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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

318. Freitagsbrief (geschrieben im Dezember 2005).

Belarus 222410
Gebiet Minsk
Bezirk Wilejskij.

[…]

Ich heiße Semen Iosifowitsch Schubertij, Jahrgang 1918, wohnhaft im […] Bezirk Wilejskij, Gebiet Minsk, ehemaliger Kriegsgefangener in Deutschland, habe Geldhilfe und Ihren netten Brief erhalten und bin dafür sehr dankbar.

Sie schreiben, dass Sie gerne über meine Lebensgeschichte und über meinen vergangenen und gegenwärtigen Lebensweg erfahren hätten. Man kann die Vergangenheit nicht vergessen. Ich wünsche niemandem ein solches Schicksal.

Schon vor dem Krieg diente ich in der Roten Armee. Der Krieg begann für mich in seinen ersten Tagen. Wie Sie wissen, zogen wir uns in der Anfangsphase überall zurück. Mein Truppenteil wich ebenfalls zurück. Unsere Einheit, eine große Armee, wurde bei Leningrad am Fluss Wolchow eingekesselt. Ich wurde gefangen genommen. Zuerst hielt ich mich in den Todeslagern auf sowjetischem Boden auf. Danach wurde ich nach Deutschland verschleppt. 1942 leistete ich Zwangsarbeit in Westfalen, doch zuerst bei einem Bauern im Dorf Parow bei Stralsund und danach im Bergwerk „Julia“ in Herne. In Herne arbeitete ich genau zwei Jahre, vom 1. Januar 1943 bis zum 2. Januar 1945. Ich wurde durch amerikanische Truppen befreit und durfte heimkehren. Zu Hause wurde ich wieder in die Sowjetarmee einberufen, weil der Krieg noch nicht zu Ende war. So geriet ich wieder nach Deutschland, ins Berliner Umland, diesmal als Soldat der Sowjetarmee.

Man kann nicht alles über die Vergangenheit erzählen. Im Lager war es sehr schwer. Wir wurden bestialisch behandelt und für jede Kleinigkeit, manchmal auch grundlos, brutal geschlagen. Hungrig und ungepflegt schliefen wir direkt auf dem Holzboden. Wir wurden nach Deutschland im Winter in offenen Güterwaggons gebracht. So behandelt man Vieh. Bei der ersten Übernachtung in einer Baracke durften wir uns duschen. Das war mit unserem Arbeitseinsatz verbunden. Ich kann mich ganz gut an schwere Arbeitstage erinnern. Als wir zum Beispiel bei einem Bauern landwirtschaftliche Arbeit leisteten, mussten wir im Frühjahr Mist transportieren. Alles machte man per Hand, ohne Geräte. Vom Stall bis zum Feld wurden Kleinbahngleise verlegt. Wir luden die Wagen per Hand voll. Ein Pferd zog die Wagen. Wir gingen daneben. Auf dem Feld verteilten wir Düngemittel. Das Hauptproblem lag daran, dass die Gleise nicht festgeschraubt waren. Wir mussten die Gleise zu einem anderen Ort selbst schleppen. Wir waren sehr schwach. Der Bauernhof war groß. Dort gab es viel Vieh. Der Hirte hieß Hans. Er hatte einen Hund. Wir wurden sehr misstrauisch behandelt, weil die Ostsee in der Nähe war. Jedes Mal begleitete uns ein bewaffneter Wächter. Das Dorf selbst war ziemlich klein. Alle Dorfbewohner arbeiteten für einen Arbeitgeber.

Die Arbeit im Bergwerk war sehr schwer. Mein Stemmhammer wog sehr viel. Später wurde ich zu einem Befestigter ausgewechselt. Nach dem Wegbringen der Kohle musste man die Wände schnell befestigen, um den Zusammenbruch zu vermeiden. Für die Befestigung der Decke benutzte man Holz- und Metallstempel. Gerade die aus Metall waren sehr schwer. Ich konnte sie kaum tragen. Einmal fiel eine runter. Ich habe bis heute eine Narbe am Hals. Ein paar Tage verbrachte ich in der Baracke und ging danach wieder zur Arbeit. Im Bergwerk arbeiteten wir als Helfer bei den deutschen Steigern. Ich arbeitete mit dem Deutschen namens Franz Schubert zusammen. Unser Steckmeister war der Pole Majewski. Ich kann nichts Schlechtes über beide Männer sagen. Franz teilte manchmal mit mir sein bescheidenes Mittagessen. Sein Essen bestand aus belegtem Brot und einer Tasse Kaffee.

Mir ist es natürlich sehr bitter, dass ich für die zweijährige schwere Arbeit im Bergwerk keine Kopeke bekommen habe. Vielleicht ist der Bauernhof in Parow immer noch sehr wohlhabend. Keiner erinnert sich aber an uns.

[…]

Ich möchte mich bei den deutschen Bürgern bedanken, die die Schuld der deutschen Wehrmacht wahrgenommen haben und uns helfen.

Mit Hochachtung und Dankbarkeit

Semen Iosifowitsch Schubertij.

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