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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

334. Freitagsbrief (vom Februar 2013, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Gasim Saifullinowitsch Manajew
Russland
Baschkirien
[Es schreibt der Enkel Marcel Sagitow].

Guten Tag! Unsere ganze Familie und unser geliebter Großvater senden Ihnen unseren herzlichen Dank! Danke für Ihr Interesse und die finanzielle Unterstützung!

Nach den schweren Nachkriegsjahren hatte Großvater weiter kein leichtes Leben. 1947 kehrte er in sein Heimatdorf zurück und hat praktisch sein ganzes Leben in der Kolchose gearbeitet, praktisch für umsonst … Die Altersrente, die sich Großvater erarbeitet hat, betrug nur 10 000 Rubel. Erst nach unendlich langer Zeit, am 27.07.2011, ist es uns allen unter großer Mühe gelungen, für ihn einen Nachweis als Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg zu bekommen, mit dem er als Kriegsveteran anerkannt wird. Erst seit diesem Zeitpunkt bekommt er eine anständige Kriegsrente, und unsere ganze Familie hat es zum Glück geschafft, die Wohnbedingungen zu verbessern!

Das Wichtigste ist aber natürlich der moralische Aspekt des Ganzen.

Sein halbes Leben lang hat sich Großvater benachteiligt und minderwertig gefühlt, trug immer eine Last auf der Seele. Wenn die anderen Veteranen und Kriegsteilnehmer feierlich zu Veranstaltungen eingeladen und geehrt wurden, saß unser Großvater mit gesenkten Augen daneben. Es kam vor, dass er ganz «vergessen» wurde und man ihn nicht mal zum Tag des Sieges eingeladen und ihm nicht gratuliert hat! Von manchen wurde Großvater gedemütigt und «Gefangener» oder «Faschist» geschimpft … Man kann sich kaum vorstellen, was für ein seelisches Leid das für ihn bedeutet hat! Unsere ganze Familie stand immer hinter ihm, und Großvater hat trotz aller Schwierigkeiten niemals den Kopf hängen lassen – dank seiner Kämpfernatur. Zum Glück hat sich die Situation in den letzten Jahren geändert. Endlich hat die Gerechtigkeit gesiegt! Die Ehre unseres Großvaters ist wiederhergestellt.

Für Außenstehende mag das amoralisch scheinen, aber leider hat unser Staat kein Interesse daran, den Veteranen und Kriegsteilnehmern zu helfen, so ist hier im Moment die Realität. Und den ehemaligen Kriegsgefangenen erst recht nicht. Deshalb müssen wir uns bei allem selbst helfen.

[…]

Unser Großvater denkt nicht gern an seine schwere Vergangenheit zurück und erzählt auch nicht gerne davon, aber einmal hat er uns eine Episode aus der Zeit der Gefangenschaft erzählt.

Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:

Es war Abend. Die russischen Gefangenen hoben in der Kälte Gruben aus. Großvater war sehr krank, und in diesem Moment wurde ihm schlecht. Er fiel beim Gehen vor Erschöpfung und Müdigkeit zu Boden. Er hatte kaum noch Kraft, aber er stand wieder auf, nahm wieder den Spaten in die Hand und führte weiter die Befehle der deutschen Soldaten aus, widerspruchslos und ohne sich zu schonen. Dann fiel Großvater wieder hin, und dieses Mal schaffte er es nicht, wieder aufzustehen. Die Kräfte hatten ihn verlassen … Es schien keine Hoffnung mehr für ihn zu geben; nur ein Wunder hätte ihn retten können.

«Aufstehen!» sagte ein Soldat zu ihm auf Deutsch. Großvater versuchte, den Kopf zu heben und erkannte unscharf die Silhouette eines deutschen Soldaten.

«Der Russe lebt», rief der deutsche Soldat. Dann half er dem erschöpften und entkräfteten russischen Soldaten aufzustehen und gab ihm etwas zu trinken. Danach holte er aus seinem Rucksack ein kleines Päckchen hervor, wickelte ein Stück Brot aus und streckte es Großvater hin. Das Gleiche wiederholte sich nun jeden Tag. Der deutsche Soldat half Großvater wieder auf die Beine und ließ ihn nicht sterben …

Dieser Vorfall sagt viel aus und hat eine tiefere Bedeutung. Das System legte den Menschen Fesseln auf, schickte sie in eine Sackgasse, in der ein Mensch den anderen töten musste, um selbst am Leben zu bleiben. Man hatte keine Wahl. Entweder er oder du. In so einer Lage gibt es keine Schuldigen, da jeder nur seine Aufgabe erfüllt, seiner Bestimmung nachkommt, die man ihm oktroyiert hat; wie ein winziges Rädchen in einem riesigen Mechanismus, wie mein Großvater es immer sagt. Er hegt keinen Groll: «So war das Leben, so waren die Umstände», sagt er. Auch er lässt Ihnen seinen aufrichtigen Dank ausrichten!

Im Februar wird mein Großvater 95 Jahre alt. Mit der Gesundheit steht es nicht zum besten, aber Großvater lässt sich nicht unterkriegen und liebt das Leben!

[…]

Mit den besten Grüßen,

Marcel Sagitow, der Enkel (19 Jahre alt).

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