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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

307. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

W. G. Nosarew
Ukraine
Charkow.

Sehr geehrte Vereinsmitglieder,

Ich danke Ihnen, dass Sie diese schweren Tage der Jahre 1941-45 nicht vergessen haben.

Ich diente damals im Baltikum in Liepaja [Libau] auf einem U-Boot S-1 als Funker. Als der Krieg begann, wurde unser Boot in Liepaja in Lettland repariert und konnte nicht von Anker gehen. Aber wir verließen den Hafen auf einem anderen Boot S-3 (unser Boot versenkten wir vorher), das fahren, aber nicht tauchen konnte. Wir hielten uns auf dem Oberdeck auf wie Fahrgäste. Aber noch bevor wir Windau [Ventspils] erreichten, wurden wir von zwei Jagdflugzeugen entdeckt und es begann ein Gefecht, das vierzig Minuten andauerte. Später schrieben sie in der Zeitung, unser Gefecht sei damals das längste in der Geschichte gewesen.

Irgendwann ging uns die Munition aus und ein deutsches Motorboot näherte sich unserem Boot. Alle, die sich am Oberdeck befanden, sprangen ins Wasser und schwammen zum Ufer. Aber die Deutschen fingen uns ein und luden uns auf ihr Boot. Die deutschen Marinesoldaten gaben uns heißen Kaffee. So bin ich in Gefangenschaft geraten.

Wir waren zusammen dreizehn Gefangene. Aus Pillau brachten sie uns in ein internationales Lager in der Nähe von Kiel (irgendwo dort) [Stalag XB Sandbostel?]. Dort blieben wir etwa eine Woche (sie suchten ein russisches Lager). Bevor wir in ein russisches Lager gebracht wurden, kamen der Kommandant und sein Gehilfe in unsere Baracke. Er sagte uns, das wir in ein russisches Lager gebracht würden, dass uns ein schwerer Weg bevorstünde und viele aus Deutschland nicht zurückkehren würden. […] Er sagte, dass er eine Tasche mit unseren Papieren und Orden habe (Orden aus dem Krieg gegen Finnland). Nach dem Krieg sollten wir sie suchen und sie würden uns alles zurückgeben. Danach schenkten sie jedem von uns ein Päckchen vom Roten Kreuz und dazu eine Gitarre, damit wir uns besser die Zeit vertreiben konnten.

Das Tor öffnete sich, die Wachen brüllten und schimpften und drohten uns mit ihren Schlagstöcken und so trieben sie uns ins russische Lager in Wietzendorf [Stalag XD (310]], wo es einige Tausend Gefangene gab. In Wietzendorf wurden wir von unseren Kameraden in Empfang genommen, auch Leute aus meiner Heimatstadt waren darunter, die mich zu sich in ihr „Haus“ einluden. Haus – das hieß dort Baumstämme ohne Äste und unter dem Baum war ein Loch ausgegraben. Das war am Abend. Wir unterhielten uns ein wenig und schliefen ein. Am nächsten Morgen war mein Geschenk vom Roten Kreuz weg.

Zu Beginn des Winters bauten wir Baracken aus Schlackensteinen ohne Zement, mit vielen Ritzen, so dass es in der Baracke immer zog (es wurde nicht geheizt). Im Lager brach eine Typhusepidemie aus, ich erkrankte und wurde bewusstlos ins Lazarett gebracht, wo ich zehn Tage lang bewusstlos, ohne Wasser oder Essen, lag. Als ich wieder zu mir kam, konnte ich nicht aufstehen. Aber nach ein paar Tagen trank ich literweise Salzwasser. Ein paar Tage später konnte ich aufstehen und rausgehen. Ich war fast ganz entkräftet, und um irgendwie zu Kräften zu kommen, trug ich die Leichen zu der Stelle, wo sie wie Holz gestapelt wurden. Einen Monat später kamen Käufer in unser Lager und nahmen 300 Gefangene mit und brachten uns als Arbeitskräfte nach Neumünster, dort wurden Tragflächen von Flugzeugen hergestellt und vernietet. Ich arbeitete dort etwa einen Monat. Ich beschloss, dass ich etwas tun musste, um nicht mehr Tragflächen zu vernieten. Ich streute mir Aluminiumstaub in die Augen. Meine Augen begannen stark zu tränen und entzündeten sich. Man brachte mich ins Krankenhaus, aber es gab dort keinen Augenarzt – er war an der Front. Das ist eine lange Geschichte – kurz gesagt, es gab einen Arzt, der mich aber nicht behandeln wollte. Ein deutscher Soldat hatte mich begleitet. Als ich auf Deutsch erklärte, dass ich Marinesoldat war, da unterhielt er sich mit mir zwei Stunden lang über Politik, über den Krieg etc., und erklärte mir, dass er mir nicht empfehlen würde, in der Produktion zu arbeiten, ich solle besser draußen an der frischen Luft arbeiten. Von da an ließ der Lagerkommandant mich im Lager, wo ich als Klempner und Elektriker arbeitete. So hatte ich einen Weg gefunden, wie ich keine Flugzeuge mehr vernieten musste.

Jetzt bin ich Rentner, ich bin 92 Jahre alt, fühle mich gut. Ich habe drei Enkel und drei Urenkel, Frau und Tochter, mein Sohn ist gestorben.

Für Ihre Anteilnahme und für Ihren Brief danke ich Ihnen, das Geld habe ich nicht bekommen.[*]

Ich habe meine ärztlichen Rezepte für mein Hörgerät und ein Blutdruckmessgerät wie vorgeschrieben nach Kiew geschickt.

Bitte entschuldigen Sie, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen. Ich möchte Sie bitten, wenn das möglich ist, den Kommandanten des Lagers für Kriegsgefangene zu finden, von dem ich geschrieben habe. Es war ein großes internationales Lager, das irgendwo in Norddeutschland war, Kiel oder Hamburg. Das Lager war sehr groß.

Meine Kameraden vom U-Boot und ich, wir versammeln uns hier im Historischen Museum, würden gerne wissen, ob wir diese Tasche mit den Papieren bekommen können, das wäre sehr hilfreich für uns.

Unser Verein der U-Boot-Matrosen in Charkow, ul. Uborewitscha 14A, Historisches Museum.

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[*] Eine Spende von 300 Euro erhielt Herr Nosarew kurz danach.

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