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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

335. Freitagsbrief (vom Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ukraine
Iwano-Frankowsk
Andrej Sacharowitsch Jemeljantschuk.

[…] Ich habe Ihre Glückwünsche zum Geburtstag bekommen und bin tief gerührt. Vielen Dank für die humanitäre Hilfe.

Ich habe Ihnen nichts von meiner Zeit in der Gefangenschaft geschrieben, die Erinnerungen daran sind so schmerzhaft, dass ich nicht an diese Zeit zurückdenken möchte.

Ich bin am Dnjepr in Gefangenschaft geraten, ich war an beiden Beinen verwundet und hatte am Rücken Verletzungen von Granatsplittern. Ich kam ins Lager für Kriegsgefangene in Smela, dort wurde ich überhaupt nicht medizinisch versorgt, meine Wunden fingen an zu eitern und bekamen Maden. Essen gab es einmal am Tag – ein Glas verschimmelter Sonnenblumenkerne, in Folge bekamen alle die Ruhr, die Menschen starben wir die Fliegen. Mir hat ein älterer Kriegsgefangener, ein Usbeke, das Leben gerettet, er arbeitete bei den Deutschen in der Küche und offensichtlich tat ich ihm Leid, weil ich so mitleiderregend aussah. Er brachte mir Suppe und sterile Verbände. Nach einer Weile wurden wir Verwundeten nach Drogobytsch [Stalag 325Z] im Gebiet Lwow überführt, in ein Gefängnis, das noch unter Katharina der Großen erbaut worden war. Dort war es warm, das Gebäude wurde mit Gas beheizt.

Einmal am Tag bekamen wir eine Suppe aus Steckrüben und 300 Gramm Brot, das aus so genanntem /Spelzmehl/ hergestellt war, das ist Mehl aus Gerste und anderem Getreide und wenig Mehl.

Die Deutschen vertrieben sich die Zeit gerne damit, die Gefangenen zu verprügeln, die sich auf die Fuhre stürzten, auf der die Abfälle der Steckrüben aus der Küche abtransportiert wurden.

Zu Neujahr bekamen wir Brot zum Sattessen, das die Kirche bei den Bürgern der Stadt gesammelt hatte.

Beim Appell suchten die Deutschen Kriegsgefangene mit verschiedenen Berufen heraus, ich meldete mich als Bäcker, als ich schon wieder gehen konnte. Wir kamen in eine Bäckerei in Krakau in Polen. Der deutsche Bäckermeister testete unser Können beim Brotbacken. Als er bemerkte, dass ich davon keine Ahnung hatte, da verprügelte er mich brutal, weil ich gelogen hatte. Ich durfte aber trotzdem bleiben und kam zum Holzhacken, und das war neben dem Brot.

Ich wurde 1945 bei Prag von der sowjetischen Armee befreit und dann in eine Einheit aufgenommen, in der ich noch bis 1948 gedient habe.

Jetzt bin ich Rentner. Ich habe am Polytechnischen Institut in Lwow Physik und Mathematik studiert, bin Ingenieur.

Wenn Sie können, dann machen Sie bitte bekannt, dass ich Folgendes anbieten kann: eingelegte, gebratene oder getrocknete Champignons, z.B. für die Mitarbeiter der Opelwerke etc.. Ich kann Naturhonig aus den Bergen liefern, in jeder Menge und Sorte; Beeren: schwarze Johannisbeeren, Heidelbeeren aus den Karpaten etc. […]

Bitte teilen Sie mir Ihren Vatersamen und Ihre Adresse mit, ich möchte Ihnen zu Neujahr ein Päckchen mit eingemachten schwarzen Johannisbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren und mit Honig schicken. z.B. Lindenblütenhonig gegen Erkältungen. Alles umsonst.

Mit den besten Grüßen,

Andrej Sacharowitsch Jemeljantschuk.

15.7.2009.

****.

Wir schrieben Herrn Jemeljantschuk zuletzt vor zwei Jahren. Er meldete sich nicht mehr, wahrscheinlich ist er bereits verstorben. (E. Radczuweit).

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