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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

321. Freitagsbrief (vom August 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievsky).

Russland
Kreis Perm
Suksun
Sergej Michajlowitsch Stepanow.

Sehr geehrte Vereinsmitglieder,

Ich, S. M. Stepanow bedanke mich bei Ihnen recht herzlich für Ihren Brief und für die Achtung, die Sie mir und allen ehemaligen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges schenken. Sie bitten, meinen Lebensweg zu erzählen. Wenn ich ausführlich berichtete, könnte man ein ganzes Poem schreiben. Ich bleibe kurz.

Ich bin in der Arbeitersiedlung Suksun im Kreis Perm geboren, wo meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gelebt hatten. Unsere Familie war groß: die Eltern, sieben Geschwister, ich, die Großmutter und eine gehörlose Tante. Nach der Beendigung eines Technikums wurde mir eine Arbeitsstelle gegeben. In dieser Zeit begann der Krieg.

Im Herbst 1941 wurde ich in die Armee einberufen und in die Fliegerschule geschickt. Unsre Truppen zogen sich an der Front zurück. Ein Teil der Offiziersschüler aus den Flieger-, Panzer-, Artillerie-, und anderen Militärschulen bekam die Aufgabe, an einer vorbereiteten Befestigungsanlage den deutschen Vorstoß zu stoppen und damit unseren Truppen eine Atempause für die Verlegung zu geben. Die Befestigungsanlage war so gestaltet, dass ein gegnerischer frontaler Angriff kaum möglich war. Nach erbitterten Kämpfen gelang den Deutschen ein Flankendurchbruch. Die Befestigungsanlage wurde zerstört. In der ganzen Anlage sind nur 50 Mann am Leben geblieben. Es kam der Rückzugsbefehl. Es gab aber keine Möglichkeit zum Rückzug, weil die Deutschen hinter uns 40 km Hinterland erobert hatten. Es gab den Befehl, die Gegend in kleineren Gruppen zu verlassen. Nach einem nächtlichen Fußmarsch fanden wir in einem Gemüsegarten ein zugewachsenes Erdloch. Wir wollten hier zu viert eine kurze Zeit bleiben. Am Morgen fanden die Deutschen unser Versteck. So wurden wir gefangengenommen. Das passierte Anfang August 1942.

An einem Tag trieben die Deutschen etwa 150 Personen zusammen. Mit Wagen wurden wir ins Lager nahe Charkow [Dulag 201] gebracht. Dort gab es schon unsere Kriegsgefangene, ca. 1500–2000 Mann. Wie sah das Lager aus? Das war ein von Stacheldraht umzäuntes Gelände mit einer Fläche wie ungefähr zwei Fußballfelder. Auf einer Seite stand ein großes dreistöckiges Haus. Vielleicht waren es ehemalige Militärkasernen. Das Lagergelände wurde in der Mitte geteilt. Bei der Essensvergabe wurden wir von einem Teil des Lagers zum anderen Teil getrieben. Einmal täglich gab es Essen: maximal 500 g Balanda (ungeschälte Kartoffeln, Rüben, ein bisschen Grütze und Wasser). Es gab kein Brot. Im Lager war kein Leitungswasser. Kriegsgefangene lieferten das Wasser in Tonnen mit einem Fuhrwerk. Das Fuhrwerk wurde von deutschen Wächtern begleitet. Im Inneren des Lagers befanden sich keine Deutschen. Das Kommando übernahmen die ukrainischen Polizisten. In allen Lagern, wo ich mich danach befand, hatten die ukrainischen Polizisten die Leitung. Sie hatten ihre Hauptwaffe: eine Peitsche. Der Griff der Peitsche war etwa 20–30 cm lang. Am Ende wurde entweder ein Gummischlauch (etwa 60–70 cm lang) oder ein Riemen festgemacht. Nach einem Schlag blieb auf dem Körper eine blaue oder blutige Stelle.

