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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

324. Freitagsbrief.

Ukraine
Gebiet Tschernigow
Baran Nikolai Maksimowitsch.

Erinnerungen des einfachen Soldaten Baran Nikolai Maksimowitsch.

16.5.05, 1941–1944 in Gefangenschaft in Polen.

Der Große Vaterländische Krieg erreichte mich, als ich mich in der Ausbildung im 20. Infanterie-Regiment beim Dorf Krasnoe, Gemeinde Tschernigow, befand. Als man den Krieg erklärte, trieb man uns nach Tschernigow, lud uns in Autos und sandte uns nach Gomel.

Aus Gomel wurden wir in Autos in einen Wald gefahren, wo wir Schützengräben aushoben und begannen zu warten. Hier gab es ein kleines Flüsschen. Wir sahen, wie sich auf dem gegenüberliegenden Ufer deutsche Panzer und Autos aus Polen in unser Landbewegten.

Am Morgen gingen wir in Richtung nach Rogatschew zur Eisenbahnlinie, wo uns die Deutschen beschossen. Als wir die Eisenbahnlinie überquerten,krochen wir in einen kleinen Graben. Unser Kompanieführer verschwand, man wusste nicht wohin. Die Zugführer beschlossen, ihr Bataillon zu suchen. Als unsere Kundschafter herausfanden, wo unser Bataillon stand, . . schlugen wir unsin Gruppen nach irgendein Dorf bei Rogatschew durch. Da wir hungrig waren, erlaubten uns die Kommandeure ins Dorf zu gehen, um dortirgendwelche Lebensmittel zu erbitten. Als wir aus diesem Dorf Richtung Wald hinausgingen, kamen sogleich deutsche Panzer. Wir verteilten uns im Wald und im Moor. Da die Brücke in Rogatschew gesprengt war, konnten wir nicht auf unsere Flussseite hinüberkommen. Wir versteckten uns in Gruppen zu 10–15 Leuten dort, wo es möglich war: im Wald, in Waschhäuschen, in Scheunen. Die dortigen Bewohner brachten uns etwas zu essen.

Einmal kam ein alter Mann zu uns ( wir versteckten uns in einem Waschhäuschen) und sagte uns, er wüsste, wo unsere Kameraden stehen und könnte uns zu ihnen führen. Wir mussten ihm glauben, zwei unserer Leute begleiteten ihn, und er führte sie zu den Deutschen. Dann kamen die Deutschen zu uns. Der Dolmetscher sagte uns, dass wir den Deutschen unsere Adressen geben sollten, und sie würden uns nach Hause schreiben, wo wir uns befinden, wenn man uns aufgeteilt hätte. Danach wurden wir in Autos geladen und nach Polen in ein Lager gebracht. Wir waren 15 Leute.

Das Lager war nicht sehr groß, dort waren schon andere unserer Soldaten-Kriegsgefangenen. Hier verbrachten wir 2–3 Wochen. Wir ernährten uns dadurch, dass wir Fleisch von getöteten Pferden sammelten und es in Küchen kochten.

Dann lud man uns in Autos und brachte uns bis zum Bug. Es waren viele Autos, denn aus diesem Lager wurden alle Gefangenen weggefahren. Am Bug wurden wir ausgeladen, und die Deutschen trieben uns über die Brücke auf die andere Seite des Bugs in das Lager Biala Podlaska [Stalag 307]. Es war Sommer und Erntezeit. In diesem Lager befand ich mich ein Jahr.

Das Lager war von einem dreifachen Stacheldrahtzaun umgeben, an den Ecken des Lagers standen Beobachtungstürme, auf denen rund um die Uhr Wächter Aufsicht hatten. Das Lager lag auf einem offenen Feld, daneben war Wald. Wir waren unter freiem Himmel, und in den Kasernen waren die deutschen Soldaten und ihre Kommandozentrale.

Wir hoben uns lange Gräben in der Erde aus und schliefen in zwei Reihen dicht aneinander gedrückt. Es war sehr kalt. Nach jeder Nacht blieben viele Gefangene in den Gräben liegen, da sie während der Nacht erfroren waren.

Neben mir lag immer ein Soldat aus Gubitsch (Bezirk Repkinskij, Gebiet Tschernigow), Drogan Fedor, und eines Morgens war auch er erstarrt im Graben. An diesem Morgen wollte ich ihn zu wecken, aber er war schon tot. Gleich nachdem wir ins Lager kamen, gab man uns etwas Brot und einen Würfel Honig für vier Personen. Und dann aßen wir Steckrüben und suchten getötete Pferde und kochten deren Fleisch. Später wurden alle Gefangenen in Kriegsgefangene und Zivilgefangene eingeteilt. Im Winter wurden die Kriegsgefangenen zum Säubern des Waldes geführt, aber niemand wurde zurückgeführt, denn sofort nach der Arbeit wurden sie dort im Wald erschossen. Eine andere Arbeit gab man uns nicht, wir saßen im Lager (herum).

