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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

309. Freitagsbrief vom August 2012, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni (leicht gekürzt).

Sargis Suljan
Armenien.

[…] nehmen Sie bitte meinen herzlichsten Dank für Ihre lieben Spenden an, die ich von unserem Vereinsgremium [*] erhalten habe. Dank Ihres segensreichen Beistands … bin ich auch fähig geworden, in guter Ruhe an meine Vergangenheit zurück zu denken …

Ich bin im Jahr 1923 im Dorf Ajgedsor (Bezirk Schamschadin) geboren. Ich hatte gerade die Mittelschule absolviert und wollte mit meinem Hochschulstudium beginnen, als der Krieg ausbrach. Im August wurden in unserem Dorf einige Versammlungen von Jugendlichen abgehalten, wo ich ebenfalls Reden hielt. Unter anderem sagte ich einmal mit gewisser Begeisterung, dass „ich bereit bin, mein Blut für die Niederlage unseres Feindes zu geben …“. Der ganze Wortlaut dieser meiner Rede wurde in unserer regionalen Zeitung veröffentlicht. Ich hatte mich bei den Behörden schon vorher als Freiwilliger gemeldet, aber meine Einberufung erfolgte erst Ende September 1941 […] Unsere Truppe sollte das Auskundschaften erlernen, so dass man uns auch im Deutschen unterrichtete. Vor allem aber lehrte man uns das Fallschirmspringen. Am 13. Mai 1942 befahl man uns, unsere Fallschirme in Ordnung zu halten, weil wir an Kampfflügen teilnehmen sollten. […] Wir kamen […] an das westliche Ufer des Flusses Don und es wurde uns befohlen, nach Westen zu gehen. Es war Anfang Juli, als ein Kampfflugzeug über uns erschien und begann, uns zu beschießen. Einige von uns fielen, und es gab auch mehrere Verwundete. […] Unsere Waffen und Patronen waren viel zu wenig, und viele hatten gar keine Gewehre. […] Von Tag zu Tag wurde unsere Situation schlimmer. Es gab kein Essen und kein Wasser. Wir bekamen keinen Befehl zu kämpfen. Eines Tages sagte uns der Gehilfe des Kommandeurs unserer Mannschaft, dass wir belagert seien, unsere Leitung geflüchtet sei und jeder sich selbst retten solle. Wir teilten uns in kleine Gruppen auf. Wo sollten wir aber hingehen? Niemand kannte den Ort, wo wir uns befanden. Wir hatten auch keine Karte. Unsere Gruppe, die aus sieben Personen bestand, ging durch eine Schlucht, als wir Lärm von Panzern hörten. Wir versteckten uns im Gebüsch. Dann begannen die Deutschen aber das Gebüsch zu beschießen und ließen Hunde los. Wir mussten uns ergeben. In diesem Moment erinnerte ich mich an meine Rede, die in der Zeitung veröffentlicht worden war. Was hätte ich aber nun machen können …? Wir wurden zu seinem Sammelpunkt gebracht, wo wir durchsucht und kurz verhört wurden. Man suchte nach Juden und Kommunisten. Wir blieben in der Nacht dort. Am Morgen wurden alle Verwundeten, die nicht gehen konnten, abgesondert und entfernt. Es war uns klar, dass sie in den Tode geschickt wurden. Die anderen wurden wie Schafe in eine bestimmte Richtung getrieben. Endlich kamen wir in das Konzentrationslager zu Millerowo [Dulag 162?], wo es, wie man uns sagte, über 20.000 Kriegsgefangene gab. […] Das Konzentrationslager von Millerowo war eine wahre Hölle. Es befand sich in einer Schlucht, durch die ein kleiner Bach floss und bestand aus zwei „Lagerplätzen“, zwischen denen die „Küche“ lag. Diese bestand aus einer riesigen Zisterne, worin durch eine Röhre das „Wasser“ des Bachs hinein floss. Man machte Feuer unter der Zisterne. Darein wurden auch schmutzige, zum Teil verbrannte Gersten- oder Weizenkörner gefüllt, und am anderen Ende kam aus einer Röhre das „gekochte Essen“. Das „Essen“ der ersten Empfänger war einigermaßen gekocht und deshalb waren alle darum bemüht, es möglichst früh zu bekommen. Es entstanden deswegen immer Drängeleien und Schlägereien. Viele Gefangene hatten keine Behälter, um die Balanda zu erhalten, und wenn es nicht möglich war, den Behälter eines Kameraden (nachdem er seine Balanda gegessen hatte) zu leihen, mussten sie es in ihren Stiefeln oder Mützen bekommen. Täglich gab man uns 150-160 g Brot bzw. fünf Personen ein Brot, das 800 g wog. Wir waren verlaust. Es verbreiteten sich Krankheiten. An Unterernährung und Krankheiten starben täglich viele Gefangene, deren Leichen auf Fuhrwerken gesammelt wurden. Wenn der betreffende deutsche Leiter dieser Aktion ein Gewissen hatte, ließ er die Schwerkranken, die sich nicht bewegen konnten, liegen, bis sie starben. Es gab aber auch solche, die sie schlugen oder einfach über die Leichen werfen ließen. Die vielen Menschen mussten ihre Bedürfnisse direkt im Lager verrichten, wo es noch nicht einmal Platz zum Liegen gab. Im Bach floss mehr Urin als Wasser. Nach drei Monaten beschloss ich, mit drei Freunden zu flüchten. Als man uns aus dem Lagerplatz heraus kommen ließ, damit wir Balanda erhielten, nahmen wir sie nicht und stellten uns zu den Arbeitern der Küche, die die Wasserröhren in Ordnung bringen sollten. Wir konnten uns dann unauffällig entfernen und versteckten uns im Gebüsch. Die ganze Nacht gingen wir weiter, und beim Sonnenaufgang erreichten wir ein Dorf. Wir kamen in ein Haus und baten darum, uns bis zum Abend zu verstecken. Die Hausfrau war sehr erschrocken und meinte, wenn die Deutschen uns fänden, würden sie ihr Haus abbrennen und ihre Kinder töten. Sie gab jedem ein Glas warme Milch und eine Kartoffel und bat uns eindringlich, sofort loszugehen. […] Wir verließen das Dorf und wollten weitergehen, als wir wieder gefangen wurden. Die Deutschen brachten uns zu einem Wachposten, und nachdem sie mich geschlagen hatten und damit begannen, einen meiner Freunde zu schlagen, holte ich eine Kartoffel aus der Tasche und begann sie schnell zu essen. Das brachte die Deutschen, die mich offenbar für verrückt hielten, zum Lachen. Ein Offizier rief mich zu sich und fragte mich über einen Dolmetscher: „Woran denkst du jetzt?“. Ich antwortete in voller Ruhe: „Ich weiß, dass ihr uns erschießen werdet, weil wir aus dem Lager geflüchtet sind. Wir sind aber für diese Kartoffeln geflüchtet, und ich will sie wenigstens jetzt vor meinem Tode essen“. Der Offizier befahl den anderen, von uns eine schriftliche Zusage darüber zu nehmen, dass wir nicht mehr flüchten werden. Es wurde durch unsere Fingerabdrücke „gestempelt“. Dann gaben sie jedem von uns ein Brot und ein Stück Wurst und brachten uns wieder ins Lager. Das Lager von Millerowo, wo wir etwa anderthalb Monate blieben, kostete Tausende Kriegsgefangene das Leben. Es machte uns mit dem Unvorstellbaren bekannt. Eines Tages wurde uns durch einen Lautsprecher berichtet, dass acht Personen, bei denen Menschenfleisch entdeckt worden sei, erschossen werden sollten. Die Hinrichtung wurde vor unseren Augen vollzogen, was für uns schon eine normale Erscheinung geworden war.

