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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

305. Freitagsbrief (vom Mai 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

N. K. Kordjuk
Ukraine
Poltaw.

[…] Wie Sie sehen, schreibe ich Ihnen eine Antwort, also bin ich noch am Leben, obwohl ich am 18.6.2007 schon 86 Jahre alt werde. Ich denke nicht gerne an die schweren Tage und Jahre der Kriegszeit zurück, vor allem nicht an die Zeit in der Gefangenschaft und insbesondere an die ersten Monate im Konzentrationslager in Wlodzimierz Wolynski [Stalag 365], wo jeden Tag 10–15 völlig unschuldige Menschen gestorben sind. Wie Sie sehen, habe ich überlebt, entweder wollte es das Schicksal so oder mein Organismus war stärker als andere. Aber mit 21 Jahren wog ich nur noch 42 kg. Wie schwer es ist, an all das zurückzudenken. Vielleicht hat mein Organismus auch deshalb alle Schwierigkeiten überstanden, weil es heißt: Wenn ein Mensch mal gehungert hat, dann isst er weniger. Und ich musste nicht nur einmal im Leben Hunger leiden. 1933 hatten wir Hungersnot, ich war schon halbtot, dann mehr als drei Jahre Gefangenschaft etc. 1929 begann bei uns auch noch die Kollektivierung. Und sie haben uns alles weggenommen. Die letzten Gramm Getreide. Mein Bruder und meine Schwester wurden aus der Berufsschule ausgeschlossen, wo sie eine Ausbildung machten (weil sie Kinder von Kulaken waren). Obwohl wir nur 3 Hektar Land hatten für eine neunköpfige Familie.

Nach dem Krieg, als ich aus der Gefangenschaft befreit worden war, begann ein neuer Angriff auf mich: Der Sohn eines Kulaken hat sich freiwillig in Gefangenschaft begeben. Dabei waren die Umstände der Gefangennahme folgende: Wir waren im Kessel von Kiew. Natürlich muss man sagen, dass von meiner Waffe niemand auf der Feindesseite gestorben ist, aber ich bin froh darüber.

Als Stalin gestorben war, wurde das Leben leichter und wir bekamen eine Rente als Invaliden des Großen Vaterländischen Krieges; ich merkte, dass ich jetzt ein Mensch war, also muss ich leben, obwohl es nicht leicht war mit der angeschlagenen Gesundheit. Dann habe ich eine Familie gegründet: Frau und zwei Töchter, jetzt habe ich auch Enkel und sogar eine Urenkelin, die schon 13 Jahre alt ist.

Aber der heutige Staat hat mich auch ungerecht behandelt, und zwar Folgendes: Vor 17 Jahren kam ich auf eine Warteliste, denn ich sollte als Invalide des Vaterländischen Krieges ein Auto bekommen. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich aber keinen Führerschein, deshalb musste ich einen Fahrer vorweisen. Ich habe einen gefunden. Aber als die Reihe nach 15 Jahren an mich kam, das war vor drei Jahren, hat sich das Gesetz geändert, jetzt muss der Fahrer in meiner Wohnung angemeldet sein. In meiner Wohnung gibt es keinen, der Auto fahren kann, deshalb habe ich auch kein Auto bekommen. Ich habe ihnen gesagt, verkaufen Sie jemandem mein Auto zum halben Preis und geben Sie mir wenigsten 25 % des Geldes für Medikamente. Ein Auto brauche ich jetzt mit 85 Jahren auch nicht mehr. Ich werde auch ohne Auto mein Leben zu Ende bringen.

Gut, dass sie wenigstens eine Rente zahlen, zu Essen habe ich, obwohl ein alter kranker Mann ja nicht viel braucht.

Mit den besten Grüßen,

Meine Familie und ich.

18.5.2007.

Kordjuk.

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