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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

319. Freitagsbrief (vom Januar 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Belarus
Gebiet Grodno
Iwan Iwanowitsch Podwarkow.

Guten Tag, sehr geehrte […],

für mich war Ihr Brief eine völlige Überraschung. Ich habe diesen Brief mit Interesse gelesen. Ich bin mit den aufgeführten Fakten einverstanden. Seit Jahrzehnten sehe ich im Schlaf Alpträume des vergangenen Krieges. Wie kann man die Unmenschlichkeit und Barbarei des Faschismus überhaupt vergessen?! Wir, die Einwohner von Wolkowysk, legen jedes Jahr Blumen und Kränze am Denkmal für die Opfer der Hitlersoldaten nieder. In den frühen Morgenstunden griffen die Nazis das Dorf Schulitschi an. 365 Frauen und Kinder wurden bei lebendigem Leib in zwei Hütten verbrannt. Alle Jugendlichen wurden erschossen. Konnten diese Bestien nicht begreifen, dass ein Säugling kein Partisan ist?! Die Partisanengruppe gegen die Besatzer hatte sich in einem Wald fünf km vom Dorf entfernt versteckt.

Mein Los war ein anderes. Ich habe die Schrecken des Krieges in Kriegsgefangenschaft erlebt. Ich, ein 19-jähriger Junge aus der sibirischen Stadt Omsk, war am ersten Kriegstag in Kaunas. Kämpfend zogen wir uns nach Osten zurück. Auf dem Weg verloren wir Kriegstechnik, verletzte und getötete Kameraden. Das Gefecht bei Postawa war für mich das letzte. Ich bekam eine Schädelprellung. Ich kam in einem Zimmer wieder zu Bewusstsein. Eine Krankenschwester verband mich und versuchte, mich zu beruhigen. Plötzlich drangen deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen ins Haus ein: „Los! Los! [*]“, riefen sie. Wenn jemand nicht aufstehen konnte, wurde er erschossen. Die in einem Raum versammelten Kriegsgefangenen wurden grob wie Vieh nach Westen getrieben. Unterwegs gab es unzählige Beschimpfungen und Kolbenschläge. Eine tausendköpfige Menschenmenge, verletzte Menschen mit schmutzigem Verband am Kopf, zog langsam ins Ungewisse. Diejenigen, die den Durst mit Wasser aus der Pfütze oder aus dem Brunnen stillen wollten, wurden mit dem Kolben zusammengeschlagen oder erschossen. Das gleiche „Erziehungsmittel“ wurde gegen Gefangene angewandt, die zu den örtlichen Bewohnern mit der Bitte um ein Stückchen Brot rannten. Die Zurückgebliebenen (die Menschen konnte nicht mehr gehen) wurden am Ende der Kolonne erschossen. Wir übernachteten auf einem mit Stacheldraht umzäunten Stück Land auf einem Feld. Wir schliefen auf dem Boden oder in den selbstgegrabenen Erdlöchern. Morgens wurden die Leichen weggebracht. Das waren die Menschen, die in der Nacht vor Hunger und Kälte gestorben waren. Jeden Morgen hatten wir eine „Arbeit“. Wir kratzten Ungeziefer vom Körper ab. So wurden wir bis zu nahe liegenden Bahnstation getrieben.

Wir kamen nach Hohenstein [Stalag IB in Ostpreußen]. Wir stiegen aus den Viehwaggons, beschimpft und mit Kolben geschlagen. Es spielte ein Orchester [das ist sicherlich eine durch spätere Bilder überlagerte Erinnerung]. Die Stadtbewohner beobachteten uns wie irgendwelche Tiere aus dem Dschungel. Unsere Kleidung war abgerissen. Wir waren schmutzig und lange unrasiert. Ich weiß nicht, woran die deutschen Einwohner dachten, als sie diese lebendigen Leichen sahen. Manche lächelten … Vielleicht wunderten sie sich, warum die Wehrmacht Moskau noch nicht erobert hatte. Wir erreichten das Lager. Vor uns waren Stacheldrahtreihen. […]

Graue, gedrungene Baracken empfingen uns mit der ganzen Leere. Auf der Pritsche gab es kein einziges Stück Stoff, kein Stroh. Als Essen bekamen wir gekochte Rüben und Ersatzbrot sowie Ersatzkaffee. Die Menschen starben vor Hunger und Krankheiten. Es verbreitete sich Typhus [Fleckfieber]. Jeden Morgen erschienen Pferdewagen: Die Pferde waren belgisch. Es wurden Leichen aufgeladen. Die deutschen Soldaten hatten Angst, hinter den Stacheldraht zu treten. Einmal kam ein Dolmetscher rein und fragte: „Wer hatdas Fleisch auf dem Ofen gekocht?“ Bald wurde ein Asiat festgenommen. Er hatte ein Stück Fleisch aus dem Bein eines verstorbenen Nachbarn geschnitten und es gekocht.

