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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

301. Freitagsbrief (vom Februar 2008, aus dem Russischen von Kai Witzlack-Makarevich).

Russland
Gebiet Belgorod
Korotscha
Petr Stefanowitsch Gatilow.

Sehr geehrte Frau Schramm, Herr Eberle und Herr Radczuweit,

vielen Dank für Ihre unerwartete Hilfe! Ich habe sogar ein wenig geweint und mich mit Tränen in den Augen meiner Jugend erinnert, wie es so schön im Lied des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg heißt. Ihre Hilfe hat mich sehr berührt und kam zur rechten Zeit bei uns an: Am 14. September 2007 erkrankte mein 56jähriger Sohn, die Ärzte diagnostizierten Leukämie. Es bestand keine Hoffnung auf Heilung und wir gaben all unser Geld für die Behandlungen aus. Gemeinsam mit meiner Frau erhalte ich eine Rente in Höhe von gerade einmal 15 000 Rubel [rund 400 €]. Wir haben etwas Geld beiseite gelegt und 45 000 Rubel für Medikamente zusammenbekommen. So sind wir Ihnen für Ihre Hilfe, die Sie „bescheiden“ nennen, sehr dankbar. Was müssen wir für ein Schicksal erleiden!

In Ihrem Schreiben fragen Sie, wie ich in Gefangenschaft geraten bin. Ich habe hierüber bereits in einem Fragebogen Auskunft gegeben, allerdings nur kurz. Es passierte am 15. Juli 1942 bei der Befreiung der Stadt Rshew, als unser Bataillon eingekesselt wurde. In Gefangenschaft blieb ich bis zum Ende des Krieges am 9. Mai 1945. Das Leben in der Gefangenschaft war hart: Wir litten Hunger und uns war kalt, Schläge mit einem Knüppel auf den Rücken waren keine Seltenheit. Es kam mir zugute, dass ich nicht der größte bin …

Wir waren etwa 300, als wir in das Dorf Tischino in der Nähe von Smolensk gebracht wurden. Dort standen bereits Baracken, die Eisenbahn verlief in 200-250 Meter Entfernung. Bei uns befand sich ein Verladebahnhof für Rundhölzer. Wir arbeiteten lange, im Winter trugen wir Holzschuhe, Uniformmäntel und Mützen. Das ganze Leben lang werde ich mich an zwei Episoden erinnern. Eines Tages wollte das deutsche Kommando sich mit Kriegsgefangenen belustigen. Das passierte im Sommer 1943. Es wurde eine leere Benzintonne geliefert. Drauf wurde ein Brett gelegt. Über diese Wippe fuhr man Rad. Als erster fuhr ein etwas 30 Jahre alter Offizier. Danach wurden Kriegsgefangene gezwungen zu fahren. Ich dachte nie, dass ich erschossen werden kann. Ein flinker Deutscher, ein Feldwebel, nahm das Fahrrad und fuhr über das Brett. Er erreichte die Brettmitte. Ich stand auf einer anderen Brettseite. Ich dachte nicht an die Folgen. Der Deutsche fuhr bis zum Ende und fiel im vollen Tempo runter. Damals wog ich etwa 40-45 Kilo. Der Offizier sprang hoch, packte mich und stellte mich mit Gesicht zur Barackenwand. Er nahm die Pistole und legte ihren kalten Lauf an mein Genick. Ein Dolmetscher stand daneben. Ich kann mich an seinen Militärrang nicht erinnern. Er riefdem Offizier etwas zu. Der Offizier senkte widerstrebend seine Pistole. So überlebte ich.

Am 8. Mai 1945 wurden wir zusammen mit Zivilisten auf Lastkähne verbracht. Mit dem Dampfer ging es dann weiter auf die Kurische Nehrung. All dies geschah nachts, am nächsten Morgen erfuhren wir, wer uns da befreit hatte. Es stellt sich heraus, dass wir uns auf einem deutschen Schiff befanden, das uns nach Dänemark bringen sollte. Doch das Schiff wurde von sowjetischen Matrosen abgefangen, die uns dann auf einer Insel an Land setzten. Dort blieben wir etwa zehn bis fünfzehn Tage und fühlten uns frei. Auf der Insel fanden wir Lebensmittelvorräte und hatten somit viel zu Essen. Es gab einfach alles: Butter, Brot, Gebäck, Speck und noch manches mehr. Und was geschah dann? Nach unseren „Raubzügen“ bekamen viele Kriegsgefangene die Ruhr und starben [*]. Die Zivilisten waren da schlauer. Danach wurden die Kriegsgefangenen von den Zivilisten getrennt und wir marschierten einen Tag lang nach Königsberg.

