Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

327. Freitagsbrief (vom April 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kreis Stawropol´
Aleksej Fedotowitsch Lasarenko.

Sehr geehrte Vertreter des Vereins „Kontakte“!

Ich danke Ihnen für das Interesse, das Sie dem Schicksal der Kriegsgefangenen, die durch den Überfall Hitler-Deutschlands auf die UdSSR so viel Leid erfahren haben, entgegenbringen.

Am 19. Februar 2009 habe ich meinen 90. Geburtstag gefeiert. In den vielen Jahren meines Lebens habe ich viel gesehen und durchlebt, der schwerste Abschnitt meines Lebens aber waren die Jahre des Großen Vaterländischen Krieges.

Im November 1939 wurde ich zum Wehrdienst einberufen, ich diente in den Truppen der Schweren Artillerie im Osten Weißrusslands (ehemaliges polnisches Gebiet) im Gebiet Belostozka [Białystok] in dem Ort Boshki. Schon von der ersten Stunde des Krieges an war unser Artillerieregiment den Angriffen der nationalsozialistischen Truppen ausgesetzt. Unser Regiment wurde zerschlagen und wir mussten den Rückzug Richtung Osten antreten. Am 1. Juli 1941 geriet ich bei der Stadt Wolkowysk in Gefangenschaft. Von diesem Zeitpunkt an und bis zum 9. Mai 1945 befand ich mich in nationalsozialistischer Gefangenschaft auf dem Territorium von Nazi-Deutschland und anderen Ländern. Ich war in verschiedenen Lagern, in Wolkowysk [Dulag ?], Auschwitz und anderen. Von Auschwitz kam ich nach Buchenwald [sehr unwahrscheinlich, häufig wird Buchenwald für das Stalag IVK (304) Zeithain angegeben, die Namen Auschwitz und Buchenwald sind aus der Nachkriegszeit bekannt], wo ich von den nationalsozialistischen Soldaten entsetzlich gefoltert und geschlagen wurde, vor allem von Soldaten aus den okkupierten Ländern, aus Ungarn, Rumänien und Österreich. Sie schikanierten die Kriegsgefangenen und die Juden auf grausame Weise: sie hetzten Hunde auf sie, schlugen sie mit Gummiknüppeln. Im Oktober 1941 wurden die Kriegsgefangenen aus Buchenwald in Güterzügen nach Flankenberg [Frankenberg?] gebracht zum Bau eines deutsch-nationalsozialistischen Militärflugplatzes.

Wir luden Erde aus und transportierten sie, brachten sie zur Ausbringung auf den Flugplatz. Neben dem Flugplatz wurde ein Lager für Kriegsgefangene errichtet. Die Unterkünfte wurden aus Holzbalken gezimmert, das ganze Lager von zwei Reihen Stacheldraht umgeben und Wachtürme aufgestellt. Die Versorgung mit Essen war kärglich: 50 Gramm Brot mit Holzspänen, Suppe mit Stücken von Rüben und Kohlrüben darin. Bewacht wurden wir vor allem von ungarischen Soldaten, die uns wegen des geringsten Ungehorsams zu Tode prügelten. In Folge der Schikanen und der schlechten Nahrungsmittelversorgung starben jeden Tag fünf bis sechs Kriegsgefangene. Die Leichen wurden in einen Kühlraum gebracht, wo sie ganz gefroren, dann wurden sie zum Abtransport auf einen Karren geworfen. Man warf die Leichen in eine tiefe Grube und bestreute sie mit Chlorkalk, sie wurden nicht einmal mit Erde zugescharrt. So verwesten sie dort unter freiem Himmel.

