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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

333. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
GebietStawropol´
Georgij Fedorowitsch Al´tschakow.

Guten Tag, sehr geehrte Herren des Vereins „Kontakte“,

Es grüßt Sie der ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Georgij Fedorowitsch Altschakow. Ich möchte den einfachen Bürgern Deutschlands meinen Dank ausdrücken, die mir humanitäre Hilfe haben zukommen lassen. Ich habe sie Anfang Februar 2009 erhalten. Das war ziemlich unerwartet und eine schöne Überraschung für mich.

Ich kann nur mit tiefer Bitterkeit und unter Tränen an die Tage zurückdenken, die ich in Deutschland in der Gefangenschaft verbracht habe. Im Juni 1941 wurde ich im Alter von achtzehn Jahren zur Verteidigung der Heimat eingezogen. Wir durchliefen die Armeeausbildung in Georgien und wurden dem 73. selbständigen Panzerjägerbataillon im Nordkaukasus zugeteilt, jeder von uns wurde mit einer Maschinenpistole mit 32 Patronen ausgerüstet. Aber unser Zug erreichte das 73. Panzerjägerbataillon nie, denn am 4. November 1942 wurde unser Zug in der Gegend der Stadt Alagir in Nordossetien von Luftlandetruppen eingekesselt und gefangen genommen. Wir wurden in Güterwaggons nach Deutschland deportiert, bekamen am Tag nur 100 Gramm Brot und einen Becher heißes Wasser.

Am 23. Dezember 1942 kam ich ins deutsche Lager Nr. 326, wo man alte deutsche Uniformen an uns ausgab und uns dann auf andere Lager aufteilte. Am 10.6.1942 kam ich ins Arbeitslager Nr. 2114. Das war ein großes unter Bewachung stehendes Gebäude (ein ehemaliger Klub) und auf der Pritsche jedes Gefangenen stand der Name des Arbeitgebers, bei dem er arbeiten musste. Ich kam zum Bauer Adolf […] [*], der in der Nähe der Station Rimbeck [Warburg] lebte, sieben Kilometer außerhalb von Düsseldorf [Paderborn?]. Dieser „Flußbauer“ (neben dem Gehöft floss ein kleiner Fluss) hatte ein großes zweistöckiges Haus, die Nummer zehn und einen großen Bauernhof. Er war ein strenger Chef, zwang mich, von morgens fünf Uhr bis abends um acht das Vieh zu versorgen und auf dem Feld zu arbeiten (pflügen und Getreide ernten). Um acht Uhr abends mussten wir ins Lager zurück, wo wir zum Appell antreten mussten. So verlief mein Leben zwei Jahre lang, bis uns die amerikanischen Truppen am 31. März 1945 befreiten.

Nachdem ich die Überprüfung durchlaufen hatte, wurde ich am 15.8.1945 der Armeeeinheit Nr. 07068 zugeteilt, die in der östlichen Besatzungszone in Rostock stationiert war. Später wurde ich nach Neustrelitz überführt ins 76. Flakartillerieregiment, das der 9. Garde-Panzerdivision unter Führung von G. K. Schukow untergeordnet war.

Im Februar 1947 wurde ich aus dem Armeedienst nach Hause entlassen. Noch im gleichen Jahr habe ich geheiratet, ich habe vier Kinder großgezogen, wir haben fünf Enkel und einen Urenkel. Ich habe mein ganzes Leben im meinem Heimatdorf Nowotroickij in der Landwirtschaft gearbeitet, 48 Jahre lang. Meine Rente ist nicht sehr hoch, in den letzten Jahren hat der Staat den Kriegsteilnehmern die Renten erhöht, aber unsere Regierung kümmert sich nicht sonderlich um die Alten. Am 10. Februar 2009 habe ich meinen 85. Geburtstag gefeiert, aber ich fühle mich als schwacher, kränklicher alter Mann.

Ich hoffe sehr, dass die Menschheit beginnt, sich Gedanken über die Folgen der Weltkriege zu machen und keine neuen Kriege mehr zulassen wird, die für die Menschen nur Zerstörung, Leid und Unglück mit sich bringen.

Mit freundlichen Grüßen,

der ehemalige Kriegsgefangene Al´tschakow.

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[*] Aus Datenschutzgründen wird der Name ausgeklammert.

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