Dann begannen die Verhöre des NKWD: Wo warst Du? Wann wurdest Du zur Roten Armee eingezogen und wann gefangen genommen? Nach der Überprüfung wurde entschieden, wen man wohin schickte. Ein Hauptmann in einer abgewetzten Uniform ging auf mich zu und fragte, ob ich Pferde mag. Ich antwortete: „Ja, ich mag Pferde.“ Der Hauptmann hieß mich mit ihm zu kommen und wir gingen zusammen zum Pferdestall, in dem auch ein Wagen stand. Er fuhr fort: „Du arbeitest bei mir als Kutscher und Stallmeister, wirst mir die Kälber und Pferde füttern.“ Die Wirtschaft befand sich auf einem großen Bauernhof. In dieser Zeit begann man damit, die Gefangenen über Polen nach Russland zu bringen. Im Juni 1945 brach eine Gelbsucht-Epidemie aus, die bis September andauerte. Der Bauernhof war groß, es gab einen Klub, es wurde getanzt, an Mädchen fehlte es auch nicht. Man konnte eine jede auffordern. Irgendwie fand ich beim Hausherrn ein Akkordeon und da ich dieses ganz ausgezeichnet zu spielen verstand, wurde jetzt jeden Tag nach der Arbeit getanzt. Meine Arbeit bestand im Wesentlichen darin, auf die Kühe und Pferde aufzupassen. Anstrengend war das nicht gerade, zumal mir die jungen Mädchen dabei halfen. Eines Tages, als im Klub wieder einmal alle bester Laune waren, tauchte plötzlich der Hauptmann auf, blieb in der Tür sehen und schaute mich an. Es sagte jedoch nichts und verschwand wieder. Am nächsten Tag erschien dann sein Adjutant, mein Bekannter Aleksej, bei mir und sagte, ich solle heute Abend zum Hauptmann kommen, er wolle mich sprechen. Abends begab ich mich dann zu ihm und grüßte. „Setz Dich neben Aleksej!“ befahl er. Dann erklärte er kurz und bündig, dass ich ein paar gute Pferde auswählen solle, wobei mir Aleksej, der ebenfalls aus der Gegend von Kursk, und zwar aus Rylsk, stammte, helfen würde. Dann erhob er sich, aß dabei weiter, ging zum Schrank und zog ein Akkordeon hervor. „Spiel mir aber zuerst ein paar Kursker Weisen vor und dann noch welche aus Rjasan!“ Er erzitterte bei meinem Spiel, kam zu mir, legte mir seine Hand auf die Schulter und sagte: „Ab heute werde ich jeden Tag zwei Stunden bei Dir Unterricht nehmen.“ So geschah es dann auch. Befehl ist schließlich Befehl. Jetzt war ich Kutscher und Musiklehrer. Wir hatten gute Pferde ausgewählt (Koptschik und Grunja) und ich konnte nicht klagen. Ich brachte dem Hauptmann etwas auf dem Akkordeon bei, obwohl er völlig unmusikalisch war. Aleksej und ich waren gute Freunde und er hatte immer Mitleid mit mir, wenn etwas schief lief und der Hauptmann tüchtig fluchte. Dann kam der Tag, an dem wir Deutschland verließen.

Wir beluden zwei Wagen und man kann kaum aufzählen, was der Hauptmann in seiner Gier alles auf den Wagen packte: Säcke voll mit Teppichen, Kleidung, Schuhe, zwei Akkordeons, eine große Ziehharmonika und weiteren Kram. All diesen Reichtum gab er mit auf einen Tross. Die Kühe und Pferde wurden von Burschen und jungen Mädchen, die aus Russland nach Deutschland verschleppt worden waren, zur polnischen Grenze getrieben.