In einer Sommernacht des Jahres 1942 erhoben sich die Kriegsgefangenen mit dem Schrei „Hurra“ und liefen auf den Stacheldraht zu, um aus dem Lager wegzulaufen. Die Wachposten erhellten mit zwei Raketen das Lager und eröffneten ein tödliches Feuer auf die ersten, die zum Stacheldraht liefen. Viele wurden getötet, sehr viele Gefangene, hinter dem Leichenberg war der Stacheldraht nicht mehr zu sehen. Als alles still geworden war, kroch ich mit meinem Dorfgenossen Nikifor Tuniza durch einen Leichenberg, um aus der Gefangenschaft wegzulaufen.

Als wir das Territorium des Lagers verlassen hatten, krochen wir etwa einen Kilometer und gelangten auf ein Feld, auf dem Garben von gemähtem Roggen standen, und zwar jeweils neun Stück und eine Garbe obendrauf.

Wir zogen diese Getreidegarben auseinander und krochen in die Mitte.So saßen wir bis zur Nacht. In der Nacht verließen wir unsere „Deckung“ und gingen auf irgendeinem Pfad los aufs Geratewohl. Vor uns hörten wir weibliche Stimmen. Uns kamen einige Frauen entgegen. Als wir auf gleicher Höhe mit ihnen waren, hörten wir, dass sie über uns sprachen, dass wir Gefangene seien. Wir gingen an ihnen vorbei und dann drehte sich eine Frau um und gab uns ein Stück Brot. Und sie sagte uns noch, dass wir direkt in den Wald gehen und uns dann links halten sollten. Dann würden wir das Häuschen des Waldhüters finden.

Als wir das Häuschen des Waldhüters gefunden hatten, begann ein Hund zu bellen und der Waldhüter kam aus dem Häuschen. Er fragte uns, ob wir Gefangene seien und befahl uns, auf ihn zu warten. Wir dachten, er würde die Deutschen holen, aber er brachte uns Brot und Suppe (Grütze). Der Waldhüter sagte uns, dass am Waldrand Deutsche vorbeikämen, aber wenn sie nicht dort sind, man ins Dorf hinübergehen könne. Zwei Tage lang beobachteten wir die Bewegungen der Deutschen, und als sich ein geeigneter Moment ergab und es keine Deutschen gab, da gingen wir in das Dorf Deretschanka.

Hier hatten sich 17 Menschen so wie wir versammelt. Einige Gefangene gingen dann fort in das Dorf Nowoselki und Kiewec, denn für ein Dorf waren 17 Menschen zu viel. Sieben blieben im Dorf. Die Dorfbewohner sagten uns, dass man über den Bug auf die andere Seite kommen kann, aber den Ort des Flussüberganges kannte niemand. Daraufhin beschlossen wir, ein kleines Boot zu bauen, um in ihm über den Fluss zu setzen. Die Dorfbewohner gaben uns Material und Werkzeuge. An das Boot wurde ein langer Draht gebunden um es zurückzuziehen, wenn 2–3 Menschen übergesetzt waren. Auf dem gegenüberliegenden (unserem) Ufer standen unsere „Schwarzen“ (Armenier, Georgier, Usbeken), die zu den Deutschen übergelaufen waren und als Wachen am Ufer standen. Als die ersten drei Leute im Boot waren, hörten die Wachen sie, erhellten den Fluss durch zwei Raketen und eröffneten das Feuer auf sie. Über ihr Schicksal haben wir nie etwas erfahren.

Danach gingen wir in den Wald, gruben eine Erdhütte und verbrachten dort einige Zeit. Einst hörten wir, dass jemand an unserer Erdhütte vorbeilief. Einer von uns schaute hinaus und sah eine Frau. Er lief hinter ihr her und sie sagte, dass wir keine Angst haben sollten, denn sie sei wie wir. Sie versprach uns, am Morgen „Machorka“ zu bringen. Am Morgen stellten wir einen der Unsrigen als Wache auf, um zu sehen ob die Frau Deutsche zu uns führt. Dann hörten wir eine Schießerei und sahen Deutsche, die zu unserer Erdhütte liefen. Sie schossen auf uns und wir begannen alle, über das Feld wegzulaufen, denn die Deutschen kamen aus dem Wald.

Über das Feld lief ich neben Tuniza Nikifor. Als ich mich umblickte, war er nirgends zu sehen, aber hinter mir liefen zwei Deutsche und schossen auf mich. Ich warf meine warme Jacke weg und lief nur im Hemd weiter in den Wald. Das war im Februar 1943.

Im Wald irrte ich lange allein herum. Es lag Schnee und die Deutschen konnten mich wegen meiner Spuren verfolgen. Dann ging ich auf eine Wiese und setze mich auf einen Weidenbusch um zu beobachten. Ich saß dort bis zum Abend. Am Flüsschen erblickte ich einen mir bekannten Dorfbewohner, Janek, der Netze legte. Ich wollte zu ihm gehen, aber ich konnte mich nicht erheben, denn meine Beine waren völlig taub. Lange streckte ich sie, und danach konnte ich nur mit Mühe aufstehen. Der alte Janek erkannte mich anfangs nicht wieder, er sagte, dass ich schwarz wie Kohle sei. Er sagte, ich solle mit ihm nach Hause kommen, aber ich hatte Angst um seine Familie, dass sie meinetwegen leiden könnte.

