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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

332. Freitagsbrief (vom Juli 2010, aus dem Russischen von Norbert Ehle).

Jakow Andrianowitsch Nikulin
Russland
Moskau.

Guten Tag Dmitrij.

Heute habe ich etwas ausführlicher mit Großvater gesprochen und möchte Ihnen noch einige Zeilen darüber schreiben, wie er durch den Krieg gekommen ist.

Großvater lebte auf dem Dorf und mit 20 Jahren ging er zum Armeedienst in Belorussland. Eines Abends gingen sie mit den Kameraden ins Kino, nach einer Weile kam der Diensthabende angelaufen und brachte den Befehl, zur Einheit zurückzukommen. Sie wurden versammelt, erhielten den Befehl mit vollständiger Ausrüstung anzutreten und wurden zum Bahnhof geführt. Unterwegs wurde nichts erklärt. Sie wurden in die Ukraine gebracht, auf die Einheiten verteilt und am selben Abend sagte man ihnen, dass der Krieg begonnen hat und sie sofort zum Angriff abrücken werden. Großvater war 1. MG-Schütze. Sie liefen durch einen Wald und wurden fast augenblicklich von Flugzeugen beschossen, sehr viele wurden auf der Stelle getötet, die Verbliebenen gingen zum Rückzugüber, aber sie befanden sich schon in der Einkreisung durch die Deutschen. Als sie sich an ein nahe gelegenes Dorf heranarbeiteten, gerieten sie wieder unter Beschuss und Großvater wurde am rechten Bein verwundet, im Bereich des Knies, ein Durchschuss (als er das erzählte, zeigte er mir die Narbe von der Kugel). Sie hatten keinen Sanitäter und sein Kommandeur verband ihm das Bein mit dem Stück von einer aufgetrennten Hose. Sie gelangten bis zu einem Dorf, jedoch den Einwohnern war befohlen worden, keine Hilfe zu leisten und russische Soldaten nicht einzulassen. Aber manch einer hat sich trotzdem entschlossen zu helfen. Manbeherbergte sie in einer Scheuneund gab ihnen Milch und Teigfladen. Am nächsten Morgen brach der Kommandeur auf, wobei er dem Großvater versicherte, dass er Hilfe schicken würde, wenn es ihm gelänge. Zu der Zeit war dessen Bein schon stark angeschwollen und er konnte sich nur sehr schlecht fortbewegen. Er ging hinaus zum Brunnen um zu trinken, ringsum flogen Flugzeuge, Dröhnen stand in der Luft und er merkte nicht sofort, dass sich auf dem Weg ein deutscher Panzer näherte. Als er ihn sah, war es schon zu spät zu fliehen, ein deutscher Soldat befahl ihm, die Waffe im Anschlag, die Hände zu heben und nahm ihn gefangen. Hinter dem Wald war ein großer Tagebau, von Stacheldraht umgeben, und darin waren schon Tausende Gefangene. In freiem Gelände, unter sengender Sonne, ohne Wasser und Essen. Dort saß er fünf Tage. Viele starben vor Hitze und an Dehydrierung. Danach wurden sie in den Wald getrieben, unter ähnlichen Bedingungen, aber man gab ihnen Wasser. Dort schliefen sie dicht aneinandergedrängt und drehten sich nur auf Kommando auf die andere Seite um. Danach wurden sie ins „Ferienlager“, das Ziganai (oder irgendwas in der Art) genannt wurde, überstellt. Dort bekamen sie morgens 10 Gramm Brot, einen Becher Tee, und zum Mittag – jeder eine Kelle Suppe (Wasser und Rüben), zum Abend gab es nichts. Sie wohnten in riesigen Baracken, schliefen in dreistöckigen Kojen, Matratzen und Kissen waren mit Stroh gestopft. Nachdem sie hierher gebracht worden waren, hatten alle Soldaten Läuse, aber nicht ein oder zwei Stück, sondern wie Großvater sagte, man musste sie vom Körper streifen wie eine zweite Haut. Den Verwundeten ging es noch schlechter, weil sich die Läuse in das Fleisch fraßen. Nach einiger Zeit wurden sie in Reihe aufgestellt und zwei deutsche Offiziere, in Begleitung von Hilfspolizisten, siebten die Juden nach äußeren Kennzeichen heraus. Als er an Großvater vorbeikam, stieß der Hilfspolizist ihn mit dem Finger an und holte ihn mit dem Worten „ein Jude“ aus dem Glied, der deutsche Offizier jedoch schaute ihn an und sagte: „Nein, ein Russe“ und befahl, ins Glied zurückzutreten (Als er das erzählte, bemerkte Großvater: „Danke diesem Deutschen, wenn er nicht gewesen wäre, würde ich nicht mehr unter den Lebenden sein“). Nach dieser Siebung wurden die Juden am Rand eines ausgehobenen Grabens aufgestellt und erschossen, dann wurde dieses Grab einfach mit Erde zugeschüttet. Nach dieser „Säuberung“ wurden sie zur Dusche geführt, gaben die Kleidung zur chemischen Reinigung ab und wurden aus Schläuchen mit eiskaltem Wasser übergossen, wie in einer Dusche, und man musste gerade stehen, wenn sich irgendjemand beugte, wurde er mit Gummiknüppeln geschlagen, das erheiterte die Deutschen sehr. Danach bekamen sie die Kleidung zurück, Großvater sagte, dass sie schrecklich gestunken hatte, aber dafür hat er niemals mehr in seinem Leben Läuse gesehen. So vegetierten sie einige Zeit. Jeden Tag wurden Gruppen von 25–50 Mann zur Arbeit im Bergwerk und an anderen Orten zusammengestellt. Die Anwerbung war freiwillig, aber wenn die bestimmte Zahl nicht zusammenkam, nahm man einfach jene, welche am nächsten standen. Eines Tages ließ man sie antreten und sagte, man bräuchte eine Gruppe von 25 Mann, da sagte Großvater zu seinem Landsmann, dass man vortreten sollte, weil das eine kleine Gruppe sei und sicher irgendwohin zu einem Gutsbesitzer sollte. Sie traten vor und so passierte es auch, sie wurden von einem Baron zur Arbeit mitgenommen, der in der Nähe von Königsberg [?] wohnte. Er besaß eine große Waldfläche und sie arbeiteten bei ihm im Wald, sie fällten Bäume und verarbeiteten sie zu Balken. Sie arbeiteten paarweise mit deutschen Zivilisten zusammen, 4 „Russen“ und 2 Deutsche in einer Gruppe. Großvater erzählte, dass es anfangs, wenn er sich schlafen legte, still und dunkel war, aber nach einiger Zeit konnte er, wenn er sich schlafen gelegt hatte, das Blitzen explodierender Geschosse und das Dröhnen von Flugzeugen hören, die Armee rückte vor. Dann wurden sie evakuiert, weil es unmöglich wurde, in der Nähe von Königsberg zu bleiben und sie wurden unter Bewachung durch Wälder an einen anderen Ort geführt (er erinnert sich, dass dort sehr viele Apfelbäume waren). Unterwegs gerieten sie unter Beschuss der Amerikaner, die Bewachung lief auseinander, aber sie gingen wohin das Auge blickt … Nach einiger Zeit kamen sie auf einen Weg hinaus und ihnen entgegen kamen amerikanische Soldaten, die sie mitnahmen. Nach einer weiteren Weile haben die Amerikaner die gefangenen Soldaten den Russen an der Elbe übergeben. Nach der Rückkehr wurden alle ehemaligen Gefangenen ins Gefängnis gesteckt und unter der Anklage des Verrates an der Heimat verhört (und das nach all dem, was sie durchlebt hatten und von den eigenen Landsleuten … ich war schockiert). Großvater bestand das Verhör sofort, weil er ja verwundet worden war und rein physisch nicht irgendwohin fliehen konnte, das heißt er kam notgedrungener Weise zu den Deutschen und nicht aus eigenem Willen. Danach wurde er einer Militäreinheit zugeteilt, wo er noch ein halbes Jahr diente und dann nach Hause entlassen wurde. Er kam im Juni 1946 nach Hause und im September 1946 heiratete er meine Großmutter. Sie lebten zusammen auf dem Dorf (Gebiet Tambow) bis 1988, dann holten wir sie nach Moskau. Großmutter ist am 10. Mai des vergangenen Jahres gestorben, sie hatten 63 Jahre zusammen gelebt, es hat ihn sehr mitgenommen und ich habe zum ersten Mal gesehen, dass er weinte … Er hat zwei Töchter, mich (die Enkelin) und einen Urenkel der jetzt ein Jahr sechs Monate ist.

An konkrete Daten, Namen von Städten, Personen kann er sich natürlich nicht erinnern. Sein Gedanke war stets nur – nach Hause zurückkehren.

So – im Grunde alles, was ich schreiben wollte.

Mit Hochachtung,

Jekaterina (Enkelin des Nikulin, Jakow Andrianowitsch).

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