Im hohen Gras standen Güterwaggons bereit. Hier drängten sich viele Menschen, ehemalige gefangene Zivilisten [„Ostarbeiter“]und Kriegsgefangene. Der Tross setzte sich ohne uns in Bewegung und so blieben wir zu dritt zurück. Ich fragte Aleksej, ob wir wohl lange hier bleiben würden. Er antwortete, dass der Hauptmann gegangen sei, um die Papiere in Ordnung zu bringen. Das war um acht Uhr morgens. Dann kam der Hauptmann und teilte uns mit, dass wir nach Bia?ystok fahren würden. Zu einer Bank, wie ich später erfuhr, nachdem das Unglück über uns hereingebrochen war. Unterwegs, so teilte er uns mit, würden wir zu einem Gebäude fahren, das ich nichtkannte. Ich sollte die Pferde gehörig antreiben und Aleksej würde mir den Weg zeigen und sagen, wo wir anhalten sollten. Als wir dann das Gebäude der Bank erreicht hatten, ließ ich die Peitsche noch einmal tüchtig knallen und bremste scharf ab. Dann stolperte meine Grunja plötzlich mit dem linken Lauf und stürzte. Ich sprang sofort vom Wagen und band die Arme los, damit sie aufstehen konnte. Sie atmete schwer. Wir fuhren noch gut 15 Kilometer und Grunja blieb immer weiter hinter Koptschik zurück und konnte letztlich gar nicht mehr weiter. Dann ging's los und der Hauptmann schrie mich an, nannte mich Dreckskerl, Verräter, faschistische Natter. „Das hast Du absichtlich gemacht!“ Dann spannte ich Grunja schweigend aus und führte sie auf eine Wiese. Ich hatte nicht versucht, mich zu rechtfertigen. Es war bereits zwei Uhr nachmittags und der Tross war weit voraus. Der Hauptmann befahl uns, das Nachtlager aufzuschlagen. Plötzlich packte er mich wütend am Kragen und zerrte mich in ein Waldstück. Dann riss er seine Pistole hervor, befahl mir, vor einer Tanne niederzuknien und hielt mir den kalten Lauf an den Hinterkopf. Ich war wie benommen und bemerkte nicht, wie Aleksej hinzustürzte und den vor Wut schäumenden Hauptmann beruhigte. Nach einigen Minuten, als ich mich schließlich umzudrehen wagte, waren die beiden schon wieder auf dem Weg am Wagen. Unter dem Sitz hatte ich einen Karabiner, den der Hauptmann mir beim Abmarsch aus Deutschland ausgehändigt hatte. Aleksej hatte eine Maschinenpistole bekommen. Dann sagte ich: „Hauptmann, erlauben Sie, dass ich ein wenig mit Aleksej gehe. Hier in der Nähe scheint mir ein Dorf zu sein.“ Er willigte ein. Aleksej nahm seine Maschinenpistole und wir gingen los, Pferde zu suchen. Meinen Karabiner versteckte der Hauptmann unter seinem Sitz. Dann schrie er irgendetwas. Ich verstand nicht und Aleksej sagte, er würde uns erschießen, wenn wir ohne Pferde zurückkämen. Nach einem knappen Kilometer bog ein Pfad vom Weg ab. Sie können sich meine Freude vorstellen, als ich auf einem kleinen Grundstück zwei Pferde erblickte. Wir gingen zum Grundstück und sahen, wie der Besitzer die Pferde dabei antrieb, eine Tonmischung mit ihren Hufen zu durchmischen. Ich ging auf ihn zu und fragte den „Pan“, ob er Russisch spreche. Er bejahte. Ich erklärte ihm unsere Lage und natürlich sträubte er sich lange, ehe er dem Tauschhandel zustimmte. „Bringt mir nur eure Stute und ich gebe Euch ein anderes Pferd dafür.“ Wir konnten dem Hauptmann bei unserer Rückkehr also eine Freude machen. Ich spannte Grunja und Koptschik an und wir fuhren in aller Ruhe, um unsere Grunja einzutauschen. Der Besitzer wartete schon auf uns. Er war mit dem Handel zufrieden, denn Grunja war besser gebaut und genährt als sein Gaul. So holten wir am Abend unseren Tross ein, der in einem schönen Wäldchen lagerte. Die Köche bereiteten gerade das Abendessen. Im Lager ging's dann bis zum Morgen hoch her. Ich ließ mich nicht lange bitten und holte mein Akkordeon hervor. Es wurde gesungen und getanzt, alle freuten sich über unsere baldige Rückkehr nach Russland. „Bald ist es geschafft“, sagte der Hauptmann. Als wir am Verladeplatz für die Güterwaggons ankamen, wurden wir schon von russischen Soldaten erwartet. Um mir zum Abschied noch eins auszuwischen, sprang der Hauptmann vom Pferd und ging einfach davon, ohne mir meine Papiere zu geben. Nachdem ich mich von Aleksej verabschiedet hatte, kamen schon zwei Soldaten auf mich zu, grüßten und schrieben meinen Namen auf. Dann sagten sie mir, in welchen Waggon ich mich setzen sollte. So kam ich vom deutschen Regen in die russische Traufe, genauer ins Bergwerk „Glubokaja“ in der Stadt Schachty im Rostower Gebiet. Als wir auf dem Weg durch Belgorod fuhren, warf ich einen Brief ein, um zu sagen, dass ich am Leben und gesund sei. Wir wussten nicht, wohin man uns brachte. Am Bestimmungsort kamen wir dann erst mal in Garagen unter, in denen Autos repariert wurden. Dann schickte man uns eine Woche ins Bergwerk, wo wir einen Schacht graben mussten. Bezahlt wurden wir dafür nicht. Essen gab's in der Kantine und in diesem Hungerjahr konnte von einer gesunden Ernährung keine Rede sein: dünne Suppe, 300 Gramm Brot und am Wochenende Grütze mit 20 Gramm Sahne. Der Schacht machte dem Namen des Bergwerkes alle Ehre, 800 Meter ging es hinab. Dort arbeitete ich dann in sowjetischer Gefangenschaft vom September 1945 bis 1947, also ein Jahr und zehn Monate, ohne Bezahlung für den Staat Stalins. Und wäre ich nicht erkrankt, hätte ich diese Zeit sicherlich nicht überlebt.

