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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

303. Freitagsbrief (vom April 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Nordossetien
Georgij Sacharowitsch Lakojew.

Guten Tag!

Ich habe mich sehr über Ihren Brief gefreut und möchte Ihnen hiermit antworten.

Ich will Ihnen etwas von meiner Zeit in der Gefangenschaft berichten. Vorweg möchte ich anmerken, dass ich mich leider an die Namen der Menschen nicht mehr erinnern kann – zu viel Zeit ist seitdem vergangen. Aber an die Gesichter, Ereignisse und Fakten kann ich mich noch genau erinnern.

Ich war in einem Feldlager in Tilsit. Dort ist eine sehr große Menge Gefangener an Typhus gestorben. Die Überlebenden wurden aus Tilsit per Schiff nach Norwegen gebracht. Das Lager in Norwegen war groß und aus Holz. Die Lebensbedingungen waren schrecklich – es war sehr kalt, nachts deckten wir uns mit irgendwelchen Lumpen zu, es gab sehr wenig zu essen. Nur der „Totengräber“, der die Leichen begrub, bekam eine volle Essensration. Ich weiß noch, wie vor meinen Augen ein Gefangener erschossen wurde, der im Müll wühlte, auf der Suche nach einem Stückchen Brot.

Wir wurden in diesem Lager zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt: wir mussten für die Armee Lebensmittel ausladen, Aufräumarbeiten ausführen etc. Hier ein Vorfall, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Wir arbeiteten, ein älterer Aufseher bewachte uns. Ich war sehr hungrig und ging in ein Haus, das in der Nähe stand, um dort um ein Stück Brot zu bitten. Das Haus war leer. Neben der Tür hing ein Dörrfisch. Ich konnte nicht widerstehen, nahm den Fisch und versteckte ihn unter meinem Mantel, aber ich wurde erwischt. Meine Gefangenen-Nummer war 111, die Frau in diesem Haus teilte der Lagerleitung sofort den Vorfall mit und ich wurde sofort bestraft – zwei Wochen Züchtigung, 50 Rutenschläge in der Arrestzelle. Zwei Unteroffiziere führten die Schläge aus. Einer, einer Rothaariger, schlug mich bis aufs Blut, und zwar nicht 50mal, sondern 60mal. Der andere, ein Dunkelhaariger, schlug mich dagegen gar nicht und brachte mir sogar noch Essen, wobei er mich warnte, dass ich niemandem davon etwas sagen dürfe. Ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern, aber nur ihm habe ich es zu verdanken, dass ich am Leben geblieben bin. Wie gerne hätte ich ihn später mal getroffen und ihm gedankt. Zum Glück gab es an der Front auch solche Menschen wie ihn.

Nach einem Jahr wurden wir Gefangenen aus Norwegen nach Deutschland in ein großes Lager gebracht. Die Bauern aus der Umgebung nahmen uns aus diesem Lager zur Arbeit auf ihre Höfe. Wir mussten mähen, aussäen, ernten, jäten usw.

Die Lebensbedingungen in diesem deutschen Arbeitslager waren ein wenig besser als in Norwegen. Wenn wir gut arbeiteten, bekamen wir eine zusätzliche Essensration. Bei einem der Bauern arbeiteten zwei ältere Arbeiter im Vorratshaus, die 1913 [sic!] in russischer Gefangenschaft gewesen waren und deshalb Russisch sprachen. Einmal gaben sie uns einen Sack Getreide, von dem wir uns lange Zeit Brei kochten.

Im Winter 1945 wollten sie uns nach Amerika schicken [?], aber dann waren die russischen Truppen schneller und befreiten uns.

Nach der Befreiung wurde ich verhört, wie und unter welchen Umständen ich in Gefangenschaft geraten war. Dann kam ich zum Armeedienst. Ich diente in Grabow an der Elbe.

1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Am 28. Mai war ich schon zu Hause und begann ein neues Leben. Für meine gewissenhafte Arbeit wurde ich zweimal mit dem Titel „Arbeitsveteran“ ausgezeichnet.

Jetzt habe ich natürlich viele gesundheitliche Probleme. Ich bin blind. Meine Tochter kümmert sich um mich und ihr habe ich diesen Brief diktiert. Auch heute gibt es noch genug Probleme, aber das Schlimmste liegt doch hinter mir.

Ich freue mich sehr über unseren Briefwechsel, bin froh, dass der jetzigen Generation die Geschichte und das Schicksal der Menschen nicht gleichgültig sind.

Ich wünsche Ihnen allen Frieden und alles Gute!

Mit den besten Grüßen und Vielen Dank für Ihr Interesse und die Anteilnahme.

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