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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

337. Freitagsbrief (vom Juni 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Fedor Archipowitsch Tscherepowskij.

[Es schreibt die Tochter Natalja Fedorowna Sintschenko].

Sehr geehrter […].

Diesen Brief schreibt Ihnen auf Fedor Archipowitschs Bitte hin seine Tochter!

Vielen Dank für Ihre Interesse und Ihre Anteilnahme am Schicksal meines Vaters. Das Geld, das Sie ihm geschickt haben, hat er bekommen, Danke!

Weder Geld noch Worte können ihm allerdings die zehn Jahre zurückgeben, die ihm der Krieg geraubt hat, oder das vom Krieg zerstörte Leben. Als er Ihren Brief bekommen und gelesen hat, war er so aufgerüttelt, dass er Medikamente brauchte, denn er ist jetzt schon sehr schwach und um seine Gesundheit steht es nicht zum Besten. Er hat mich gebeten, Ihnen zu danken und weiter nichts zu schreiben, da es ihm sehr schwer fällt, an all das zurückzudenken.

Ich, seine Tochter Natalja Fedorowna Sintschenko, möchte Ihnen aber von seinem Leben erzählen. Er ist jetzt 85 Jahre alt.

Mein Vater, Fedor Archipowitsch Tscherepowskij, kam am 1.1.1924 in einer Familie von Kolchosbauern in Nadeshjowka im Bezirk Skosyrskaja (Gebiet Rostow) zur Welt. Seine Eltern, Archip Dawydowitsch und Lukerja Iowna waren einfache Bauern. 1941 begann der Krieg gegen die Faschisten. Im Januar 1943 wurde Fedor Archipowitsch Tscherepowskij in die Sowjetische Armee einberufen.

Am 9.2.1943 wurde er bei einem Gefecht an der Front bei Kemensk schwer am Kopf verwundet,er blutete stark und verlor das Bewusstsein. So geriet er im Alter von 19 Jahren auf ukrainischem Gebiet in Nazi-Gefangenschaft. Seine Mutter Lukerja Iowna bekam damals eine Benachrichtigung, ihr Sohn Fedor sei gefallen. Dabei wurde er von den Deutschen nach Deutschland deportiert. Er arbeitete im Steinbruch in Elsass-Lothringen an der Grenze zu Frankreich, unter der Aufsicht von bewaffneten Nazis mit Schäferhunden. Zweimal versuchte er die Flucht, wurde aber jedes Mal wieder aufgegriffen. Dass er am Leben blieb, hat er der Tatsache zu verdanken, dass ein deutscher Bauer ihn aus dem Lager holte und ihn bei sich im Pferdestall arbeiten ließ, wo er sich um die Pferde kümmern musste.

Als Deutschland von den Amerikanern befreit wurde, wurde er Ende 1945 zusammen mit anderen Kriegsgefangenen unter Bewachung zurück in die Sowjetunion geschickt. Hier wurde er verurteilt, weil er in der Gefangenschaft gewesen war, und nach Prokopjewsk im Gebiet Kemerowo verschickt, wo er bis Juni 1953 in der Verbannung seine Strafe absaß. So wurde mein Vater Opfer des Stalinregimes.

Im Juni 1953 wurde er rehabilitiert, die Vorstrafe wurde ihm erlassen, und die Aberkennung der Bürgerrechte aufgehoben. Im Alter von 29 Jahren kehrte er an seinen Wohnort Nadeshjowka im Bezirk Skosyrskaja und zu seiner Mutter zurück. Im November 1953 heiratete er meine Mutter und lebte und arbeitete von da an im Ort Skosyrskaja. Er hat 30 Jahre als Koch in der Kolchose gearbeitet. Mit 60 Jahren ist er in Altersrente gegangen. Er hat mehrere Auszeichnungen für seine Verdienste bei der Arbeit bekommen, wurde Arbeitsveteran und mit der Medaille „Für außerordentlichen Arbeitseinsatz“ ausgezeichnet. Erst im Sommer 1998 hat er aber einen Nachweis über seine Teilnahme am Krieg bekommen, weil man ihn im Russischen Staatsarchiv erst 1998 von der Liste der Gefallenen gestrichen hat. Bis 1998 war er offiziell am 9.2.1943 gefallen. All diese 55 Jahre von 1943 bis 1998 war er moralisch unterdrückt.

Heute wird er von Seiten des Staates gut behandelt: man zeigt Interesse an ihm, er bekommt eine Rente und im November 2008 hat er vom Staat ein Auto bekommen. Leider verlassen ihn aber langsam die Kräfte. Er ist jetzt Witwer, seine Frau ist vor acht Jahren gestorben. Er lebt bei mir, da sich täglich jemand um ihn kümmern muss.

Seine Kinder: Ein Sohn, geb. 1954, eine Tochter, geb. 1956. Er hat drei Enkel, alle sind schon erwachsen.

Mein Vater hat unmenschliches Leid und Unrecht erleiden müssen. Deshalb sagt er sehr oft: „Gebe Gott, dass sich das alles nie mehr wiederholt.“

Er dankt Ihnen für Ihre Arbeit und wünscht Ihnen dabei Alles Gute!

Mit den besten Grüßen,

F. A. Tscherepowskij.

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