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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

329. Freitagsbrief (vom August 2008, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Gebiet Rostow
Semen Semenowitsch Tjaglo.

[…].

Ich diente in der Armee in der Stadt Przemysl, die am linken Ufer des Flusses San liegt, am rechten Ufer lagen die deutschen Truppen. Als der Krieg am frühen Morgen begann, brachten unser Regimentskommandeur und der Hauptfeldwebel unsere Regimentsfahne nach Osten, wo ein neues Regiment formiert wurde, das an den Kampfhandlungen bis zum Kriegsende teilnahm. In Przemysl wurden die Leute und die ganze Wirtschaft einfach zurückgelassen. Wir haben uns mit einem Kameraden versteckt und uns in Richtung Osten bewegt zu unseren Truppen. Ungefähr am 3.–4. Juli 1941 gerieten wir in Gefangenschaft. Man brachte uns über den San in ein Lager unter freiem Himmel, das mit Stacheldraht umzäunt war. Ungefähr nach einem Monat wurden wir Gefangene in die Stadt Bocholt transportiert, ins Kriegsgefangenenlager 6Z-Zeche Z [Bocholt Stalag VIF, Dorsten VIF/Z Eventuell Zeche Fürst Leopold/Baldur]. In diesem Lager standen viele Holzbaracken, in denen dreistöckige Pritschen standen, auf denen die Gefangenen schliefen, derer es dort viele gab. Täglich starben Gefangene, die man im Massengrab beerdigte. Die Gefangenen wurden nicht geschlagen und gequält, jedoch werDisziplin und Ordnung verletzte, erhielt 1–2 Schläge mit einer Spezialknute. Brot gab es täglich einen Laib für 10 Mann, 200 gr. pro Tag. Ein Gefangener vereinbarte mit den Wachmännern, dass er ein ganzes Brot bekommt, wenn er auf den aus Ziegelsteinen gemauerten Schornstein klettert und dort Handstand macht. Als er auf den Schornstein kletterte, schaute das ganze Lager und hielt die Luft an. Den Handstand auf der Spitze machte er normal und kam auch langsam und ohne Pausen wieder herunter. Die Wachleute wussten diese Heldentat wohl zu schätzen und gaben ihm ein ganzes Brot und zusätzlich ein Stück Speck. Anfang August 1941 [? sic] brachte man uns 200 Kriegsgefangene in die Stadt Mühlheim in das Kriegsgefangenenlager des Thyssen–Werks. Wir haben dort verschiedene Hilfsarbeiten im und außerhalb des Werks gemacht. Die nächste Arbeit war – Erde auf Waggons der Schmalspurbahn zu laden. Buchstäblich am zweiten Tag legte ein Gefangener seine vier Finger der rechten Hand unter die Räder eines beladenen Waggons und er zerquetschte sie ihm. Die Wachleute haben ihn verprügelt und ins Krankenhaus zur Behandlung geschickt. So sind im Lager Mühlheim nach 1 Jahr und 3 Monaten 15 Gesunde, 10 Kranke, die nicht mehr arbeitsfähig waren, übriggeblieben, 175 waren beerdigt worden. Am nächsten Tag kam neue Verstärkung von 200 Kriegsgefangenen, uns sechs, die wir nicht brauchbar waren, schickte man ins Kriegsgefangenenlager in die Stadt Duisburg. Hier arbeitete ich in der Kohle-Zeche „Alstaden“ [Oberhausen-Alstaden, Stillegung 1972 förderte Anthrazit für den Hausbrand] als Heizer im Kesselhaus in der Schicht des Kesselwärters Alfred Boos bis zum Kriegsende. Danach wurden wir in die sowjetische Besatzungszone gebracht und später nach Russland. So sind meine Kriegsjahre vergangen.

[…].

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