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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

300. Freitagsbrief (vom Februar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Saratow
Aleksandr Pawlowitsch Lawrow.

[Es schreibt der Neffe Aleksandr Sergejewitsch Gladkow].

[…].

Diesen Brief schreibt Ihnen der Neffe von Aleksandr Pawlowitsch Lawrow – meine Tante, Anna Iwanowna Lawrowa und er haben keine Kinder bekommen, die Jahre der Gefangenschaft sind nicht spurlos vorüber gegangen, und auch die schwere Arbeit in der Landwirtschaft. Ich bin selbst schon fast 60 Jahre alt, gehöre zur Nachkriegsgeneration, das Leben der „stählernen“ Generation der Nachkriegszeit spielte und spielt sich vor meinen Augen ab, während ich die Kriegswirren aus den wahrheitsgetreuen Erzählungen der Kriegsveteranen meiner Familie kenne: von meinem Vater, meinem Onkel und meinem Großvater. Ihr Schicksal an der Front verlief unterschiedlich, aber alle sind zurückgekommen – wir hatten Glück, sagten sie. Jedes Jahr haben wir uns am 9. Mai bei den Lawrows am festlich gedeckten Tisch versammelt, dann wurden Erinnerungen und Geschichten aus dem Krieg erzählt, denen ich mit offenem Mund lauschte, sie haben sich in mein kindliches Gedächtnis eingebrannt und sind dort geblieben, obwohl mir mittlerweile bewusst ist, dass ich viel weniger über diese Zeit weiß als ich gerne wüsste.

Nun aber kann mir schon keiner mehr davon erzählen, außer Anna Iwanowna – alle unsere Veteranen liegen unter der Erde: Aleksandr Pawlowitsch Lawrow, Sergej Iwanowitsch Gladkow, Iwan Iwanowitsch Gladkow. Sie liegen alle nah beieinander in der Erde, die sie damals verteidigt haben. Zurückgeblieben ist eine einsame Witwe, mit 88 Jahren hochbetagt und krank, um die ich mich kümmere, so gut ich kann. Und auch die Gräber pflegen meine Frau und ich.

Aleksandr Pawlowitsch Lawrow, ein einfacher Bauernsohn, wurde im Mai 1941 in die Armee einberufen. Er hatte noch nicht einmal den Fahneneid geleistet, da holte ihn der Krieg in der Gegend um Gomel ein. Der hereinbrechende Nazi-Apparat fegte die Grenzsoldaten einfach um, und auch die Kommandeure erwiesen sich teilweise als nicht auf der Höhe, weshalb es zu Panik und Chaos kam – das ist die bittere Wahrheit dieser Tage. So traf der Melder A. M. Lawrow, als er mit einer Meldung zum Stab der Einheit geschickt wurde, dort niemanden an, außer einer Menge solcher „Grünschnäbel“ wie er, betäubt von den Bombenexplosionen. Bei einigen Häusern stand ein Fahrzeug, das wie durch ein Wunder unbeschädigt war, Lawrow startete den Wagen, ließ die Soldaten hinten aufsteigen und fuhr Richtung Osten. Die Fahrt dauerte nicht lange – sie wurde von einem deutschen Flugzeug unterbrochen. Als er wieder zu sich kam, lag er neben dem von einer Bombe zerstörten Wagen, er war verletzt und von der Explosion betäubt, über ihm standen zwei deutsche Soldaten, einer hatte seine Maschinenpistole auf ihn gerichtet, der andere schob den Lauf zur Seite und sagte dabei etwas. Mein Onkel aber wiederholte wie im Fieberrausch immer wieder: „Trinken, trinken“.

Später, als er zur Genüge Unterricht in der deutschen Umgangssprache genossen hatte, die aus Schlägen, Demütigungen, Hunger bestand, verstand er die Worte dessen, der nicht zugelassen hatte, dass man ihn erschießt – „Soll er doch selbst sterben“, das waren seine Worte. Aber er ist am Leben geblieben – er war jung und stark, und unter den Gefangenen fand sich ein Arzt. Viele starben, die Schwachen wurden umgebracht, die Kräftigeren mussten für das „Große“ Deutsche Reich arbeiten. So kam der Gefangene Lawrow nach Deutschland, wo die Gefangenen im Bergwerk Kohle fördern mussten. Hunger, 15 Stunden unter Tage, oben Schläge. Wenn ein Gerät kaputt ging, hieß es Sabotage und darauf stand Erschießen. „Züchtigung“ mit Metall-Ruten. So etwas überlebt nicht jeder.

