Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

33. Freitagsbrief (9.02.2007).

Iwan Trofimowitsch Tkatschenko
Ukraine
Gebiet Kiew
Bezirk Baryschiwskij

Sehr geehrte Freunde!

Ich, Iwan Trofimowitsch Tkatschenko, grüße Sie herzlich. Ich wünsche Ihnen alles Gute im Neuen Jahr 2007, vor allem beste Gesundheit, Glück, Freunde in ihren Familien, einen klaren friedlichen Himmel und Sonnenschein. Ihren Brief habe ich am 23. Januar 2007 erhalten. Ich bin dafür sehr dankbar. Ich habe einen Brief aus Bielefeld erhalten. Ich habe mein Leben ausführlich beschrieben und den Brief dorthin abgeschickt. Wenn Sie sich für mein Leben interessieren, für das Erlebte, für diese schreckliche Zeit im Lager 326, ich beschriebe das und schicke den Brief ab.

Ich, Iwan Trofimowitsch Tkatschenko, bin am 2. November 1920 im Dorf Podillja, Bezirk Baryschiwskij, Gebiet Kiew geboren. In der Familie gab es zehn Kinder. Meine zwei Schwestern waren als Zwangsarbeiterinnen in Deutschland. Sie kehrten heim, starben aber bald. 1940 habe ich die 10. Schulklasse der Mittelschule von Podillja beendet. Am 11. November 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente im 130. Artillerieregiment der Stadt Lomsha in Polen. Am 20. April 1941 wurde ich zwecks Militärausbildung in die Artilleriemilitärschule von Smolensk geschickt. Am 22. Juni 1941 um 4 Uhr früh stieg ich mit meinen zwei Freunden in einen Zug ein. Wir sollten die Strecke Lomsha-Bialostok befahren und sind kaum 20 km weit gekommen. Wir wurden mit Bomben angegriffen. Aus Bialostok wurden die Menschen evakuiert. Schreie, Weinen … Es gab erste Tote. Wir meldeten uns bei unserer Leitung mit der Frage, was zu tun sei. Uns sagte man: sucht ihr nach einem 130. Artillerieregiment! Am dritten Tag fanden wir unser Regiment. Es war schon zur Hälfte vernichtet.

Wir bemühten uns, aus der Belagerung auszubrechen. Es ist uns aber nicht gelungen. Bei Wolkowyssk gerieten wir in Kriegsgefangenschaft. Von Bialostok ging es nach Ostrow (Lager Ostrów Mazowiecki d.Ü.). Hier stiegen wir in Waggons ein. Man brachte uns nach Deutschland. Die Endstation war das Lager 326 bei Paderborn. (Senne-Lager d.Ü.) Man trieb uns hinein. Das Lager war mit drei Reihen Stacheldraht umzäunt. Es gab gar keine Unterkünfte. Wir befanden uns unter freiem Himmel. Es war verboten, dem Zaun näher zu kommen. Ringsrum gab es Wachtürme mit Wächtern. Der Stacheldraht war unter Hochspannung. Das Wetter war schlecht. Es regnete jeden Tag. Man fand kein Versteck. Wir gruben mit den Händen Erdhütten. Wir hatten kein Werkzeug. In der Nähe vom Lager gab es einen Wald. Wir brachten Baumzweige oder zersägten sie mit einem Draht. Ein mit Händen ausgegrabenes Loch wurde mit Ästen und Erde bedeckt. Wir versteckten uns in diesen Löcher und retteten uns so vor Regen und Kälte.

In einigen Löcher wurden Sträflinge eingesperrt. Sie wurden sehr stark gequält. Sie wurden gezwungen, zu kriechen und zu knien sowie untragbare Steine zu schleppen. Sie wurden also auf jede denkbare Art demütigt.

Als Nahrung bekamen wir 200 Gramm Brot und einen halben Liter Wasser. Die Menschen starben vor Hunger. Jeden Tag brachte man 100 Tote weg, manchmal auch mehr. Jeden Tag wurden um 4 Uhr früh die Menschen auf dem Appellplatz in Kolonnen zu je 300 Mann aufgestellt. Einmal kam eine SS-Gruppe. Es wurden in jeder Kolonne 15-20 Personen ausselektiert: Juden, Kommissare, Parteifunktionäre. Gelegentlich gelangten zu den Ausgewählten auch andere, „einfache“ Kriegsgefangene. Sie wurden aus dem Lager weggeführt. Niemand wusste, was danach mit den Menschen passierte, wohin sie schließlich geschickt wurden. Erst später erfuhren wir, dass das Lager 326 als „Zulieferer“ für Buchenwald diente. Dort, im Krematorium, endete das Leben mehrerer Menschen.

