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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

330. Freitagsbrief (vom September 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland 362031
Nordossetien
Wladikawkas
Dschiojew Graf Sawitsch.

Guten Tag, sehr geehrte deutsche Freunde!

Gestatten Sie mir, Sie im Namen der Kinder von Graf Sawitsch Dschiojew [Graf ist der Vorname] zu grüßen und Ihnen Gesundheit und Erfolg bei Ihrer guten Sache zu wünschen. Leider ist Ihr Brief zu spät angekommen, unser Vater hat ihn nicht mehr erlebt, aber wir wissen, dass er sich sehr gefreut und selbst auf Ihren Brief geantwortet hätte.

Unser Vater hat sich nicht gerne zurück erinnert an die schwere Zeit des Zweiten Weltkrieges und vor allem an die Zeit, die er in der Gefangenschaft verbracht hat. Er konnte sich noch an alle Einzelheiten genau erinnern und wenn er davon erzählte, was er damals alles durchmachen musste, konnten wir die Tränen kaum zurückhalten.

In Gefangenschaft geriet er in Folge einer Kopfverletzung und in bewusstlosem Zustand. Er hat erzählt: Einmal in der Gefangenschaft haben sie die Juden herausgesucht und an die Wand gestellt, sie sollten erschossen werden, und da er einen langen Bart hatte, stellten sie ihn auch an die Wand. Vater sagte: Wenn ihr mich töten wollt, bitte sehr, aber nicht als Juden. Da musste er sich ausziehen, um zu beweisen, dass er nicht beschnitten war. Im Lager für Kriegsgefangene Benjaminow (in der Nähe von Warschau) [Stalag 368] wurde er zur Arbeit im Wald, zum Holzfällen geschickt. Dabei traf ihn ein fallender Baum, einige Rippen waren gebrochen, die unter den Bedingungen in der Gefangenschaft dann nicht richtig zusammenwuchsen und ihm sein ganzes Leben lang Probleme gemacht haben. Er lernte in der Gefangenschaft einen Feldwebel kennen, der ihn zu sich nach Hause nahm, um ihn für verschiedene schwere Arbeiten im Haus einzusetzen. Dort wurde er besser verpflegt, was ihm das Leben rettete. Im Dezember 1943 floh er zu Weihnachten mit einigen anderen Gefangenen, seinen Freunden, zu den Partisanen. Die Faschisten nahmen mit Hunden ihre Verfolgung auf. Sie waren 18 Leute, vier von ihnen schafften es bis zu den Partisanen, die restlichen kamen ums Leben.

Vater war in der Gefangenschaft oft krank, weil sie unter freiem Himmel leben mussten. Er erkrankte schwer an Typhus, überlebte nur knapp. Als sie zu den Partisanen kamen, wurden sie von Mitgliedern der Sondereinheiten so geschlagen, dass mein Vater das Bewusstsein verlor, sie dachten, er sei tot und warfen ihn nach draußen. Dass er nicht gestorben ist, war für ihn ein Wunder. Einige Partisanen fanden ihn und brachten ihn ins Lager, er war ganze zwei Monate krank. Später wurde er vom Kommissar der Partisaneneinheit und von der Sondereinheit immer wieder verhört, aber sie schlugen ihn nicht mehr so viel. Ein ganzes halbes Jahr war er beim Strafbataillon. In der Zeit schickten sie ihn zu solchen Einsätzen, von denen man normalerweise nicht lebend wieder zurückkommt. Mit der Zeit stieß die Partisaneneinheit zur Armee, und Vater folgte der Front durch die Westukraine, Moldawien, Polen usw. Den Sieg 1945 erlebte er in Österreich, in der Nähe von Wien. Unser Vater wurde dreimal für den Ehrentitel „Held des Krieges“ vorgeschlagen, er bekam aber nur Tapferkeitsmedaillen, da er in der Gefangenschaft gewesen war. Sonst hat Vater aber viele Auszeichnungen bekommen.

Am neunten Mai ist in der Zeitung ein Artikel über meinen Vater erschienen, ich schicke ihn Ihnen mit. In dem Artikel gibt es noch einige Angaben zu seiner Biographie.

Unser Vater, der den georgischen Genozid an den Südosseten im Jahr 1920 [*] und den Krieg von 1941–1945 überlebt hat, hätte sich nie vorstellen können, dass er noch ein weiteres Mal die Gräuel des Krieges miterleben muss. Beim Zerfall der Sowjetunion in den 90er Jahren trat Georgien aus dem Staatenbund aus und begann sofort, andere ethnische Minderheiten vonihrem angestammten Territorium zu vertreiben. Besonders traf es Südossetien. Von 1989 bis 2009 hat Georgien offen Krieg geführt, hat eine Wirtschaftsblockade verhängt, Gas, Strom und Wasser wurden abgeschaltet. Im August 2008 begannen die Georgier dann wieder uns zu bombardieren. Sie beschossen die Stadt mit schwerer Artillerie, schwerkalibrigen Waffen, Geschosshagel. Die Häuser brannten, Menschen kamen ums Leben. Russland hat uns das Leben gerettet.

Wenn Russland uns nicht zur Hilfe gekommen wäre, gäbe es jetzt keine Südosseten mehr. Danke, Russland. In den 20 Jahren des Krieges von Seiten Georgiens lebte Vater natürlich schlecht und mit ihm seine Kinder. Nach dem Augustkrieg von 2008 erlitt er einen Schlaganfall. Wir, seine Kinder, haben ihn sehr gut gepflegt. […] Am 12. Mai ist er verstorben.

Unser Vater hat nie irgendwelche feindseligen Gefühle gegenüber den Deutschen gehegt. Er sprach fließend Deutsch. Als intelligenter und gebildeter Mann schätzte er das deutsche Volk und seine Kultur, die Faschisten und Nationalisten aber hasste er.

[…]

Mein Vater war sehr gastfreundlich, und da er Sie nun nicht mehr einladen kann, so möchten wir, seine Kinder, Sie herzlich zu uns nach Südossetien ins mittlerweile friedliche Zchinwali einladen. Südossetien ist ein Land mit schönen Bergen, sauberen Flüssen, einem sehr guten Klima und gutherzigen, gastfreundlichen Menschen.

Ich bin übrigens die Tochter und von 1972 bis 1975 habe ich in der DDR gelebt, in Halle, da mein Mann bei den sowjetischen Streitkräften in Deutschland gedient hat. Und unsere Tochter Isabella wurde in Dresden geboren.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Kinder von Graf Sawitsch.

P.S. Die Unterstützung, die Sie ihm geben wollten, könnten wir natürlich auch gut gebrauchen, da es im ersten Jahr nach dem Tod traditionelle Riten gibt, wir müssen einen Grabstein aufstellen usw., deshalb hoffen wir sehr darauf.

****

[*] Nach Aufhebung der südossetischen Selbstverwaltung durch Georgien kam es 1920 zu einem blutig niedergeschlagenen ossetischen Volksaufstand, dem danach viele Südosseten durch eine Hungerkatastrophe und Seuchen zum Opfer fielen..

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