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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

298. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Valerie Engler).

Lusegen Aswaturowitsch Chatlamadshijan Russland
Esentuki
Stawropol.

[…] Ich, Lusegen Aswaturowitsch Chatlamadshijan, Nr. 536198, bestätige hiermit den Erhalt Ihres Briefes, der am 26.1.2009 aus Berlin abgeschickt wurde. Ich danke Ihnen allen für Ihre guten Wünsche zum Neuen Jahr. Vielen Dank für die finanzielle Unterstützung, Danke für Ihre Anteilnahme an unserem Schicksal, Danke den einfachen, guten deutschen Bürgern, die trotz der schwierigen Lage angesichts der Weltfinanzkrise es für nötig erachtet und die Möglichkeit gefunden haben, uns zu helfen, zum Schaden ihrer eigenen Familien, denen sie es entrissen haben. So etwas kann man niemals vergessen. Nicht nur die finanzielle Unterstützung beschert uns eine riesige Freude in dieser für uns schwierigen Zeit, nicht minder wichtig ist die moralisch-ethische Seite dieser Unterstützung, um so mehr als ich so etwas niemals erwartet hätte. Genauer gesagt hatte ich jede Hoffnung verloren, nachdem ich als Antwort auf meine Briefe von der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ am 10.12.2004 einen von S. S. Famor unterschriebenen Brief bekommen habe, in dem steht: „Der Aufenthalt in Kriegsgefangenschaft berechtigt nicht zum Erhalt einer Entschädigung.“

Aber das liegt alles hinter mir. Ich möchte nicht von den Lebensbedingungen in den Nazi-Konzentrationslagern schreiben, davon habe ich bereits ausführlich 2004 in meinen Briefen an die Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ geschrieben. Sie wissen darüber genauso gut Bescheid wie ich.

Was soll ich also von mir schreiben? Lassen sie es mich versuchen! Am 20.6.1941 habe ich die Mittelschule abgeschlossen, ich war 18 Jahre alt, zwei Tage später begann der Krieg. Alle meine Pläne stürzten in sich zusammen. Am Montag, den 23.6.41 wollte ich mich zum Studium am Institut für Eisenbahnwesen in Rostow einschreiben. Statt zum Studium kam ich zur Armee.

Zu Kriegsbeginn traten wir unter Verteidigungskämpfen den Rückzug an. Im Sommer 1942 kämpfte ich an der Mius-Front (am Fluss Mius) bei Taganrog, wir führten lokale Gefechte, mehr oder weniger erfolgreich. Im selben Sommer, als die Nazis in der Gegend um Charkow (Ukraine) unsere Frontlinie durchbrachen, wurden an der gesamten Frontlinie Angriffe geführt. Unter heftigen Gefechten und mit schweren Verlusten zogen wir uns nach Rostow am Don zurück. Am 24.7.1941 erreichten wir im Bezirk Batajsk den Fluss Don. Es wurde eine freie vollständige Kompanie formiert, die den Auftrag bekam, um jeden Preis die Stellung zu halten, und damit den Rückzug der Division über die Don-Brücke von Bataijsk zu sichern. Unsere 30. Irkutsk-Division hatte den Übergang beinahe geschafft, als deutsche Landungstruppen auf der linken Uferseite landeten. Wir wurden von unseren Basiseinheiten abgeschnitten und an der rechten Uferseite, wo wir die Verteidigung hielten, begannen die Deutschen einen massiven Angriff aus der Luft und per Bodentruppen. Neben mir explodierte eine Granate, ich wurde mit Erde überschüttet und von der Explosion betäubt. Mein Bein schmerzte, die Knochen schienen aber ganz zu sein. Die deutschen Truppen nahmen die Brücke ein und ich geriet in Gefangenschaft. Ich war zuerst in Rowno in der Westukraine im Lager [Stalag 360], dann in Hammerstein/Deutschland [Stalag IIF (315)], anschließend war ich bei einem Gutsbesitzer namens Becker, das war in einem Städtchen oder kleinen Ort (Dorf) namens Wusseken im Landkreis Bütow. Dort wurden wir unter Bewachung zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt. In den ersten Maitagen 1945 wurden wir Richtung Nordwesten weggebracht, wohl in Richtung Ostsee. Als wir einmal am Rand eines Waldes Rast machten, gelang uns die Flucht. Tagsüber bewegten wir uns durch die Wälder vorwärts, nachts entlang der Straßen. Es gelang uns, die Frontlinie zu überschreiten und zu unseren Truppen zu stoßen. Nach der offiziellen Prozedur der Befragungen kamen wir wieder an die Front. Mein letztes Gefecht war bei der Einnahme der stark befestigten Stadt Königsberg, wo wir bis Kriegsende blieben. Nach Kriegsende habe ich noch fast zwei Jahre, von Mai 1945 bis März 1947, in Deutschland gedient. Wenn wir in Deutschland Orte besetzten, in denen schutzlose Bürger lebten, alte Menschen, Kinder, dann zitterten sie vor Angst, offensichtlich dachten sie, dass wir sie so behandeln würden wie die Nazi-Divisionen die Menschen in der Sowjetunion. Ich war damals Hauptfeldwebel einer Batterie, wir versorgten sie mit Essen aus der Armeeküche. Langsam gewannen sie Vertrauen zu uns und wir gingen freundschaftlich miteinander um.