Einmal fühlte ich mich krank. Ich hatte Kopfschmerzen und Fieber. Ich entschied mich, einen deutschen Soldaten um Hilfe zu bitten. Ich kam näher und begann ein Gespräch. Meine Schullehrerin Elsa Genrichowna hatte mir deutsche Grundkenntnisse vermittelt. Ich übergab den Soldaten eine Taschenuhr. Das war das Geschenk meiner Mutter. Der Soldat brachte mir nicht nur Brot, Margarine und Käse, sondern führte mich auch in die Krankenbaracke, wo gefangene Ärzte arbeiteten. Der Soldat rettete mich vor dem unvermeidlichen Tod. Ich bin ihm sehr dankbar.

Im Frühjahr 1942 wurde ich nach der Behandlung in eine Gruppe der Gefangenen aufgenommen, die zur Arbeit geschickt wurde. Man brachte uns ins Lager bei einer Bahnstation Schrombehnen, 30 km von Königsberg entfernt [heute: Stralnja Nowaja]. Wir beschäftigen uns mit Ladearbeit und trugen Baumaterialien. Hier waren die Lebensbedingungen wesentlich besser: ein richtiges Bett, warmes Essen, wöchentliches Waschen.

Als die Kameraden erfuhren, dass ich deutsch lesen und etwas ins Russische übersetzen kann, beschafften sie für mich die Ausgaben vom „Völkischer Beobachter“. Ich erfuhr über die Niederlage der Deutschen bei Stalingrad sowie über die aktive Partisanenbewegung in den besetzten Gebieten. Wir, zwei Kameraden und ich, trafen die Entscheidung zu fliehen. Für einen, Georgij Rukawischnikow, war es der zweite Fluchtversuch. Wir bereiteten die Flucht heimlich vor. Dafür brauchte man Kompass, eine Karte und Lebensmittel. Dabei halfen uns zwei deutsche Vorarbeiter. Einer war früher in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Bei dem zweiten waren zwei Söhne an der Front gefallen. Ich bin beiden Männern für die Hilfe dankbar. Wir arbeiteten ganz intensiv: wuschen Soldatenwäsche und bastelten Ringe aus alten Münzen.

Als das erste Getreide hervorkam, flüchteten wir aus dem Lager. Die Vaterlandsliebe und Hass gegen den Faschismus bestimmten unsere Tat. Wir gingen nachts durch Deutschland, Polen und Westbelarus, insgesamt 45 Tage lang. Beim Dorf Peski trafen wir eine deutsche Wachmannschaft. Wir wurden beschossen. Die feindlichen Kugeln töteten meine Kameraden. Ich ging allein weiter nach Osten. In der Nähe vom Fluss Sschtschara traf ich Partisanen. Ab August 1943 kämpfte ich im Partisanenverband „Sieg“. Wir waren im Wald von Lipetschansk stationiert.

Die Regierung hat mich mit den Orden „Ruhm“, „Vaterländischer Krieg“ sowie mit 15 Medaillen unter anderem „Für Tapferkeit“ gewürdigt. Zum Andenken an Kriegskameraden habe ich drei Bücher „Kriegskamerad aus Frankreich“, „Mit Glaube an den Sieg“ und „Das wird nie vergessen“ geschrieben. Diese Bücher wurden veröffentlicht. Im letzten Buch habe ich den Kriegsbeginn, Flucht aus der Kriegsgefangenschaft sowie meine Teilnahme an Kampfhandlungen als Partisan beschrieben.

Ich habe nichts dagegen, wenn Sie einige Ausschnitte aus diesem Brief in einer Zeitung veröffentlichen. Ich bin bereit, Ihre Fragen zu beantworten, falls Sie solche haben. Ich bin Ihnen für die guten Worte für uns Kriegsveteranen dankbar.

Hochachtungsvoll

I. I. Podwarkow.

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[*] Im Original kyrillisch geschrieben. (Übersetzer).

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