Was ich in diesem Lager erlebte, war die Hölle, das Jüngste Gericht. Das passierte vor meinen Augen. Mit Gottes Wunder wurden 60 Personen, darunter ich, ausgesucht und zur Torfförderung geschickt. Wir arbeiteten direkt im Moor. Wir schnitten Torfblöcke und lagerten sie. Auf solche Weise wurden wir vor dem Tod im Lager 326 gerettet. Hier blieben wir zwei Monate. Danach wurden 12 Mann aus dem Arbeitskommando ins Todeslager 326 zurückgebracht. Warum machte man das? Uns wurde es noch gesagt. Einmal sagte man, die Ukrainer sollten freigelassen werden. Das war doch eine Lüge. Wir, eine 12-Mann-Truppe, wurden nach Dortmund geschickt. Dort arbeiteten wir bei der Bahn. In einem Monat wurden Mitglieder unseres Kommandos typhuskrank. 18 Personen, unter anderem ich, blieben gesund. Man brachte uns ins Spital in Dortmund. Die Kranken wurden mit Autos weggeliefert. Ich weiß nicht, wohin sie kamen. Nach der Quarantäne arbeiteten wir weiter bei der Bahn.

Die Stadt Dortmund wurde täglich heftig bombardiert, besonders in der Nacht. Die Bewachung flüchtete in den Luftschutzbunker. Wir wurden verschlossen und dem eigenem Schicksal überlassen. Wir schliefen direkt auf den nackten Holzbrettern in der gleichen Kleidung, die wir tagsüber trugen. Das Leben war einfach fürchterlich. Es ist schwer, sich daran zu erinnern. Ohne Tränen in den Augen ist es nicht zu schaffen.

Nach der Arbeit in Dortmund holte man uns, drei Personen, und einen Wachmann und brachte uns nach Bielefeld. Hier arbeitete ich in einer Drahtfabrik. Neben uns waren hier deutsche Arbeiter. Wir hatten freundschaftliche Beziehungen. Die Deutschen respektierten mich und halfen mit Lebensmitteln. Eine deutsche Frau, die in der Küche arbeitete, brachte mir etwas zu Essen. Auch heute habe ich gute Erinnerungen an diese Frau. Möge Gott sie behüten, falls sie noch lebt.

Der Fabrikbesitzer hieß Wolf. Das war ein guter Mensch, ein menschlicher Mensch. Als man morgens früh in der Fabrik ankam, begrüßte er alle Mitarbeiter. Der Hauptingenieur und der Meister waren echte Despoten. Unsere deutsche Kollegen warnten uns, dass beide nationalistisch sein sollten. „Passt auf!“ – warnten sie. Ich bitte Sie sehr, können Sie sich erkundigen, wo genau diese Fabrik lag und ob Wolf oder seine Verwandten noch leben. Ich möchte mich bei diesem Menschen recht herzlich bedanken. Leider hatte ich kein Glück, in dieser Stadt bis zum Kriegsende zu leben. Ich wurde wieder ins Lager 326 gebracht. Dort traf ich meine Frontkameraden, die zudem aus meinem Bezirk stammten, Andrej Aleksejewitsch Armolajenko und Nikolaj Iwanowitsch Jakubowskij. Sie bedeuteten für mich mehr als Freunde. Sie waren für mich Brüder. Wir haben zusammen so viel schreckliches Leid erlebt. Heute leben sie nicht mehr. Sie haben ewige Ruhe.

