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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

338. Freitagsbrief (vom August 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Georgij Illarionowitsch Kopylow
Russland
Gebiet Swerdlowsk.

Wer ich bin? Ich bin der Sohn eines Knechtes, der sein ganzes junges Leben lang für reiche Bauern geschuftet hat. Ich war zur Sowjetzeit aktiver Komsomolze, deshalb bin ich auch nach Estland gekommen, wo ich eine besonders wichtige Staatsaufgabe ausführen sollte. Ich war ein engagierter junger Mann, habe für die Sowjetmacht gekämpft, wie es mir mein Vater und mein älterer Bruder mit auf den Weg gegeben hatten. Ich habe Ihnen geschrieben, dass ich am 15. April 1917 geboren wurde, schon damals habe ich um mein Leben gekämpft, als meine Mutter mich ins Wasser hat fallen lassen, weil sie auf einem Floß das Gleichgewicht verlor, als sie vor Weißgardisten geflohen ist, die sie foltern wollten. Mein Vater kämpfte für die Sowjets. Vor dem Krieg und während des Krieges war ich auch patriotischer Anhänger der Sowjetunion. Ich habe am Institut studiert; nach dem Krieg habe ich, als ich zurück in der Heimat war, beim Wiederaufbau einer großen Ziegelfabrik mitgearbeitet, in der ich dann etwa 50 Jahre lang gearbeitet habe. 1990 hat die Mafia die Fabrik ruiniert, hat sie an verschiedene Interessenten verkauft, damit sind sie reich geworden und haben sich Landhäuser gebaut. Ich lebe jetzt bei meiner Tochter, verbringe bei ihr meine letzten Jahre (Ich habe schon ein schlechtes Gedächtnis und höre schlecht).

[…]

3. Ich habe Ihren Brief sehr aufmerksam gelesen. Ich möchte Ihnen nochmals ein großes Dankeschön für alles sagen. Ich werde versuchen, Ihnen von der schlimmen Zeit in meinem Leben zu schreiben und den Momenten, als mein Leben am seidenen Faden hing. Von einem solchen Moment habe ich Ihnen schon geschrieben, als man mich auf einem zweirädrigen Karren mit Toten weggebracht und in ein Massengrab geworfen hat – das war so ein Moment, als ich mal wieder nur knapp dem Tod entkommen bin.

[…]

Brief aus Estland vom 02.03.1993 :

Auf Ihre Anfrage bezüglich Georgij Illarionowitsch Kopylow, der während des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945 Gefangener im Todeslager in unserer Stadt war, teilen wir Ihnen Folgendes mit: Vor dem Krieg war unsere Stadt Maardu eine Arbeitersiedlung mit einem Bergwerk, in dem Phosphorit gewonnen wurde. Neben diesem Bergwerk wurde ein Lager für Kriegsgefangene errichtet. Das Lager war nicht groß, es bestand aus zwei Baracken. Jede Baracke war in zwei Hälften unterteilt, in der jeweils 30–35 Gefangene untergebracht waren. Insgesamt lebten 150–160 Personen im Lager. Die Gefangenen mussten im Bergwerk bei der Gewinnung von Phosphoritknollen arbeiten. Die Lebensbedingungen im Lager waren außerordentlich schlecht. Jeden Monat starben 25–30 Menschen. Jeden Monat wurde die gleiche Anzahl neuer Gefangener aus einem Lager in Tallinn geholt.

[Herr Kopylow beschreibt im folgenden die Flucht aus diesem Lager]

Als wir in dieses Bergwerk gebracht und in die zweigeteilte Baracke gesteckt wurden, die sich in einer Ecke des Lagers befand, da konnte man aus dem Gebäude den doppelten Stacheldrahtzaun sehen, etwa zwei Meter breit. Der Abstand von der Baracke zum Zaun betrug sieben Meter. In der Mitte des Zauns war ein Graspfad zu sehen, hier lief in der Nacht der Wachsoldat entlang. Die Fenster der Baracken waren zweifach vergittert. In der Baracke gab es Bretterpritschen, etwa 40 cm über dem Boden. Neben den Pritschen stand eine Tonne, die als Toilettenersatz diente, sowie ein Ziegelsteinofen. Neben dem Ofen lag Brennholz herum. Wir suchten uns einen Platz auf den Pritschen und sagten zueinander, dass uns hier der sichere Tod erwartete. Bald kam mir und meinen Freunden der Gedanke, unter den Pritschen am Ofen, in der Ecke, ein Loch zu graben. Wir stellten fest, dass die Außentreppe den gleichen Abstand zur Erde hatte wie das Fundament – 60 cm. Wir konnten also ein Schlupfloch unter der Außentreppe und unter dem Boden machen.