Nicht weit entfernt war das kleine Dorf Maliy Dobryn. Dorthin ging ich zu einem Bekannten, Samsonjuk Wassilij. Dort gab man mir zu essen und ein wenig Alkohol, auf ihrem Ofen verbrachte ich die Nacht. Am Morgen gaben sie mir etwas Brot, Speck und eine warme Jacke. Aufs Neue ging ich in das Dorf Deretschanka, um etwas über das Schicksal derjenigen zu erfahren, die mit mir vor den Deutschen geflohen waren. Dort erfuhr ich, dass zwei unserer Leute in Nowoselki getötet wurden. Und Nikifor Tuniza wurde von den Deutschen gefangen und gezwungen, sie in den Wald zu führen und ihnen die Erdhütte zu zeigen, wo wir uns versteckt hatten. Bei der Erdhütte erschossen sie ihn. Die örtlichen Bewohner nahmen ihn und beerdigten ihn am Weg zur Kirche, an einen Baum schlugen sie ein Kreuz an. Sie zeigten mir sein Grab.

In Deretschanka traf ich Pjotr Romanowitsch Schatalow, mit dem ich früher zusammen war. Er wurde in Charkow geboren.

Mit ihm ging ich in das Dorf Malyj Dobryn, und dort waren wir einige Zeit. Wir halfen den dortigen Bewohnern (Samsonjuk Wasilij, Schpiruk Janek und andere) in der Landwirtschaft: des Nachts trugen wir die Getreidegarben vom Feld, droschen das Getreide etc.

Wenn die Deutschen begannen sich etwas zurückzuziehen, versteckten wir uns tagsüber im Wald auf einem Friedhof in einer Gruft (Wir zogen die Platte beiseite und versteckten uns im Grab), und nachts gingen wir zum Bauern, dem wir halfen. Er zeigte uns den Ort, wo wir uns verstecken konnten. Seinen Nachnamen erinnere ich nicht mehr.

Einmal hörten wir, als wir in unserem Versteck saßen, dass ein heftiger Bombenangriff begann. Unweit befand sich ein deutscher Flughafen, und unsere Flugzeuge bombardierten ihn. Nach einiger Zeit verließen wir den Friedhof und wollten am Ufer zum Bauern gehen, als wir hörten „Stehen bleiben, wer dort?“ Das waren zwei russische Soldaten mit Maschinenpistolen. Sie fragten uns, ob wir Gefangene seien und nahmen uns mit. Ihr Stab befand sich in dem Haus des Bauern, dem wir halfen. Wir baten, an die Front geschickt zu werden, aber das wurde uns verweigert. Im Stab sagte man uns , dass wir uns von den örtlichen Einwohnern eine Bescheinigung ausstellen lassen sollten, dass wir uns in ihrem Dorf aufgehalten und den Deutschen nicht geholfen hätten. Diese Bescheinigung unterschrieben alle Dorfbewohner. (Wir hatten ja keinerlei Dokumente). Dann schickte man uns in das Örtchen Peschtschacy, wo es einen Sammelpunkt für alle Kriegsgefangenen gab. Dort verbrachten wir eine Woche, während die Gruppe der ehemaligen Kriegsgefangenen zusammengestellt wurde. Dann gab man uns einen Waggon, lud uns ein und brachte uns fort. Zwei Soldaten und ein Sergeant begleiteten uns. Wir dachten, dass wir zur Front führen, aber man brachte uns nach Charkow.

In Charkow brachte man uns in ein Lager, in dem es viele ehemalige Kriegsgefangene gab. Wir wurden registriert und zum Bauen geschickt, da es viele zerstörte Häuser gab. Petr Schatalow wurde zur Arbeit in die Fabrik geschickt, wo er vor dem Krieg gearbeitet hatte. In Charkow stellte man mir einen Pass und einen Wehrentlassungsschein aus. Nach dem Krieg unterhielt ich freundschaftliche Beziehungen mit P.R. Schatalow. Wir führten Briefverkehr. Einmal kam er persönlich zu mir ins Dorf gereist, ein zweites Mal dann mit seiner Frau. Aber jetzt sind unsere Verbindungen unterbrochen, denn ich kann nicht mehr sehen, lesen oder schreiben.

Vieles könnte noch geschrieben werden. Aus dem Gedächtnis werden nicht jene schrecklichen Kriegsjahre gelöscht, als jede Minute die letzte hätte werden können.

Man erinnert sich an alle Frontkameraden, mit denen man ein Krümel Brot oder ein wenig „Machorka“ geteilt hatte und mit denen man im Glauben an den Sieg gelebt hatte.

Ihnen, die jetzt nicht mehr unter uns sind, ein ewiges Gedenken!

Baran Nikolai Maksimowitsch.

15044 Bezirk Repkinskij
Gebiet Tschernigow.

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