Das Jahr 1943. Die Kriegsgefangenen wurden in Gruppen, je 60 Mann, aufgeteilt. Wir zogen holländische Uniform an und blieben als Arbeiter bei einer Militäreinheit. Wir bauten eine Stromleitung, insgesamt 32 Drähte. Sie sollte von Berlin nach Paris verlegt werden. So sagten es uns deutsche Soldaten, die uns bewachten. Am 4. April 1945 flüchteten wir zu viert. Wir lebten in einem Wald, aßen alles mögliche. Man nimmt zum Beispiel bei einem Bauern in der Nacht etwa Kartoffeln aus seinem Gemüsegarten und flüchtet schnell. Diese Kartoffeln kochten wir. Am anderen Tagen waren wir wieder hungrig. Wir blieben im Wald bis zur Befreiung durch die Amerikaner. Die Amerikaner behandelten uns gut. Sie gaben uns zu Essen. Die Deutschen brachten unser Kommando (ohne uns) in die Tschechoslowakei. Dort wurde es von unserer Armee befreit. Die Jungs erhielten Uniform und dienten in der Armee weiter.

Als wir die Linie Berlin-Paris bauten, reisten wir durch das ganze Deutschland. Wir trafen uns mit deutschen Bauern. Sie behandelten uns gut, halfen uns mit Lebensmitteln, begrüßten uns. Der Kommandant erlaubte uns, in der Freizeit bei den Bauern zu arbeiten. Wir ernteten Heu.

Die Kriegsgefangenen starben im Lazarett vor Hunger und Kälte. Die Verstorbenen wurden vom Lagergelände weggebracht und in der Nähe in den zuvor vorbereiteten Gräbern bestattet. Aus unserem Kommando wurden drei Personen weggebracht, darunter Andreij Jarmolenko, mein Kamerad aus meinem Bezirk. Diese Gruppe schickte man ins KZ. Ich glaube, mein Freund sollte aus dem KZ nie zurückkehren. Zum Glück bombardierten gerade die Briten den Bahnhof von Paderborn. Der lag in der Nähe vom Lager 326. Die Jungs konnten fliehen. Darüber berichtete mir ein deutscher Soldat, der die Gruppe bewacht hatte. Ich möchte sagen, einige deutsche Soldaten waren nette Menschen. Manche habe ich immer noch nicht vergessen.

Vielleicht noch eine Episode, die sich mir eingeprägte. Einmal wurden wir im Lager 326 in zwei Kolonnen gestellt. Meine Freunde waren in einer Kolonne. Ich geriet in eine andere. Wir wussten nicht, wohin wir geführt werden. Mein Freund zog mich plötzlich in seine Kolonne. „Meine“ Kolonne verschwand. Niemand wusste, was mit den Jungs passierte. Mein Freund rettete mir das Leben. Glauben Sie mir, gute Leute, wie schwer es ist, sich an schreckliche, im Lager verbrachte Jahre meiner Jugend zu erinnern. Ich kann immer noch nicht richtig begreifen, dass ich in dieser Welt weiterlebe.

Am 6. November 1945 kehrte ich heim. Das Dort war vernichtet und verwüstet. Das Leben war schwer. Zuerst wurde ich schlecht behandelt, weil ich in Kriegsgefangenschaft war. Später verschwand aber diese Stellungsnahme. Dort (in Kriegsgefangenschaft d.Ü.) waren Generäle. Was sollte ich, 20-jähriger Junge? … Heute bin ich 86 Jahre alt. Meine Ehefrau ist 83 Jahre alt. Wir hatten zwei Söhne. Vor drei Jahren starb ein Sohn. Er war 44 Jahre alt. Der zweite Sohn ist heute 56. Meine Gesundheit ist schwach. Ich habe viele Krankheiten. Die Behandlung ist heute sehr teuer.

Vielen Dank, liebe Freunde, für Ihre Sorgen. Das Geld habe ich erhalten. Die Summe ist nicht groß. Ich werde sie für Medikamente ausgeben. Vielleicht reicht es auch für eine Operation. Ich habe Grünen Star, Adenoma der Harnsblasen, Leistenbruch … Das ganze muss behandelt werden. Ich dachte, ich schaffe es nicht mehr, Ihre Hilfe zu erhalten. Ich schaffte es doch. Ich bin herzlichst dankbar. Das wird mich unterstützen. Kommen Sie bitte zu Gast, solange ich noch lebe. Ich würde mich sehr freuen. Schreiben Sie mir bitte, wenn Sie Fragen haben. Ich werde Ihren Brief beantworten. Ich bin sehr dankbar und wünsche Ihnen Gesundheit wie Wasser, Reichtum wie Erde und Wärme wie Sonne.

Mit besten Grüßen

Iwan Trofimowitsch und Ehefrau M. F.

Schreiben Sie bitte. Ich werde ungeduldig auf Ihren Brief warten.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.