Wenn er von dieser Zeit erzählte, musste Onkel Sascha immer weinen, er sagte ein paar Sätze auf Deutsch, in denen immer wieder das Wort „Schwein“ vorkam – Russenschwein. Dort wurde niemand wie ein Mensch behandelt – das war das wahre Antlitz des Faschismus. Befreit wurden sie von den alliierten amerikanischen Truppen. Durch einen Zufall kam er nach Hause – das Schicksal meinte es gut mit ihm. Ein hoher Beamter wollte Kriegsbeute in die UdSSR schicken, ein Waggon wurde mit verschiedenen Gütern beladen, und das Beladen sowie die Überführung der Güter fiel Lawrow und noch einem anderen Kriegsgefangenen zu. So fuhr der Waggon 1946 ohne alle Papiere, an allen Grenzen vorbei ins Gebiet Saratow, und mit ihm mein Onkel Lawrow. Er war wie von den Toten wieder auferstanden, die Eltern hatten ihn bereits 1941 zu Grabe getragen, aber seine Anna hatte auf ihn gewartet.

Auch hier begannen bald die Schikanen: Verhöre, Überprüfungen, aber der selbe hohe Beamte kam ihm wieder zu Hilfe. Wie er es geschafft hat, wusste Onkel Sascha nicht, aber von da an ließen sie ihn in Ruhe und stellten ihm Papiere aus. So begann das Leben nach dem Krieg. Auch Anna war von den Kriegswirren nicht verschont geblieben: sie hatte im Hinterland geackert, die Felder bestellt, geerntet, bis zum Umfallen gearbeitet, um Brot an die Front zu liefern, sie glaubte an den Sieg und wartete darauf, dass ihr geliebter Sascha zurück kommt … Als die Männer von der Front zurückkamen, wurde es für die Frauen leichter, das Leben kehrte langsam in normale Bahnen zurück. A. M. Lawrow hat bis zur Rente als Mähdrescherfahrer in der Kolchose in seinem Heimatort gearbeitet. Er hat für seine Arbeit Auszeichnungen und Urkunden bekommen, und die Uhr mit seinem Namen, die er als Auszeichnung bekommen hat, haben wir bis heute.

Die Kriegsgeneration geht langsam von uns, und es ist unsere Pflicht, die Erinnerung an sie zu wahren, uns um die zu kümmern, die noch am Leben sind und die Wahrheit über diesen schrecklichen Krieg an die jungen Menschen weiterzugeben.

PS. Ich möchte noch ein paar Zeilen über meine Familie schreiben und hoffe, dass Ihnen diese Informationen von Nutzen sein können. Mein Vater Sergej Iwanowitsch Gladkow wurde 1939 in die Armee einberufen. Er hat am Krieg gegen Finnland teilgenommen. 1941 war er vom ersten Tag des Krieges an dabei. Er hat vom ersten bis zum letzten Tag der Blockade die Stadt Leningrad verteidigt. Musste Hunger und Kälte erleiden. Er hat uns Grauenvolles über diese Zeit erzählt. Als der Kessel durchbrochen war, kämpfte er als Kommandeur eines Panzers T 34, wurde verwundet, zu Kriegsende war er in Österreich. Er wurde mit Orden und Medaillen ausgezeichnet, die er sorgfältig aufbewahrte, aber das Wichtigste waren die Erinnerung und die Wahrheit der Soldaten in den Erzählungen über den Krieg.

Nach dem Krieg wurden wir geboren, vier Kinder, und wir lebten in einem Haus, das deutsche Kriegsgefangene, die in Petrowsk arbeiteten, gebaut hatten. Wie erzählt wird, wurden hier die Gefangenen nicht geschlagen, sie bekamen 800 Gramm Brot am Tag, obwohl unsere Bevölkerung zu der Zeit 600 g bekam. Die Bevölkerung verhielt sich loyal gegenüber den Deutschen. Wie zur Erinnerung an diese Zeiten steht bis heute in Petrowsk eine ganze Siedlung mit Häusern im deutschen Stil.

Vielen Dank und mit den besten Grüßen,

Aleksandr Sergejewitsch Gladkow,

im Auftrag von Anna Iwanowna Lawrowa.

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