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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

302. Freitagsbrief (vom Dezember 2009, aus dem Russischen von Martin Creutzburg).

Russland
Gebiet Woronesh
Jerschow Aleksandr Fedorowitsch.

Guten Tag sehr geehrte Herren Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski,

Ich habe Ihren Brief und das Geld erhalten, dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, für Ihre Hilfe.

Anfangs beantworte ich Ihre Fragen:

  1. Uns hat man im Lager 326 Skk Sennestukenbrok [sic!] abgeladen und wie Schafe auf Baracken aufgeteilt, sicherlich 100 Mann in jede Baracke. In unserer Baracke gab es keinerlei Pritschen, nackter Fußboden mit Ritzen, in die man die Finger hineinstecken konnte. Man führte uns in die Baracke und zählte durch, ich weiß nicht wie viel Mann und sperrte uns bis zum Morgen ein. Nach dem Wecken wurden je 20 Mann eingeteilt, um heißen Tee und ein Stück Brot etwa 300 g zu holen. Der Tee wurde in Gefäße gegossen, je nachdem, wer was hatte einen Kessel oder eine Büchse. Aber dann begann man, uns abzuzählen und wiederholt abzuzählen einige Male, bis man dem Kommandanten Meldung erstattet hatte, begann der Tee einzufrieren, das tut in der Seele weh, man möchte den heißen Tee trinken, aber er ist schon kalt geworden, steht eine Stunde nach der anderen, dann gab man das Kommando, in die Baracken. Wir waren durchgefroren und stürmten in die Baracke und haben die Tür ausgehoben. Der Soldat schnappte sich ein Brett und begann, uns aus der Baracke hinaus zu jagen und zu schlagen, wohin er gerade traf, dann gab er das Kommando: hinlegen und um die Baracke robben, der Schmutz war kniehoch, wer versuchte, den Bauch nur ein bisschen zu heben, dem schlug er so auf die Hüfte, dass man Angst hatte, dass er die Wirbelsäule zerstört. Drei Runden mussten wir machen, dann gleich in die Baracke. Am Morgen konnten 31 Mann nicht aufstehen. Sie wurden hinter die Baracke geschafft. Sie bewegten sich noch, aber waren schon nackt, weil die Leute so froren, haben sie sich die Kleidung genommen und sich angezogen. Die nackten Körper wurden aufs Auto geladen und in die Grube gekippt, die wir vorher hatten ausheben müssen. Mit der ausgehobenen Erde wurden die Leichen bedeckt. Erkennungsmarken habe ich bei niemandem gesehen. Man hat uns keine gegeben. Das war im Dezember 1942.
  2. Erschießungen habe ich keine gesehen, aus der Baracke konnte man nichts sehen.
  3. Die Juden hat man abgesondert, gleich als man uns gefangen nahm, wohin sie kamen, weiß ich nicht.
  4. Über Bestattungen habe ich Ihnen geschrieben, als wir im Lager Dornap [Dulag 154 Dorpat?] waren, dort war unweit des Lagers ein kleiner Wald und die Leichen wurden in schwarzes Papier eingewickelt und dann mit Bindfaden umwickelt, in der Lichtung eine Grube ausgehoben und dort begraben. Ich kann mich an den Ort gut erinnern, unweit eines Zementwerkes und niemand hatte Erkennungsmarken.
  5. Aus unserem Lager Dornap ist einer, den die Deutschen Jesus nannten zwei Mal geflohen, nach dem zweiten, dritten Tag brachten sie ihn, hatten ihn aber nicht mal den Finger gekrümmt, lachten, uns entkommst du nicht. Aber einer Alexander Saizew, er war Leutnant der russischen Armee, sprach deutsch, ist geflohen und kam nicht zurück.
  6. Nach der Arbeit spielten wir Karten und unterhielten uns, träumten davon, uns satt zu essen an Brot und Kartoffeln.
  7. Kontakte zu den Unsrigen gab es keine. [Die Frage lautete, ob es Kontakte zur Bevölkerung gab.]
  8. Der Steinbruch war in Wuppertal, dort arbeiteten unsere Männer, man hat sie dahin geführt, ich war auch dort und habe da gearbeitet.
  9. Die Wachen unseres Lagers waren sehr gut, wir konnten uns nicht beschweren. Da war sogar einer, der hieß Anton, Sohn eines reichen Bauern, der hat uns geachtet und geholfen, als man ihn an die Front schickte, kam er ins Zimmer und wir haben uns verabschiedet und ihm alles Gute gewünscht und wie einen Bruder begleitet. In der ganzen Zeit gab es nur einen Tauben und ich habe beinahe leiden müssen, als Saizew floh. Nur ich wusste davon und er ließ mir seine Adresse, die bei mir im Nachttischchen war. Der Taube hat sie gefunden und hat mich lange schikaniert. Danach hat unser Kommandoleiter ihn doch überzeugt, dass ich ein guter Mensch bin und gut arbeite.
  10. Ich bin sehr froh, dass ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe und Ihnen schreiben kann. Ich werde auf alle Ihre Fragen antworten, wenn ich auch nur 4 Klassen der Dorfschule abgeschlossen habe und nicht sehr gebildet bin schreibe ich doch gerne und liebe Bildung. Etwas über mich. Uns befreiten die englischen Truppen am 15. April 1945, dann wurden wir unseren Truppen übergeben. Ich wurde ins 182. Reserveregiment gejagt. Im September wurde unser Regiment zum Wiederaufbau des Schachtes im Gebiet Tula geschickt. Dort arbeitete ich 11 Monate lang, dann bekam ich Urlaub und kehrte nach Hause zurück.

Zu Hause mein Vater 75 Jahre alt, die Mutter ein wenig jünger. Ein Mädchen 13 Jahre alt, zwei Brüder, einer älter als ich und ein jüngerer, sie dienten noch. Der ältere Bruder kam von dieser Front an die japanische. Zwei Schwestern, die jüngere, war noch in Leningrad und hat die Blockade überlebt und war noch nicht zurück. Die ältere Schwester hat zwei Jahre lang im Gebiet Woronesh Schützengräben ausgehoben, kehrte zurück und hat geheiratet. Ich bin in den Schacht nicht zurückgekehrt, blieb, um den Eltern zu helfen, arbeitete im Kolchos und habe 1950 geheiratet, Kinder kamen jedes Jahr, eine Tochter im Januar 1951, die zweite im Februar 1952, ein Sohn im April 1953, eine Tochter 1955, was soll man machen, man bat mich als Jäger, die Jagdgesellschaft zu leiten und die Jagdwirtschaft. Ich bin ein erfahrener Jäger, arbeitete 40 Jahre lang, habe um die 120 Wölfe erlegt, für die man gut zahlte. Ich lebte 40 Jahre lang Tag und Nacht im Wald. …

Ich wünsche Ihnen alles Gute. … 29.12.2009.

Ihr Jerschow A.F..

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