teufelskreis geraten.

Was meine Erlebnisse in der Vergangenheit, meine Erinnerungen an die in Kriegsgefangenschaft verbrachten Jahre anbelangt, kann man darüber sehr viel schreiben. Ich werde nur einige Tatsachen schildern.

1943 befand ich mich im Stalag IV B. Eine Kolonne arbeitete bei den Bauern im benachbarten Dorf. Ich wollte dorthin mitgehen und das Leben der Deutschen beobachten. Ein Wachsoldat führte mich zu einem Haus und übergab mich der Hausfrau. Danach war sie für mich verantwortlich. Den ganzen Tag bauten wir Erdbeeren an und unterhielten uns. Abends kam ihr Ehemann von der Arbeit. Er schloss sich unserem Gespräch mit Interesse an. Er beschimpfte Hitler und seine Gefolgsleute. Vor meinem Weggehen ins Lager schlug er mir vor, an einem anderen konkreten Tag noch einmal zu kommen. Ich kam. An diesem Tag hatte er Geburtstag. Ich verbrachte den ganzen Tag im Kreis seiner Familie, wie ein nahe stehender Mensch. Wie saßen am Tisch, tranken Wein und führten verschiedene Gespräche. Dieser Vorfall bestimmte im Großen und Ganzen meine Stellung zur deutschen Bevölkerung.

In Chatyn wurde ein Denkmal zur Erinnerung an Kriegsgefangenenlager errichtet. Es hat sich so ergeben, dass ich in drei Lagern war: in Minsk, Gomel (im Winter 1941) und Bobrujsk. Die Existenzbedingungen in diesen Lagern waren sehr schwer. Im Gomeler Lager herrschte im Winter Typhus. Tausende Kriegsgefangene starben. Sie wurden nicht bestattet. Die Leichen brachte man zu einem Platz und stapelten sie dort. Im Frühjahr wurden Kolchosarbeiter gezwungen, die Leichen mit der Karre wegzubringen. Außerhalb der Stadt wurden sie in einem Panzergraben bestattet.

Im Frühjahr wurden Überlebende des Gomeler Lagers versammelt und mit dem Zug nach Bobrujsk geschickt. Von dort ging es ins Lager Lesnaja. Nach einer monatlichen Quarantäne wurden Kriegsgefangene nach Deutschland, ins Stalag IV B transportiert. Im Lager Lesnaja und im Stalag IV B wurde ich nach einer Denunziation in die Liste der Juden eingetragen. Die Juden sollten extra deportiert werden. Nur ein Wunderfall rettete mich. Am Auswahltag hatte ich einen Arbeitseinsatz. Ich wurde in der Reihe nicht entdeckt. Eine Gruppe führte man unter Bewachung weg. 1943 wurde ich in einem anderen Lager einer Prüfung der Sonderkommission für Selektionen ausgesetzt. Die Kommission bestand aus zwei Spezialisten aus Berlin in Zivil, einem SS-Offizier und einem Dolmetscher. Die Spezialisten untersuchten mich aufmerksam und behaupteten, dass ich Jude sei, der einen russischen Namen angenommen hätte. Ich hatte keine Papiere. Mich rettete nur, dass im Lager mein Studienkamerad war. Er bestätigte meine Aussage. Diesmal wurden von 23 Personen, die zur Prüfung geführt worden waren, 21 Personen aus dem Lager unter strenger Bewachung weggebracht. Nach der Prüfung entschied ich, dass ich das Lager nicht verlassen sollte. Gesunde Kriegsgefangene durften nicht im Lager bleiben. Sie musste in einem Arbeitskommando sein. Mir half ein Lagerdolmetscher. Er schrieb in die Liste für einen deutschen Arzt neben meinem Namen „behindert“. Er machte das ohne meine Bitte. (…) So lebte ich im Lager bis zur Befreiung.

Während meiner Arbeit im Filmstudio „Belarusfilm“ besuchte ich zweimal Deutschland. 1973 war ich in Berlin am Kongress UNIATEK als Vertreter der UdSSR. 1978 besuchte ich die Ausstellung „Photokino“ in Köln. Beide Male beachtete ich den hohen Lebensstandard der deutschen Bevölkerung.

Ich bin Ihnen für den Brief dankbar und wünsche Ihnen jeden denkbaren Erfolg bei Ihrer Tätigkeit.

Hochachtungsvoll

B. A. Popow.

(Unterschrift).

1. Februar 2007.

Dem Brief ist die Kopie einer Seite aus einem Buch von B. Pawlenok beigefügt. Herr Popow wird beschrieben als „talentvoller Ingenieur, der als 18-jähriger Junge gefangengenommen wurde“. „Ich habe ihn zum Chefingenieur des Filmstudios ernannt. In wenigen Jahren machte er die technische Ausrüstung von „Belarusfilm“ zu einer der besten in der Sowjetunion“, – schreibt B. Pawlenok.

Herr Popow wurde mit unserer letzten Spendentranche via Belarus begünstigt. Jetzt haben wir in Belarus bis auf 30 Personen, deren Unterlagen noch geprüft werden, allen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Spenden als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts übermittelt. Wir danken der Belorussischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ für die gute Zusammenarbeit.

****

[1] Balanda – „Gefängnissuppe“ (Wasser mit Gemüseresten)

[2] Hier irrt Herr Popow: Nach sowjetischer Gesetzgebung hatten nur „rechtmäßig anerkannte NS-Geschädigte und Kämpfer gegen den Faschismus“ Anspruch auf eine erhöhte Rente. Ehemalige Kriegsgefangene waren ausgeschlossen.

[3] „Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung“, § 11, Abs. 3 des Bundesgesetzes zur Errichtung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

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