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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

304. Freitagsbrief (vom April 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Chatschechpar T. Chblikjan.

[…] Ich habe auch Ihre finanzielle Unterstützung in Höhe von 300 Euro erhalten, wofür ich Ihnen sehr danke. Nun habe ich beschlossen, Ihnen zu antworten.

In Kürze: Im Mai 1942 geriet ich bei Charkow in Gefangenschaft. Dann wurde ich über Polen (Konzentrationslager) nach Deutschland deportiert, nach Ennepetal/Altenförde (bei Hagen), wo ich von Juni 1942 bis Mai 1945 als Kriegsgefangener unter Bewachung in einem Stahl- und Walzwerk der Firma Hoesch arbeitete.

Meine Erinnerungen.

Im Konzentrationslager in Polen war ich von Anfang Juni bis Ende August 1942. Im Lager wurden unsere Fingerabdrücke genommen und sie hängten uns eine Metalltafel mit unserer Nummer um den Hals. Wir wohnten in Sommerbaracken. Jede Baracke war von den anderen durch Stacheldraht abgetrennt. Es gab auch Winterbaracken aus Ziegelstein. Zu essen gaben sie uns Ölkuchen, ein kleines Stück für vier Personen, und brachten uns Balanda in Holzfässern. Jeder von uns hatte sein eigenes Geschirr: einen roten Emaille-Topf mit einem Henkel. In unserer Baracke lebten etwa hundert Menschen. 60–70 von ihnen arbeiteten in der Landwirtschaft. Es gab auch Verwundete und Kranke, die Toten wurden weggetragen, neue Gefangene kamen in unserer Baracke nicht nach. Ende August 1942 suchten sie aus unserer Baracke ein paar Leute heraus und brachten sie nach Deutschland. So kam ich ins Arbeitslager in Ennepetal. Von der Wohnbaracke bis zur Fabrik mussten wir etwa einen Kilometer unter Bewachung laufen. In der Kantine arbeiteten zwei deutsche Frauen, eine junge und eine ältere, und ein älterer Russe half ihnen. Wir arbeiteten in zwei Schichten jeweils acht Stunden. Die Arbeiter transportierten die Metallbarren vom Platz der Fabrik zum Ofen. Der Ofen war etwa 30 Meter lang. Ich habe von August 1942 bis 1945 immer die gleiche Arbeit gemacht: ich musste die heißen Metallteile mit einem langen Haken aus dem Ofen holen, gleichzeitig schaltete ich die Automatik ein und gab von der anderen Seite kalte Barren in den Ofen. Da es eine unaufhörliche, schwere Arbeit war, arbeiteten wir dort zu Dritt. Jeder arbeitete 30 Barren lang, dann konnte er 60 Barren lang ausruhen. Die Temperatur im Ofen wurde vom deutschen Meister kontrolliert. Danach gingen die heißen Barren durch die Walze. An den Walzen arbeiteten ältere Deutsche. Nach der Walze waren aus den Barren lange Streifen geworden, dann wurden sie zu Ringen zusammengedreht, in Waggons verladen und weggebracht. In der Fabrik arbeiteten auch zwei meiner Landsleute, sie sind jetzt nicht mehr am Leben. Nach der Befreiung durch die Amerikaner war ich in Lüdenscheid, dann wurden wir den Russen übergeben.

Das ist meine Geschichte. Nach dem Krieg habe ich meinen restlichen Dienst abgeleistet und bin 1947 nach Hause gekommen. Zu Hause erwartete mich meine Mutter, meinen Vater hatten die Deutschen 1943 zusammen mit vielen älteren Männern im Dorf erschossen. Gleich nach meiner Heimkehr bekam ich eine Arbeit in unserer Kolchose. Erst arbeitete ich an der Sämaschine am Traktor, dann machte ich den Führerschein und habe lange Zeit als Fahrer gearbeitet. Als Mechaniker im Fuhrpark der Kolchose beendete ich meine Laufbahn. Bald werde ich 86 Jahre alt, ich bin in Rente und bin Vorsitzender des Veteranenrates beim Gemeinderat von Krasnyj Krym, Bezirk Mjasnikowskij, Gebiet Rostow.

Nach einem mehrjährigen Briefwechsel von 2001 bis 2003 ist Frau Ingrid Windmöller (Stadtarchivarin) von der Gemeinde Ennepetal im Besitz von genauen Informationen über meine Zeit in der Gefangenschaft […]

Mit den besten Wünschen,

Chatschechpar Chblikjan.

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