Es war im August. Es herrschte sommerliche Hitze. Das Wasser wurde ununterbrochen den ganzen Tag geliefert. Für so viel Kriegsgefangene reichte das Wasser aber nicht. Es kam zu Drängeleien und Zusammenstößen. Die Deutschen beobachteten dies, unternahmen aber keine Bemühungen, die Lage zu verbessern. Ich konnte mir auch nicht immer Wasser beschaffen. Wir tranken unseren Urin. Die Menschen wurden schwächer. Ich sah die ersten Toten. Niemand kletterte mehr zur Übernachtung in den 2. oder 3. Stock der Kaserne hoch. Die Menschen lagen im Erdgeschoss und draußen. Aus unserer Vierer-Gruppe konnten zwei Personen dies nicht mehr aushalten und meldeten sich zur Lagerpolizaj. Sie sagten, sie wären Ukrainer. Für die Lagerpolizaji wurden nur Ukrainer und Krim-Tataren rekrutiert. Nikolaj aus dem Gebiet Swerdlowsk und ich entschieden folgendes: Wenn wir im Krieg nicht sterben, werden wir heimkehren. Der Aufenthalt in der Kriegsgefangenschaft würde uns vielleicht verziehen werden. Ein Hochverrat wird nie verziehen. Dies hätte bei viel Glück „nur“ ein „zweites“ Lager, diesmal in der Heimat bedeutet. Noch schlimmer wäre die Schande für die Verwandten.

Es wurden die 60–80-Mann-Grupen gebildet. Wir dachten, schlimmer kann es nicht werden, und meldeten uns bei einer Gruppe. Man brachte und in ein anderes Lager. Es war deutlich kleiner: eine Lagerhalle, daneben ein Platz und eine Reihe Stacheldraht. Der Lagerkommandant war ein Deutscher. Die Wächter waren die Polizisten, diesmal mit Gewehren bewaffnet. Drei Tage lang hielten wir uns hier auf. Das Essen war nicht schlecht: zwei Mal täglich. Dazu noch eine Brotmischung. Nach drei Tagen wurden wir in 15–20-Mann-Gruppen zur Arbeit geschickt. Wir ernteten Rüben, Mais, Tomaten etc. In diesem Lager lebten wir zwei Wochen. Die Erntezeit ging zu Ende. Danach wurden wir in ein anderes Lager gebracht. Wir trafen die Entscheidung, zu flüchten. Hier war es relativ leicht. Wir wussten, dass wir die Unsrigen nicht erreichen könnten. Wir hofften, Partisanen zu treffen. Wir flohen. Ich werde den ganzen Weg nicht beschrieben, wo wir tagsüber und nachts waren. Die Ortschaften umgingen wir in der Nacht. Am vierten Tag versuchten wir, die ganze Nacht eine Ortschaft zu umgehen. Sie war endlos groß. Etwa in 500 Meter Entfernung sahen wir ein Einzelhaus. Wir näherten uns. Als es bis zum Haus noch cirka 30 Meter waren, erschien an der Ecke ein Deutsche mit Maschinengewehr: „Russe, komm!“ Wir gingen zu ihm. Er öffnete die Tür und stieß uns rein. So gerieten wir erneut in ein Lager. Es war klein. Die Ortschaft war die Stadt Perwomaisk. Das Lager war ohne Stacheldraht. Das war eine Lagerhalle. Im Erdgeschoss übernachteten 62 Kriegsgefangene. Sie arbeiten bei der Ernte. Oben lagerte Mais. Das Lagerkommandant war ein Deutscher, kein Offizier, sondern mit niedrigerem Rang. Er war ein sehr böser Mensch und lief immer mit einer Peitsche rum. Morgens gab es einen Appell. Alle Kriegsgefangenen mussten obligatorisch anwesend sein. Der Kommandant verprügelte uns persönlich mit der Peitsche. Das galt als „Lehre“ für andere Kriegsgefangene. Wir beide waren ohnmächtig. Eine Woche lang konnten wir die Pritsche ohne fremde Hilfe nicht verlassen, auch nicht um auf die Toilette zu gehen. Essen gab es zweimal täglich. Ich glaube, das Essen kochten ukrainische Frauen, weil die Balanda wie Borschtsch aussah, allerdings ohne Fleisch und Schmand. Im Winter hatten wir kaum Arbeit. Nur selten wurden 5–10 Mann für Hilfsarbeiten rekrutiert. Tag und Nacht bewachten uns die Polizisten.