In meinem Heimatstädtchen Korotscha herrschte schrecklicher Hunger. Die ersten Eindrücke schockierten mich: Meine Mutter stand abgemagert und hungrig vor mir. Vater war in die Ukraine gefahren, um etwas zu organisieren. Meine älteren Brüder, Wanja, Kolja und Mischa, waren noch bei der Armee.

Jetzt noch ein wenig über mich: Im Jahr 1940 schloss ich eine neun Monate dauernde Ausbildung zum Schlosser dritten Grades ab. Zu dieser Zeit war das eine gute Arbeit und ich habe in meinem Leben viel davon profitiert. 1948 beendete ich eine zweite Lehre zum Filmvorführer und arbeitete anschließend sechs Jahre unweit von Moskau in Sagorsk. Im Jahr 1950 heiratete ich und bald hatten wir zwei Kinder. Ich musste also mehr Geld verdienen, um meine Familie zu ernähren. So ging ich zu den Elektrizitätswerken und errichtete als Elektromonteur Oberlandleitungen. Nach der Fertigstellung der Stromleitung von Korotscha nach Gubkin verdiente ich mein Geld als Schlosser in einer Druckerei. Insgesamt habe ich 52 Jahre lang gearbeitet. Auch danach war ich nicht untätig und stand noch beinahe 15 Jahre bei der Zivilverteidigung (heute Ministerium für Katastrophenschutz) meinen Mann. Meine beiden Söhne habe ich großgezogen und heute habe ich vier Enkel, zwei Urenkel und eine vierjährige Urenkelin. Iwan, einer meiner Urenkel, wurde im Dezember 15 und bekommt in der Schule lauter „Einser“. Bis zur neunten Klasse gab es auf dem Zeugnis nicht eine einzige Zwei. Mein anderer Urenkel, Oleg, ist auch ein guter Schüler. Er möchte später auf die Militärakademie. Ich bin sehr stolz auf sie.

Nun möchte ich aber unbedingt noch etwas über meine geliebte Frau Aleksandra schreiben. Wir sind schon 55 Jahre zusammen und haben glückliche aber auch schwierige Zeiten durchlebt. Leider steht es um unsere Gesundheit nicht mehr zum Besten. Vor zwei Jahren ist Alexandra infolge einer Augenkrankheit erblindet. Die Ärzte rieten uns von einer Operation ab, da sie zu alt sei und ihre Sehnerven wegen ihres Alters nicht mehr reagieren würden. Immerhin ist sie schon 85. Ich konnte zwischenzeitlich auch ein Jahr lang nicht mehr sehen, doch ich war noch jünger und die Operation des rechten Auges war erfolgreich. Natürlich kann ich nicht mehr sehen wie früher, aber es geht schon. Das linke Auge ließ ich wegen einer alten Kopfverletzung über den Augenbrauen besser nicht operieren.

Sehr geehrte Frau Doktor Schramm, geehrter Herr Doktor Eberle und Projektleiter Herr Radczuweit, übermitteln Sie bitte allen meine herzlichen Grüße, die in der gleichen Zeit bei uns in Russland in Gefangenschaft waren und auch denen, die mich in Tischino gerettet haben. Tischino befindet sich nur drei bis vier Kilometer von dem Dorf entfernt, aus dem Juri Gagarin stammt. Sollten Sie noch Fragen haben, dann schreiben Sie bitte, ich werde Ihnen gerne antworten. Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe, die sehr wichtig für mich war.

Alles Gute im neuen Jahr 2008! Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien Glück und Gesundheit!

Ihr Petr Stefanowitsch Gatilow.

PS. Seit dem 13. Dezember liege ich wegen einer chronischen Erkrankung der Beine und des Herzens in der chirurgischen Abteilung im Krankenhaus. Liebe Freunde, entschuldigen Sie bitte, es ist wahrlich alles andere als einfach, über alles zu schreiben, was mir in der schwierigen Zeit zwischen 1942 und 1947 widerfahren ist. All dies darf jedoch nicht vergessen werden.

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[*] Häufig starben ausgehungerte Gefangene bei der Befreiung nach ungewohnter Nahrungsaufnahme.

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