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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

331. Freitagsbrief (vom Juni 2009, aus dem Russischen von Ilse Tschörtner).

Kreis Stawropol´
Jewgenij Pawlowitsch Petrossow
Brief von Jewgeni.

Guten Tag, Ihren Brief habe ich erhalten, ich war von ihm ganz überrascht. […] Ich erzähle der Reihe nach. Bevor ich an den Kämpfen teilnahm, schärften uns die Politruks ein, dem Feind auf keinen Fall in die Hände zu fallen; sie würden mit Nadeln unter die Fingernägel stechen, Sterne in den Rücken ritzen. Ich stellte es mir vor und bekam Angst. Auch sagten sie, man solle sich durch eine Handgranate das Leben nehmen oder die letzte Kugel für sich selbst. Als ich aber in Gefangenschaft kam, sah das Bild anders aus. Ich will noch erwähnen, was vorher war. Ich war Verbindungsmann, das heißt – wir verteidigten auf der besetzten Linie einen Trosszug. Ich war Melder, wurde mit einer Meldung zum Regimentsstab geschickt. Bei irgendeiner Gelegenheit badete ich in einem Fluss. Der Kompaniekommandeur erkannte mich und drohte mir, mich zu erschießen. Doch er war ein großer Feigling. Er saß in einem Erdloch und traute sich nicht heraus. Er schickte mich dann los zur Erkundung, was in den Zügen los sei, wohin die Geschosse fliegen usw. Doch das nebenbei. Als wir aber zum Angriff übergingen,hat es drei Stunden Sturmfeuer auf unsere Stellungen gegeben.

Mir gefällt, dass Sie hervorheben, dass es Gute und Schlechte gab. Ich will erzählen, wie ich zum Guten kam. Ich war am Bein leicht verwundet, die Wunde wurde von einem Sanitäter verbunden. Ein Soldat gab mir Kaffee aus seiner Feldflasche, er holte eine Karte hervor und zeigte, aus welcher Stadt er kommt. Ich zeigte ihm meine Stadt. Er sagte, er sei eben in Urlaub gewesen. Dann trugen mich zwei Soldaten ins Hinterland, dort waren Ärzte. Jemand gab an alle Brot aus, dann wurde ich in einen Unterstand gebracht. Soldaten interessierten sich für ihre Betrunkenen, sie machten sich über sie lustig, fragten, ob sie nicht Schnaps übrig hätten. Solch eine Art von Gespräch. Ihnen wurde gesagt, hier wäre ein Unterstand für Offiziere, da gingen sie wieder. Ich wurde zusammen mit einem Deutschen, der am Arm verwundet war, in ein Auto geladen. Unterwegs erzählte er, dass er in Afrika und in Stalingrad gekämpft hat. Er schimpfte auf den Krieg, zeigte ein Foto von seiner Familie. Wir kamen in ein Dorf, wurden in einem leeren Haus untergebracht. Dort lagen russische und deutsche Verwundete. Die Verwundeten wurden mit dem Zug nach Jusowka/Donezbecken gebracht, ins Krankenhaus. Wir wurden von russischen Ärzten behandelt, die Verwundeten bekamen einen frischen Verband. Dann wurden wir je nach Genesungsstand von einem Lager zum andern bis nach Deutschland gebracht und dort auf verschiedene Orte verteilt. Ich kam in ein Werk bei Dresden. Wir luden aus Güterwagen Geräteteile aus, die wir zu den Drehbänken bringen mussten. Dort lebte ich mich ein. Um Lebensmittel aufzustöbern, gewöhnte ich mir an, die Waggons abzulaufen und zu öffnen. Es gab eine Razzia, ich flüchtete, aber mein Kumpel und ich wurden von einer Streife gefasst. Die brachte uns zum Polizeirevier, und wir wurden vernommen. Ein russischer Immigrant hat einen Partner gehabt, der Partner wurde zusammengeschlagen, aber ich wurde in Ruhe gelassen. Neben mir stand eine hoher Militär und sagte, mich solle erin Ruhe lassen. Dann wurde ich nach Dresden ins Gefängnis gebracht, dort war der Untersuchungsführer ein Immigrant. Ich wurde vernommen, habe aber keine Strafe gekriegt. Dort saßen Zivile für kleineren Diebstahl ein. Bestraft wurden wir so: Am Freitag wurden wir zusammengeholt und mit Stockschlägen bestraft. Irgendein Vertreter kam hinzu. Ich erinnere mich, dass er ein Abzeichen am Jackett hatte. Er sagte, in Deutschland hätte es niemals Hunger gegeben, hier würden alle Lebensmittel verteilt; wenn jemand bestohlen wurde, dann …, aber in Russland gäbe es fast jedes zweite Jahr eine Hungersnot. Er sagte, wie viele Schläge der eine oder andere bekommen sollte, meistens waren es 40–60. Dann sperrten sie uns in eine Zelle. Freitag, Samstag und Sonntag kamen alle wieder frei. Mir wurde ein anderes Los zuteil. Wir wurden ins Lager bei dem Werk zurückgebracht. Eines Tages wurden ich und ein paar andere ins Lager geführt und aufgefordert, den Oberkörper freizumachen. Ein Vertreter vom Militär nahm uns in Augenschein, dann wurden wir in einen Wagen, dann in den Zug gesetzt und nach Köln gebracht. Dort wurden wir wieder irgendwo eingewiesen. Ich kam nach Obladen [Opladen], eine Stadt bei Köln. Dann musste ich wieder zurück nach Köln, um dort eine Rheinbrücke zu bewachen. Bei Fliegeralarm schossen wir Rauchgranaten ab, so konnten die Flugzeuge nicht treffen. Wir waren zu viert, wohnten in einer kleineren Baracke nahe der Brücke. So ist die Brücke bis Kriegsende unbeschädigt geblieben. Befreit wurden wir von amerikanischen Truppen. Nach einiger Zeit verlegte man uns in die sowjetische Zone, nach Wetemberg [Wittenberg], wo wir eine Überprüfung durchliefen und dann nach Hause geschickt wurden. Ich erhielt eine Arbeit in Grosny. Dort wurde ich ständig überwacht und schließlich verhaftet und eingesperrt. Drei Monate haben sie mich Tag und Nacht verhört, sie haben mich kaum schlafen lassen. Sie warfen mir Spionage vor, doch verurteilt wurde ich dann wegen antisowjetischer Propaganda. Der Staatsanwalt war gnädig, er verurteilte mich zu 10 Jahren; das galt als wenig, alle andern bekamen 25. Ich wurde in ein Lager zum Holzfällen geschickt. Dort traf ich ehemalige deutsche Kriegsgefangene; auch bei ihnen hatte sich also herausgestellt, dass sie Verbrecher waren. Gestern waren wir Feinde gewesen, heute waren wir Freunde und fällten zusammen Bäume. Später wurden sie in ihre Heimat Deutschland entlassen. Ich selbst wurde nach Stalins Tod freigelassen und rehabilitiert. So bin ich ein gleichberechtigter Bürger geworden.

Entschuldigen Sie die Schrift. Mit Gruß

Jewgenij.

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Die Lagerhaft erfolgte nach Auswertung von der Sowjetarmee vorliegenden Karteikarten der Wehrmachtsauskunftsstelle. Allerdings waren Einsätze bei der Flak überwiegend nicht freiwillig, sondern wurden durch bewaffnete Wachmannschaften erzwungen. (S. Suchan-Floß).

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