Aber wie? Und wann? In dem kleinen Raum befanden sich ja in der Nacht 30–35 Menschen (wir schliefen direkt einer neben dem anderen). Und jemand von ihnen konnte uns verraten, aus Feigheit und um sein Leben zu retten; und überhaupt war diese Sache für uns alle äußerst gefährlich. Wir wählten in der Baracke einen als Stubenältesten (einen Handlanger der Wachen). Gemeinsam begannen wir ihn zu „bearbeiten“. Er erklärte sich einverstanden, zusammen mit allen aus unserem Raum zu fliehen. Es war sehr gefährlich und riskant, aber wir entschlossen uns, es zu versuchen und gingen ans Werk. Das Loch im Boden unter den Pritschen hatten wir schnell gemacht und wir deckten es mit Lumpen, Brettern und Brennholz ab. Dann versuchten wir, unter der Außentreppe einen Ausgang zu machen. Im Bergwerk fanden wir bei der Arbeit am Tag Eisenteile in Form einer Schaufel. Das war unser Werkzeug. Wir gruben nur bis zur Schlafenszeit, wenn alle sich schlafen legten. Die anderen in unserem Raum machten Lärm, während wir gruben, damit die Männer in der anderen Hälfte der Baracke nichts mitbekamen. Als wir den Durchgang unter der Außentreppe fertig hatten, merkten wir, dass der Boden sehr weich und sandig war, und da begannen wir darüber nachzudenken, ob wir mit unseren „Schaufeln“ einen Tunnel unter dem Stacheldraht hindurch graben könnten, also neun Meter lang. Und so machten wir es dann.

Zuerst kroch einer unter den Boden, bestimmte eine Stelle im Boden am Fenster, das zum Stacheldraht hinausging. Wir machten ein Loch in den Boden. Im Bergwerk fanden wir eine lange Schnur, die wir in zwei Teile zerschnitten. Das eine Ende legten wir unter den Boden, auf den Pritschen postierten wir einen Aufpasser (einen, dem wir vertrauten), der uns mit der Schnur ein Zeichen geben sollte, falls eine Wache in der Baracke auftauchte. Wir Drei kletterten in das Bodenloch (unsere Mäntel ließen wir auf unseren Pritschen liegen und legten Holz darunter, so dass es so aussah, als lägen wir dort). Unser Freund Sascha hielt Wache am anderen Ende der Schnur, während Pjotr und ich den Tunnel gruben. Ich ging immer voraus und hatte die Schnur um mein linkes Bein gebunden. Wir hatten folgende Abmachung: Wenn eine Wache in die Baracke kam oder am Fenster vorbeiging, zog Sascha einmal an der Schnur. Wenn Alarm war, zog er mehrmals. Die Arbeit war gefährlich, sehr gefährlich. (Den Sand trugen wir mit den Händen unter dem Bauch). Plötzlich stürzte von oben der Sand auf uns herunter. Ich wurde unter dem Sand begraben und rief nach meinen Kameraden. Wir alle Drei waren ratlos, was sollten wir tun? Wenn wir weiter in einer Tiefe von mehr als einem Meter graben würden, konnten wir alle bei lebendigem Leibe dort verschüttet werden. Wenn wir einen Ausgang an der Barackenwand machen würden, würde uns der Wachsoldat bei der Patrouille bemerken. Die Kameraden wollten es dennoch so machen, sie wollten weiter graben und sich auf die kollektive Flucht vorbereiten, bei der natürlich der Wachsoldat getötet werden musste. Ich stritt mit den anderen deswegen, ich war nicht einverstanden mit ihnen. In der Panik sagte ich zu ihnen: Sie werden uns alle umbringen.