Die Deutschen bildeten oft verschiedene Gruppen aus den Kriegsgefangenen, die dann irgendwohin anders geschickt wurden. Bald kam ich auch in eine Gruppe, die aus 350-400 Personen bestand. Wir machten uns in Begleitung von bewaffneten Wächtern, die mit Motorrädern mitkamen, auf den Weg. Uns plagten Hunger und Durst. Wenn wir zu einem Bach kamen, entstand eine so starke Drängelei beim Trinken, dass nur trübes Wasser getrunken wurde. Unser Marsch dauerte etwa drei Tage. Einmal sahen wir unterwegs ein gefallenes Pferd. Alle fielen darüber her, so dass ich mir nur etwas am Schwanz ausreißen konnte. Ich aß das wenige Fleisch und warf den Schwanz weg. Die Hauptquelle unserer Ernährung waren die Weizen-, Gersten- und Rübenfelder, durch die wir gingen. Viele von uns bekamen deswegen schweren Durchfall. Endlich erreichten wir den Bahnhof von Lugansk. Man gab uns dort etwas Essen und pferchte uns dann in Güterwagen, in jeden über 60 Menschen, so dass niemand imstande war, sich einigermaßen zu bewegen. Die Türen öffneten sich drei Tage lang nicht, während viele von uns der Durchfall plagte. Sie mussten ihr Bedürfnis in ihre Mützen oder Stiefel oder auch in Kleidungsstücken verrichten, um diese dann durch das Fenster wieder zu entleeren. Die Fenster waren aber zu hoch und hatten zudem ein Sicherheitsnetz, so dass dies eine schwere Aufgabe war. Oft fielen die Exkremente auf die Köpfe jener, die sie hinauswerfen wollten oder auch auf andere, die neben ihnen standen, und es entwickelten sich daraus Drängeleien und Schlägereien. Ich selbst war in Gedanken zu Hause, erinnerte mich an meine öffentlichen Reden und dachte, dass man seine Kräfte und Möglichkeiten nicht überschätzen darf.