Nach der Fertigstellung des Militärflugplatzes im Frühjahr 1943 wurden die ungefähr 400 übrig gebliebenen Kriegsgefangenen in die Hafenstadt Stettin gebracht, wo auch Kriegsgefangene aus Italien waren. In Stettin wurden wir auf ein Schiff geladen und in die Laderäume gesperrt. Aufs Schiffsdeck wurden deutsche Panzer geladen. Das Schiff fuhrüber die Ostsee nach Norwegen, nach Oslo. Danach wurden wir in einem Güterzug nach Narvik transportiert. Auf dem Weg wurde in den Städten Trondheim und Stjordal jeweils eine Gruppe Gefangener ausgeladen, wo sie beim Bau verschiedener Objekte mitarbeiten mussten. Ich kam nach Stjordal, zur Arbeit am Bau einer Flugzeughalle und von Häusern für das Flugpersonal. Dort blieb ich bis zum Ende des Krieges. Im Mai wurden wir von den Engländern aus dem Kriegsgefangenenlager befreit. Alle befreiten Kriegsgefangenen aus Norwegen wurden in eine Hafenstadt in Schweden gebracht, wo ein sowjetisches Kriegsschiff auf uns wartete (20. Juni 1945). Man brachte uns nach Finnland, nach Helsinki, wo wir in einen Militärzug geladen wurden und via Wyborg und Leningrad in die Sowjetunion fuhren. Wir kamen in die Republik Mari El, wo wir einen Monat lang die Sonderprüfung durchliefen. Im September 1945 wurde ich in den Ural geschickt, zur Arbeit in einem Schwermaschinenwerk. Dort arbeitete ich zwei Jahre, dann wurde ich an den Ort meiner Einberufung in den Armeedienst geschickt. So kam ich endlich zu meiner Familie, die ich von 1939 bis 1947 nicht gesehen hatte. Ich traf meine Eltern und meine Schwestern in Kisljar (Dagestan).

In der Schule hatte ich gut Deutsch gelernt, was mir in den Kriegsjahren half, viele Schwierigkeiten und Probleme zu bewältigen, da ich die deutsche Sprache verstehen konnte. Bei der Arbeit am Bau des Militärflugplatzes in Norwegen beauftragte mich der deutsche Offizier Oskar Ziegler, der wusste, dass ich Deutsch sprach, mit der Reinigung des Lebensmittellagers. Dank ihm konnte ich meine stark angeschlagene körperliche Verfassung aufpäppeln.

1953 machte ich den Führerschein und arbeitete vierzig Jahre lang als Fahrer für ein Kinderheim. 1947 zog ich von Kisljar nach Grosnyj, heiratete und bekam drei Kinder. Einer meiner Söhne ist schon gestorben. Jetzt habe ich einen Sohn und eine Tochter, die schon seit 35 Jahren als Deutschlehrerin in der Mittelschule arbeitet. Ich habe sechs Enkel und drei Urenkel.

1994 begann der Krieg in Tschetschenien. Wieder musste ich diese Hölle miterleben. Explosionen, Bombenangriffe, der Tod von Soldaten und friedlichen Bürgern – all das geschah vor meinen Augen. Lange Zeit versteckten wir uns im Keller, mussten hungern. Es war schrecklich. Die Stadt war völlig zerstört und abgebrannt. 1996 verließ ich Grosnyj und kam als Flüchtling in die Region Stawropol, wo ich bis heute lebe. Es war sehr schwer, alles zurückzulassen, was wir uns aufgebaut hatten, vor allem aber, die Freunde und Bekannten zu verlassen – und ein neues Leben zu beginnen.

Jetzt lebe ich mit meiner zweiten Frau zusammen (meine erste Frau ist 1994 gestorben). Wir haben eine kleine Wohnung im Zentrum von […]. Wir sind oft krank, aber helfen einander wie wir können. Meine Kinder sind nach der Flucht aus Grosnyj in anderen Städten gelandet. Sie rufen oft an und kommen uns oft besuchen. Ihren Brief habe ich zu meinem neunzigsten Geburtstag bekommen und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Sie an uns denken und sich um uns kümmern.

Natürlich kann man das Durchlebte nicht materiell wieder gutmachen, aber das Interesse von Ihrer Seite und dass Sie uns nicht vergessen haben, ist sehr wichtig für die, die noch leben und die die schwere Zeit in den nationalsozialistischen Lagern durchlebt haben.

Hochachtungsvoll,

Aleksej Fedotowitsch Lasarenko.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.