Ich prüfte dann die obere Erdschicht, die bewachsen war – sie stürzte nicht ein, sie hielt. So beschloss ich, den Tunnel zum Stacheldraht direkt unter dieser Erdschicht zu graben. Wir brauchten dafür etwa einen Monat. Allerdings hing in dieser Zeit unser Leben am seidenen Faden, denn der Wachsoldat hätte in der Nacht den Tunnel jeden Moment entdecken können, die Erdschicht war so dünn, dass er bei einem festeren Tritt sofort eingebrochen wäre. Außerdem hätte man uns beim Graben überraschen können. Einmal kam es zu folgendem Vorfall: Ich grub schon unterhalb des Stacheldrahtzauns. Zu der Zeit halfen schon viele Gefangene beim Graben des Tunnels mit. Plötzlich spürte ich, dass an der Schnur an meinem Bein fest gezogen wurde und ich hörte die anderen rufen: „Wache in der Baracke, wir kriechen unter das Fundament des Ofens …“ Ohne lange nachzudenken grub ich mit den Händen ein Loch nach draußen und wollte hinausklettern. Als mir die frische Luft ins Gesicht schlug, verließen mich die Kräfte und ich lag bis zum Morgen halb bewusstlos da. In diesem Zustand brachten mich die anderen am nächsten Morgen zur Arbeit. Einer der Wachen wollte mich schon erschießen, aber die anderen ließen es nicht zu, überzeugten ihn davon, es nicht zu tun.

Alle warteten voller Ungeduld auf die Nacht. Fast alle aus unserer Barackenhälfte wussten schon von dem Tunnel. Der Barackenälteste wollte unbedingt zusammen mit seinen Leuten zuerst durch den Tunnel nach draußen kriechen. Aber meine Gruppe beharrte darauf, dass wir als Erste durch den Tunnel gehen würden. Endlich war die Zeit gekommen, zu der die Gefangenen in die Baracken gehen mussten. Als es dunkel war, krochen wir als Erste in den Tunnel, ich kroch voran. Wir hatten vorher beschlossen, dass wir uns in kleinen Gruppen in den Wäldern verstecken würden. Die Nacht war kurz, nicht alle schafften es. Ich war sauer auf meinen Freund Pjotr, weil er beim Herausklettern mit seinem Kochgeschirr hängengeblieben und einen kleinen Einsturz (so sagte er selbst) verursacht hatte. Das war einer der Gründe, warum es nicht alle geschafft haben herauszukommen. Außerdem war der Tunnel sehr eng und nicht sehr stabil. Und schließlich waren nicht alle auf die Flucht vorbereitet, hatten Angst. Neun Männer blieben in der Baracke zurück, dabei hätten sie fliehen können, neben dem Lager war ein Wald, man konnte sich also gut verstecken. Was mit diesen neun Leuten passiert ist, habe ich später vom ehemaligen Schuldirektor der Stadt Maardu erfahren. Er hat mir geschrieben, dass die Wachen diese neun Gefangenen getötet haben. Außerdem sind damals auch zwei der Wachen getötet worden, aber von wem, das weiß ich nicht, und wie das passiert ist, weiß ich auch nicht.

Ich möchte nochmal betonen, dass wir, wenn wir die Flucht nicht gewagt hätten, alle im Lager von Tallinn verhungert wären und jetzt zusammen mit den Frontsoldaten dort unter der Erde lägen. Und wenn unsere Armee nicht an allen Fronten den Ansturm der deutschen Truppen aufgehalten hätte, läge ich jetzt auch in der estnischen Erde. Denn die Esten haben die Russen damals noch heftiger schikaniert als die Deutschen, haben ihnen noch das letzte Stück Brot weggenommen. Auch unter den Russen gab es allerdings Bestien – die Polizai. Auch das darf man nicht vergessen. Es gab unter den russischen Kriegsgefangenen solche, die die eigenen Leute mit ihren Stöcken und Peitschen umgebracht haben, um die eigene Haut zu retten. Als der Krieg zu Ende war, sind diese Bestien alle abgehauen und nicht in die Sowjetunion zurückgekehrt. Auch heute gibt es Menschen, die Schuld auf sich laden, um selber besser durchs Leben zu kommen. Solche wird es immer geben …

****.

Auf Nachfrage senden wir den ungekürzten Brief.

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