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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

299. Freitagsbrief (vom Mai 2012, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Iwanowitsch Petrow
Russland
Komsomolskij
Republik Dagestan.

[…] Ich habe Ihren Brief vom 20.04.2012 erhalten sowie die beiden Rundbriefe 10 und 11, ich habe alles den ganzen Tag über immer wieder gelesen. Sogar mein Nachbar ist gekommen und ich habe ihm einige Stellen aus den Rundbriefen vorgelesen, und er war sehr erstaunt, dass all dies nach so vielen Jahren noch nicht vergessen ist. So ist das. […] Als die Deutschen uns, 5 Personen, am 28. Mai 1942 gefangen nahmen, war unter uns der Oberst unserer Panzerbrigade. Er war an der Schulter verwundet, er wollte die Hand heben, aber der Sergeant ließ ihn nicht, weil er verwundet war, und wir wurden zu einem Gebäude geführt, in dem der Kommandostab untergebracht war. Man meldete dort, dass ein Oberst verwundet sei. Sofort wurde angeordnet, ihm medizinische Hilfe zukommen zu lassen und ihm einen Platz zuzuweisen. Da hatte ich keine Angst mehr und kam ins Nachdenken. Es gab also auch solche Deutsche, sie waren auch Menschen. So war also meine erste Begegnung mit den Deutschen im Mai 1942.

Mein Vater hat vier Kriege miterlebt, den russisch–japanischen Krieg, den imperialistischen Krieg von 1914 bis 1916, den Bürgerkrieg und schließlich den Zweiten Weltkrieg von 1941-45, aber da war er nicht mehr in der aktiven Armee. 1947 ist er gestorben, noch bevor ich zurück zu Hause war. Er hat erzählt, wie sie gegen die Deutschen gekämpft haben, die Frontlinie zwischen ihnen war nur 50 Meter breit, und sie tauschten Essen, Spiritus und Tabak untereinander aus. Mein Vater sagte, er kannte persönlich einen Unteroffizier namens Von Jung Schulze. Ich weiß nicht mehr, in welchem Krieg das war? Aber das ist lange her, fast 100 Jahre. Diese Menschen sind alle schon nicht mehr unter uns.

Ich möchte mich bedanken für den Brief von Jürgen Rüdiger, alles was er schreibt, ist gut verständlich. Auch ich habe im Namen meines Vaters beschrieben, wie sie gekämpft und Russland freigekämpft haben. Wie heißt es in den russischen Bylinen? [mittelalterliche Heldenlieder] „Ja! Männer gab's in unseren Zeiten, gleich stark im Dulden und im Streiten, Männer von Stahl und Erz!“

Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist sehr umfangreich. Irgendwann wird sich irgendjemand finden, der aufschreiben wird, wie alles war. Das ist wichtig für unsere Nachkommen. Wir haben gesiegt, aber wir leben nicht so, wie wir, die Überlebenden, es uns vorgestellt haben, als wir von einem besseren Leben träumten. Es wurde schon oft die Frage laut, warum wir schlechter leben als die Verlierer des Krieges? Jetzt ist eine neue Generation herangewachsen, die alles Menschliche verloren hat, sie kennen weder Scham noch Gewissen. Und auch geistig sind sie weniger auf der Höhe. Alle haben sich ihre Diplome gekauft und jagen allein dem Profit nach. Es herrschen Bandenkriminalität, Raub und Terror. Und wie geht es weiter? Was wird aus unserer Erde? Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr nur gearbeitet, die Arbeit veredelt den Menschen und deshalb lebt er.

An das Leben im Lager möchte ich nicht zurückdenken. Wir waren zum Tode verurteilt, jeden Morgen mussten wir die Leichen zusammentragen, damit sie weggebracht werden konnten. Ich war sehr jung, erst 20 Jahre alt, und diese ganzen drei Jahre sind mir in Erinnerung geblieben als eine Zeit der ständigen Todesangst. Nein, ich darf nicht daran zurückdenken, mein Kopf hält es nicht aus, zum Ende meines Lebens. Das Leben ist in den Händen und im Kopf. Es gibt eine Redewendung „sich mit dem Verstand einen Weg bahnen“, das ist oft nicht leicht, aber geschickte Hände halten das Rad immer am Laufen. Ich konnte mir meinen Weg nicht mit dem Verstand bahnen, da ich wegen der Gefangenschaft immer benachteiligt und verfolgt wurde. Da ich geschickte Hände hatte, arbeitete ich im Betrieb, war gut im Herstellen von technischen Geräten und habe mir meine Rente erarbeitet. Nun neigt sich mein Leben dem Ende zu wie auch das meiner Frau.

Ihre Rundbriefe haben mich auch aufgeheitert. Danke, dass Sie uns, die Kriegsgefangenen, nicht vergessen. Ich habe einen Brief nach Moskau geschickt und auch eine Antwort bekommen, von Jelisaweta Ustinowa [*]. Aber jetzt denke ich darüber nach, wie man das alles am besten machen soll.

Auf Wiedersehen,

Iw. Iw. Petrow.

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[*] Frau Ustinowa ist Vorsitzende unserer russischen Partnerorganisation „Sostradanije“, die medizinische und soziale Hilfe für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene vermittelt. (E. Radczuweit).

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