Im Frühjahr (ich erinnere mich nicht an das genaue Datum. Es gab aber noch Schnee) wurde eines Tages die Wache deutsch. Wir mussten antreten. Viele waren schlecht gekleidet. Fast keiner hatte einen Militärmantel. Unsere Militärmäntel hatten die Wächter bei der Festnahme beschlagnahmt. Die Schuhe waren kaputt. Wir befestigten sie mit einem Stück Folie, oben mit Draht gebunden. So gingen wir fort. Nach einer halben Stunde waren die Füße nass. Auf dem Weg trafen wir Halbbekleidete in der ersten Ortschaft Frauen. Sie brachten uns Kleidung und Schuhe. Der Kolonnenführer, ein Offizier, brachte Mitleid auf und befahl uns, die Bewegung zu stoppen. Er erlaubte uns, sich umzuziehen. Am zweiten Tag erreichten wir eine große Ortschaft. Dort gab es ein Lager für ca. 600–800 Personen. Wir übernachteten. Morgens fuhren wir mit dem Güterzug von einer Bahnstation nach Deutschland. Ich kann nicht genau sagen, wie viel Zeit wir unterwegs waren. Man brachte uns nach Küstrin. Wir wurden in einem Quarantänelager untergebracht [Stalag IIIC]. Dort ging es uns sehr schlecht. Die Menschen starben. Nach etwa drei Wochen wurden diejenigen, die relativ gesund waren, ins Arbeitslager überwiesen. Das Lager sah so aus: 7 oder 8 Baracken, etwa 50 Meter lang. In der Baracke gab es einen langen und breiten Gang durch die ganze Baracke. Auf beiden Seiten des Ganges waren die Abteile mit zweistöckigen Holzpritschen. Im Lager befanden sich auch eine Krankenbaracke für 20 oder 30 Betten, ein Ärzteraum und die Räume für die Mitarbeiter. Daneben hinter Stacheldraht – die Kaserne der Wachmannschaft, Lebensmittellager und die Küche. Das Lager wurde mit zwei Reihen Stacheldraht umzäunt. Es gab auch Wachtürme. Wir wurden in den Baracken untergebracht. Am nächsten Tag wurden wir zur Arbeit getrieben. In jedem Arbeitskommando arbeiteten 40–50 Menschen. Unser Kommando beschäftige sich hauptsächlich mit Ladearbeiten an der Bahnstation.

Die Züge lieferten Kohle, Metall sowie Kartoffeln und weitere Gemüsearten. Die Gefangenen wurden an der Station an Arbeitgeber verteilt, 2–5 Mann pro Arbeitgeber, abhängig vom Gut. Die schwerste Arbeit war das Schleppen von Kohle. Die Kohlebriketts wurden in 70-Kilo-Paletten gestapelt. Wir mussten dies in die Haushalte liefern. Gut, wenn es das Erdgeschoss war. Die Menschen lebten aber auch im 2. oder 3. Stock. Wenn du 10–15 Mal täglich nach oben kletterst, bist du zum Feierabend bewegungslos. Die Mehrheit der deutschen Hausfrauen hatte Mitleid. Sie gaben den Gefangenen etwas Brot, Käse oder Wurst. Nach der Rückkehr ins Lager wurden wir durchsucht. Die Lebensmittel wurden aber nicht weggenommen.

