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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

311. Freitagsbrief (vom Juli 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Lasar Uscherowitsch Mutschnik
Russland
Jekaterinburg.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!

Auf Ihre Bitte hin möchte ich Ihnen hiermit bestätigen, dass ich Ihren Brief vom 20.6.2007 bekommen habe.

Ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie sich für die ehemaligen Kriegsgefangenen und für eine Wiedergutmachung des uns vom Nazi-Regime zugefügten Leides einsetzen. Ich danke Ihnen auch für Ihre guten Wünsche an mich.

Mir, einem Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg, fällt es nicht leicht, mich an das Leid und die Gräuel zurückzuerinnern, die ich in den Nazi-Lagern durchmachen musste. Es war eine unerträglich schwere Zeit, die ich als junger Mann durchleben musste, und es ist nicht einfach, davon zu erzählen.

Tausende Soldaten der 2. Stoßarmee, in der ich war, waren eingekesselt und konnten aus dem Kessel nicht mehr herauskommen. So geriet ich im Juni 1942 in Gefangenschaft. Es folgte eine schier unendliche Kette von alptraumhaften Nazi-Lagern. Schwerstarbeit und ständiger unerträglicher Hunger. In Deutschland musste ich im Bergwerk per Hand Erz verladen, ich arbeitete im Steinbruch und beim Holzfällen.

Drei lange Jahre hätte das für mich den sicheren und qualvollen Tod bedeutet, wenn die Faschisten erfahren hätten, dass ich Jude bin. Aber keiner der Kriegsgefangenen verriet mich, keiner erlag der Versuchung, mit einem Verrat sein eigenes Los zu erleichtern.

Im April 1945 wurde unsere Kolonne Kriegsgefangener von SS-Leuten zur Vernichtung geführt. Am 11. April wurde unsere Kolonne aber von Panzern der angloamerikanischen Truppen aufgehalten. Mit dieser Befreiung wurde ich zum zweiten Mal geboren.

Am 9. Mai 1945 um elf Uhr morgens überquerte unsere Kolonne ehemaliger Kriegsgefangener bei Magdeburg die Elbe und wurde zu den Klängen des Militärorchesters feierlich der Verantwortung des Oberkommandos der Sowjetischen Armee übergeben.

Nachdem ich die staatlichen Überprüfungskommissionen durchlaufen hatte, wurde ich im Dezember 1945 wieder in den Rang eines Offiziers erhoben und in die Reserve entlassen.

1951 schloss ich mit Auszeichnung das Ingenieurinstitut für Eisenbahnwesen in Dnepropetrowsk ab und bekam eine Arbeit bei der Eisenbahn Swerdlowsk.

Heute bin ich Invalide des Großen Vaterländischen Krieges und lebe von meiner Rente. Eine materielle Entschädigung von Seiten der deutschen Regierung würde für mich eine dringend benötigte Unterstützung bedeuten.

P.S. Mein Nachname ist eigentlich Mutschnik. Warum ich ihn in Mutschnikow geändert habe, brauche ich Ihnen wohl nicht eigens zu erklären.

L. U. Mutschnik, 6.7.2007.

P.P.S. Nein, bei weitem nicht alle Deutschen waren uns, den Kriegsgefangenen, gegenüber feindlich eingestellt. Im Bergwerk habe ich zusammen mit einem anderen Kriegsgefangenen per Hand im Schacht Erz verladen. Dort gab es einen deutschen Arbeiter namens Karl (seinen Nachnamen wussten wir natürlich nicht), der uns, obwohl der Kontakt mit uns streng verboten war, jeden Tag ein dünnes belegtes Brot brachte und es in eine Spalte im Abbruch legte. Das war echte Barmherzigkeit und aufrichtiges Mitgefühl.

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