Am vierten Tag öffneten sich endlich die Türen der Waggons und es wurde uns bekannt, dass wir zum Bahnhof von Ljublin gekommen sind. Die Waggoninsassen stiegen nicht aus, sondern sie fielen einfach auf den Boden. Die Deutschen fotografierten meine armenischen Kameraden Grigor und Serob … Sie waren beide körperlich sehr klein, äußerst schlank, sahen wegen des vielen Schmutzes ganz schwarz aus und waren dabei so schwach, dass sie ihre Köpfe auf dem Hals kaum gerade halten konnten. Offenbar wollten die deutschen Militärkorrespondenten ihre Fotos für Propagandazwecke in Deutschland veröffentlichen.

In Lublin [Stalag 366] war unsere Situation leichter. Man ließ uns baden, und wir konnten uns der unsere Körper bevölkernden Tierwelt entledigen. Unsere Haare wurden abgeschnitten. Wir wurden in einem dreistöckigen Gebäude in Lublin untergebracht, in dessen Räumen dreistöckige „Betten“ gestellt worden waren. In unserem Raum gab es etwa 40 Personen. In Ljublin schmeckte auch die Balanda etwas besser. Offenbar hat man auch Salz hineingetan. Täglich bekamen wir einen Liter Balanda und 150 g Brot und wer arbeitete, doppelt. Eines Tages ging einer unserer Kameraden, der bereits seine Balanda bekommen und sie bei einem Freund gelassen hatte, zum zweiten Mal zum Küchenarbeiter, um noch einmal eine Portion in die Mütze zu bekommen. Dieser füllte es in die Mütze, aber ein Deut­scher, der ihn erkannte, nahm die volle Mütze und drehte sie so, dass die ganze Balanda auf seinen Kopf herunter floss. Es erhob sich ein lautes Gelächter. Der junge Mann brachte dann seine nassen Finger und Ärmel in den Mund, was das Gelächter noch verstärkte. Unsere Verhältnisse hatten uns schon gelehrt, die Beleidigungen und das Auslachen ruhig hinzunehmen. […] Was uns dort besonders plagte, war das un­erträgliches Wasser, woran viele erkrankten. Bald brach auch Flecktyphus aus.[…] Auch ich erkrankte daran, und mich wie die anderen brachte man in einen Kellerraum, wo wir von zu Sanitätern geworden Kriegsgefangenen behandelt wurden. Ich hatte mich schon mit dem Tod versöhnt. Aber ich konnte die Krankheit endlich überwinden, und zwar durch die selbstlose Pflege meines engen Freunds Ruben, der mir stets heißes Wasser brachte. Meine Genesung erfolgte erst nach 40 Tagen, nach denen ich endlich den Kellerraum verließ. Noch lange konnte ich mich nicht aufrecht halten. Ich hatte nun sehr guten Appetit und wollte stets essen. Hauptsächlich lag ich auf meinem „Bett“ und ging im Gedanken nach Hause zurück, wo meine Mutter nach dem Backen des Brots mit den übrig gebliebenen Kornresten unsere Hühner und Tiere fütterte. Ich dachte dabei, was das für eine Verschwendung sei. Endlich war ich einigermaßen wiederhergestellt und wollte arbeiten. Die Zahl der Arbeitswilligen war viel zu hoch, und die Deutschen selbst wählten dafür so viele Personen aus, wie ihnen nötig war. Eines Tages, als ich mich wieder vergeblich zur Arbeit melden wollte, verstand der Deutsche, der an diesem Tag die Auswahl treffen sollte, meine Situation. Er sonderte mich aus der Reihe aus, ließ mich in einer Ecke sitzen und gab mir eine Tasse voll Essensresten. Ich aß schnell alles auf. Mein Magen war voll, aber ich selbst hatte wie­der so viel Hunger wie vorher. Am folgenden Tag meldete ich mich wieder, und man gab mir einen Spaten. Das war im November 1942. Dann begann ich zu arbeiten und bekam fast die doppelte Nahrungsration, was zu meiner Wiederherstellung wesentlich beitrug. Ich blieb im Lager von Lublin bis zum März 1943, wonach man mich mit anderen Kriegsgefangenen nach Demblin [Stalag 307] in Polen schickte. Im Mai 1943 wurde ich nach Stuttgart in Deutschland geschickt, und nach weiteren zwei Wochen brachte man mich mit mehreren Kameraden nach Norwegen, wo ich hauptsächlich im Lager bei Tinfoss war. Da ich schon ziemlich eingehend über meine Geschichte in den ersten Lagern schrieb, will ich auf meine weiteren Erlebnisse nicht weiter eingehen, zumal sie zu denen in den früheren Lagern nichts Besonderes hinzuzufügen vermögen.Erst im Juli 1945, nachdem ich von den Engländern befreit und den sowjetischen Behörden übergeben worden war, konnte ich wieder nach Armenien zurückkehren.

Lieber Herr Radczuweit, entschuldigen Sie mich bitte, wenn mein Bericht etwas zu lang wurde. Ich wollte kürzer schreiben, aber es ging leider nicht. Ich sende Ihnen meine besten Wünsche aus Armenien und verbleibe.

mit herzlichen Grüßen.

Ihr Sargis Suljan.

Tausch, 02. August 2012.

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[*] Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges.

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