Dieses abwechslungsarme Leben dauerte unmittelbar bis zur Befreiung. Im April 1945 gelang einer sowjetischen Panzergruppe den Durchbruch zu unserem Lager. Die Panzerfahrer sagten uns, dass die gegnerische Verteidigungslinie 8–10 km tiefer durchbrochen wurde. Sie empfahlen uns, durch diesen Gang die Unsrigen zu erreichen. Als wir zu den Unsrigen kamen, begannen die Geheimdienstler ihre „Arbeit“. Jeder wurde in einem separaten Raum vernommen: Wo wurdest du einberufen? Wo hast du gekämpft? Wie wurdest du gefangen genommen? Am zweiten Tag erhielten wir Uniformen und wurden in die reguläre Armee überwiesen. Ich befreite Dresden und andere Städte. Nach dem Krieg diente ich in Prag, in Österreich und Ungarn. Im August 1946 wurde ich demobilisiert. Ich kehrte nach Suksun zurück. Das ist ein Kurort, sehr schöne Gegend. In der Siedlung lebten damals ca. 10.000 Menschen. Es gab eine Optikfabrik und ein anderes Werk. Ich begann in der Optikfabrik als Ökonom zu arbeiten. Später war ich als Leiter der Planabteilung tätig. 1981 ging ich in Rente. Meine letzte Funktion lautete „Stellevertretender Direktor für wirtschaftliche Fragen.“

Nach dem Krieg war das Leben schwer. Das Land war zerstört. Zu uns in den Ural wurden mehrere Werke aus den besetzten Teilen des Landes gebracht. Wir bauten alles wieder auf. Unsere Fabrik arbeitete gut. Wir gewannen erste Plätze beim sozialistischen Wettbewerb. Die Arbeiter verdienten 5–10 % mehr als im Landesdurchschnitt. Die Fabrik wurde mit dem Rotbannerorden gewürdigt. Viele Arbeiter wurden mit Orden, auch mit dem Orden „Ehrenzeichen“ ausgezeichnet. Das Leben wurde jedes Jahr besser.

Es begann aber die Perestroika. Unser Wohlstand ging verloren. Unsere Regierung baute ab sofort auf den Kapitalismus. Die Kommunisten schmissen ihre Parteibücher weg. Sie lösten das Parlament auf, zerstörten die Sowjetunion, zerkleinerten das Land in kleine kapitalistische Länder. In jedem Land wurde ein Präsident gewählt. In Russland wurde Jelzin zum Präsidenten gewählt. Ich bin kein Gegner des Privateigentums. Ich bin aber gegen den wilden Kapitalismus, wie es bei uns zu Lande passiert. Das gefällt mir nicht. Nehmen wir die statistischen Angaben für das 1. Quartal 2007. Wir haben folgende Verdienste monatlich: im Bankwesen: 31.474 Rubel, in der Metallindustrie 13.798 Rubel, in der Landwirtschaft 5179 Rubel. Was für ein Unterschied! Ich würde nicht sagen, dass ein Buchhalter oder Wirtschaftsspezialist, die in einer Bank arbeiten, eine schwerere Beschäftigung hat als ein Metallurge vor dem Ofen. Das Unrecht ist auch von der Region oder von der Art der Ortschaft abhängig. Ein Dreher verdient in Suksun 3–5000 Rubel monatlich, in Perm (Kreishauptstadt) – 15.–20.000 Rubel, in Moskau oder Leningrad  – 35.–40.000 Rubel. Man darf auf keinem Fall in Moskau oder Leningrad wenig zahlen. Die Arbeiter könnten einen Streik oder Aufstand organisieren.

Im Gerichtswesen haben wir das gleiche Unrecht. Wenn jemand einen Sack Kartoffeln klaut, wird er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Wenn jemand Millionen klaut, bleibt er entweder frei oder bekommt eine Strafe auf Bewährung. […]

Ich bitte um Entschuldigung für diesen langen Brief. Ich wollte tatsächlich kürzer schreiben. Und da habe ich ein ganzes Poem geschrieben. Ich habe nichts Böses gegen das deutsche Volk. Ich bin den deutschen Frauen dankbar, die uns in diesen fernen Jahren mit Lebensmitteln halfen. Ich bedanke mich noch einmal bei Ihrem Verein für den Brief und für die Achtung. Ich lade Sie zu mir zu Gast im Oktober ein. Ich werde meinen 86. Geburtstag feiern, wenn ich natürlich am Leben bleibe.

Diesen Brief half mir die Schwiegertochter, die Ehefrau des älteren Sohnes zu schreiben.

Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und ein langes Leben!

Sergej Michajlowitsch Stepanow.

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