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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Im Sinne des 90jährigen Autors, der als Zeitzeuge bei der Eröffnung unserer Ausstellung ‚„Russenlager‘ und Zwangsarbeit“ in der FU-Berlin auftrat, veröffentlichen wir diesen aus der Reihe fallenden Brief.

323. Freitagsbrief (vom Oktober 2012).

Boris Antonowitsch Popow
Belarus 220023
Minsk.

Offener Brief an die Bundeskanzlerin.

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

ich schreibe Ihnen als Überlebender des größten Kriegsverbrechens, das die Geschichtsschreibung kennt, dem drei Millionen meiner Kameraden zum Opfer fielen. Darüber zu berichten, luden mich der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI und die Freie Universität Berlin als Zeitzeuge ein.

Ich wurde als Soldat der Roten Armee kurz nach Beginn des deutschen Vernichtungskrieges gegen meine Heimat gefangengenommen und kam zunächst in ein Lager bei Minsk. Wir waren dort hunderttausend dem Hungertod preisgegebene Kriegsgefangene. Ich überlebte durch einen glücklichen Zufall. Danach kam ich in ein Feldlager bei Gomel, in dem mangels hygienischer Mindeststandards eine Fleckfieberepidemie grassierte. Ich zählte zu den wenigen Überlebenden, die im Frühjahr 1942 nach Deutschland gebracht wurden. Die Verpflegung entsprach nun dem Minimum zur Gewährleistung der Arbeitsfähigkeit. Aber auch hier wurden wir als „Untermenschen“ misshandelt. Wir waren dem Status nach Kriegsgefangene, aber in Wirklichkeit wurden wir zu Opfern rassistischer NS-Ideologie, die uns die Daseinsberechtigung abstritt.

Als bekannt wurde, dass Deutschland die „Zwangsarbeiterentschädigung“ auszahlt, stellte auch ich wie viele meiner Kameraden einen Antrag, der abgewiesen wurde mit Verweis auf ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz. Wurden wir zuvor beleidigt durch Stalins Vorwurf, Vaterlandsverräter zu sein, schockierte uns nun die Missachtung durch den Deutschen Bundestag. Es erstaunt uns Überlebende, dass Ihre Regierung Verantwortung gegenüber allen Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft bekundet – dies aber gegenüber jenen negiert, die neben den europäischen Juden die größte Opferzahl aufweist. Die Nichtanerkennung von Unrecht hält Wunden dauerhaft offen, Armenier und Türken wissen Bescheid. Millionen Familien in Ländern der früheren Sowjetunion trauern um Angehörige, die in anonymen Massengräbern vor einstigen „Russenlagern“ der Wehrmacht liegen. Auch für sie, nicht nur für die schwindende Zahl der Überlebenden, wäre es eine späte Genugtuung und hätte heilsame Wirkung, wenn Ihre Regierung sich zur Anerkennung des Unrechts bekennt und gegenüber den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Humanität erkennen lässt.

Hochachtungsvoll

B. Popow.

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