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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

325. Freitagsbrief (vom 4. Dezember 2012, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Daniel Marikjan
Armenien.

[…] Da ich von Herrn Margarjan und dem Gremium unseres Vereins gebeten worden bin, für Sie einen Bericht über meine Kriegsgefangenschaft zu schreiben, tue ich das jetzt mit Hilfe meiner Enkelin, denn ich bin leider ganz blind.

Ich bin 1918 im Dorf Gjulagarak (Bezirk Lori, Armenien) geboren. Im Jahr 1939 wurde ich in die Armee einberufen und diente in der ukrainischen Stadt Nowgorod-Wolinsk (Bezirk Schitomir). Als der Krieg ausbrach, zogen wir uns im Laufe der verzweifelten Kämpfe immer weiter zurück. Es war der 15. September 1941, als unser Regiment im Bezirk Poltawa eingekesselt wurde, und wir in Kriegsgefangenschaft gerieten. Ich war dabei am linken Arm und am Rücken verwundet. Uns brachten die Deutschen in das Lager von Dubniza [?]. Unsere Situation dort war unsagbar schlimm. Der unmenschlichen groben Behandlung sowie dem Hunger und den Krankheitenfielen täglich viele Kriegsgefangene zum Opfer. Nachdem ich dort einige Monate geblieben war, sonderten die Deutschen über 200 Kriegsgefangene ab, zu denen auch ich angehörte, und sie brachten uns in ein anderes Lager in Kiew. Dort arbeiteten wir von früh bis spät am Flughafen von Kiew. Nach einiger Zeit wurden wir nach Winniza geschickt, wo wir am dortigen Flughafen arbeiteten. Es war im Herbst 1942, als man uns von dort zu Fuß zum Bahnhof trieb, um uns dann nach Deutschland zu schicken. In der ersten Nacht wurden wir in einen verlassenen Stall gepfercht, wo wir die Nacht zubringen mussten.Es gab einen starken Schneesturm, weswegen kurz nach der Mitternacht die baufällige Decke herunterstürzte, und wir blieben unter den Trümmern. Einige Bewohner des nahen Dorfes eilten uns zu Hilfe, aber sie wurden von den Deutschen und Polizisten zurück getrieben. Mit Hilfe eines russischen Kameraden konnte ich den Balken, der über mir lag, mit Anspannung aller Kräfte etwas wegschieben und mich mit manchen Verletzungen retten. Die meisten aber hatten keine Möglichkeit sich zu retten. Sie alle, ja, selbst diejenigen, die durch unsere Hilfe aus den Trümmern heraus kamen, aber nicht mehr laufen konnten, wurden an Ort und Stelle erschossen. Als wir, die übrig gebliebenen, endlich zum Bahnhof kamen, schickte man uns durch einen Güterzug in Richtung München. Man hatte vor, uns an die südöstliche Grenze zu bringen. Da aber die Errichtung des dortigen Lagers nicht vollendet war, blieben wir fünf Monate im Lager von Dachau [wahrscheinlich Stalag VII A Moosburg]. Dann wurden wir zur südöstlichen Grenze gebracht. Wir arbeiteten in Duisdorf und in Minsdorf [?]. Dort gab es eine Trikotfabrik. Wir mussten die Maschinen der Fabrik abbauen und statt deren andere Maschinen einrichten, auf denen verschiedene Teile für deutsche Kampfflugzeuge produziert werden sollten. Später sind wir zum Flughafen geschickt, wo wir weiter arbeiteten. Wir blieben dort bis zum 4. Mai 1945, als die Amerikaner uns befreiten und dann den sowjetischen Truppen übergaben. Wir wurden dann nach Wien geschickt. Nachdem wir dort verhört waren, teilte man uns zu verschiedenen Gruppen auf, und ich wurde innerhalb einer Baugruppe in die Tschechoslowakei geschickt. Wir errichteten dort eine Brücke. Dann schickte man uns zum Bahnhof „Schepetowka“ im Bezirk Schitomir (in der Ukraine). Dort blieben wir bis zum Herbst 1946 und waren daran, die Wälder zu entminen sowie Häuser zu bauen. Im November 1946 bin ich wieder nach Armenien gekommen.

Lieber […], da bald die Weihnachten beginnen, sende ich Ihnen und Ihrer Familie auch meine besten herzlichsten Wünsche zum Neuen Jahr und verbleibe mit herzlichen Grüssen

Ihr Daniel Marikjan.

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