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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

306. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Iwanowitsch Kondratjew
Russland
Motschkowaschi
Republik Tschuwaschien.

Guten Tag! Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief, der für mich eine angenehme Überraschung war. Ich möchte Ihnen einige meiner Erlebnisse während des Krieges schildern.

Ich wurde im November 1940 in die Sowjetische Armee einberufen. Mein Leben in der Armee begann in Swerdlowsk. Anfang Juni 1941 wurden wir nach Witebsk verlegt, und ein paar Tage später erfuhren wir vom Ausbruch des Krieges. Unsere Einheit wurde zur Verteidigung der Stadt Smolensk beordert, wo wir Verteidigungsanlagen bauten – Bunker und Schützengräben. Vor der Stadt begannen furchtbare Schlachten. Die Deutschen griffen mit solcher Wucht an, attackierten mit Panzern, bombardierten uns ununterbrochen aus der Luft. Unsere Einheit wurde eingeschlossen und zerschlagen.

Bei einem Bombenangriff hatte ein Splitter meinen Helm durchschlagen, ich wurde am Kopfverwundet und verlor das Bewusstsein. Dank der Hilfe meines Kameraden Tschernjaew blieb ich am Leben. Er hob mich, den Bewusstlosen, hoch und stellte mich auf die Beine, denn die Deutschen schossen auf alle am Boden liegenden und verwundeten Soldaten. Alle, die auf den Beinen stehen und gehen konnten, trieben sie zusammen, durchsuchten sie und nahmen ihnen alle Sachen ab. Dann trieben sie uns Richtung Witebsk.

Nach einem Monat des Hungers trieben sie uns geschwächte Gefangene nach Minsk. Von dort brachten sie uns mit dem Zug nach Litauen. So landete ich in Olitas [Stalag 343 Alytus] – der Todesstadt! Zum Essen bekamen wir Balanda, und die meisten Gefangenen starben den Hungertod. Die kräftigeren unter den Gefangenen schnitten Fleisch von den Toten, brieten es über dem Feuer oder tauschten es im Lager gegen Wertsachen. Aber ich hatte nichts zum Tauschen … Jeden Tag starben hunderte Gefangene, und die litauischen Bauern schafften mehr als 30 000 namenlose Gefangene auf ihren Bauernschlitten aus dem Lager, vergruben sie in einem Massengrab, nachdem sie Kalk über die Leichen geschüttet hatten. So vernichteten die Nazis auf unmenschliche Weise tausende Menschenleben, und ihre Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Brüder, Väter, Großväter und Männer begraben sind.

Zusammen mit sechs meiner Kameraden vom zweiten Stock floh ich aus dem Lager, denn die Gefangenen wurden nicht gezählt und nicht verfolgt. In der Nacht marschierten wir gen Osten zu unseren Truppen, tagsüber versteckten wir uns in Schuppen, in denen ungeschälte Erbsen gelagert wurden. Nach ein paar Tagen griffen uns litauische Polizaj auf und lieferten uns an die Deutschen aus – so landeten wir das zweite Mal in der Gefangenschaft, in Wilnius. Im Mai 1943 brachten sie uns nach Deutschland. Wir kamen in ein riesiges Lager, Stalag IVB [Mühlberg/Elbe], und ich bekam die Lagernummer 155743. Es gab mehrere Lagersektionen – für Franzosen, Serben, Schwarze, Engländer und andere Nationalitäten. Sie bekamen Lebensmittel vom Roten Kreuz. Für uns dagegen, für die sowjetischen Gefangenen, gab es keinerlei Hilfe!

Die Deutschen suchten 100 Gefangene zusammen und brachten uns nach Plauen. Dort wurden wir in einem Gebäude der Fabrik Dietrich untergebracht. Morgens beim Appell begutachtete ein Unteroffizier die Gruppe von Gefangenen. Ich und ein weiterer Gefangener sollten vortreten. Wir blieben im Lager, waren von der schweren Arbeit befreit. Ich war und bin diesem Unteroffizier sehr dankbar dafür, dass er mich vor dem Tode bewahrt hat. Da wusste ich, dass es auch unter Deutschen verständnisvolle Menschen gab.

Im März 1944 [sic!] wurden wir von amerikanischen Truppen befreit. Sie brachten uns zu den sowjetischen Truppen, und danach kam ich zum 335. Schützenregiment, das bei der Befreiung der Tschechoslowakei kämpfte.

Im November 1945 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und kehrte in die Heimat zurück. Zu Hause empfingen mich meine Mutter, meine Schwestern, meine Frau und mein Sohn. Mein Vater war bereits zu Beginn des Krieges umgekommen.

Ich habe bis zur Rente als Lehrer in der Dorfschule gearbeitet. Ich habe ein zweites Mal studiert, habe ein Fernstudium an der Staatlichen Universität Kasan absolviert. Mit meiner Frau bin ich schon 72 Jahre verheiratet. Wir haben sechs Kinder großgezogen. Jetzt haben wir dreizehn Enkel und sieben Urenkel.

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