Verehrte Herren! Die Bürger des heutigen Deutschlands sollten sich nicht für das damalige verbrecherische Nazi-Regime schämen, sie trifft schließlich keine Schuld.

Im März 1947 wurde ich dann also aus dem Armeedienst entlassen und kam wieder an die Front, nur jetzt nicht an die militärische, sondern an die Arbeiterfront. Die Hälfte des Landes war durch den Krieg zerstört worden, alles musste so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden, alle Hoffnungen lagen auf uns, den ehemaligen Frontsoldaten. Denn im Hinterland waren ja auch bei uns nur die Alten, Frauen und Kinder zurückgeblieben, sie waren erschöpft und halbverhungert, hatten alle ihre Kräfte für den Sieg verausgabt. Wir arbeiteten viel, die Stimmung war gehoben, schließlich war der Wiederaufbau für uns selbst. Manchmal konnte man es nicht glauben, dass der Krieg wirklich vorbei war. Das Leben wurde merklich besser. 1949 heiratete ich eine Donkosakin, eine sehr schöne, gute, kluge und fleißige Frau. Dann kam unsere erste Tochter zur Welt, sie kam ganz nach der Mutter, wir lebten arm, wie damals alle, aber in Liebe und Einverständnis. Ich begann ein Studium am Ingenieurinstitut für Melioration in Nowotscherkassk. 1953 schloss ich das Studium als Ingenieur für Wasserbautechnik mit Auszeichnung ab. Damals war das Studium kostenlos, ich bekam ein Stipendium von 250 Rubel, meine Frau bekam als Sekretärin und Schreibkraft ein Gehalt von 285 Rubel. Meine Mutter war schon eine alte Frau. Um meine Familie einigermaßen zu versorgen, studierte ich im Direktstudium und ging jeden Abend zur Arbeit am Güterbahnhof Nowotscherkassk, wo Kohle ausgeladen werden musste – damals gab es noch kein Gas. Ich verdiente dort etwa 200 bis 250 Rubel im Monat. Lernen musste ich nachts, ich schlief wenig. Das ist mir wohl in der Zeit zur Angewohnheit geworden, denn bis heute schlafe ich im Sommer nur fünf Stunden, im Winter sechs. Ich muss von Natur aus immer viel arbeiten. Ich arbeite viel, habe nie geraucht oder getrunken, sogar an der Front nicht. Zu Festtagen – Geburtstage, Feiertage etc. – trinke ich ein Glas hausgemachten Wein. Ich esse niemals über den Hunger.

Als Kind habe ich Sport gemacht, was es in der Schule gab, Turnen an Reck und Barren, Laufen, Hochsprung, Kugelstoßen; zusätzlich ging ich in einen Arbeitskreis und spielte Schach. Vielleicht bin ich deshalb 86 Jahre alt geworden. Jetzt bin ich allerdings Invalide zweiten Grades, sehe und höre schlecht, kann schlecht gehen, genauer gehe ich am Stock. Ich habe drei Operationen hinter mir. Ich danke Gott und dem Schicksal, dass ich bis heute am Leben bin.

Dann kam unsere zweite Tochter Olja zu Welt. Beide sind heute kurz vor der Rente. Olja ist Ärztin, Ljuba Verfahrenstechnikerin in der Lebensmittelindustrie. Ich habe einen Enkel und zwei Enkelinnen und außerdem einen Urenkel und eine Urenkelin. Meine Frau ist schon vor zehn Jahren verstorben, sie war 73 Jahre alt. Sie hatte Diabetes. Wir haben alles versucht, sie wurde behandelt und die Ernährung umgestellt, wir haben sie gepflegt und gehegt, aber alles war umsonst. Die Krankheit hat gesiegt.

Ich habe später noch ein weiteres Studium abgeschlossen, ein Fernstudium am Moskauer Institut für Straßenbau. Ich wurde im Gebiet Rostow geboren, dort bin ich auch zur Schule gegangen, von dort ging ich an die Front und bin von der Front nach Hause zurückgekehrt. Nachdem ich das Studium am Ingenieurinstitut für Melioration in Nowotscherkassk abgeschlossen hatte, bekam ich 1953 eine Arbeitsstelle in Essentuki zugewiesen. Ich habe fünf Jahre als Ingenieur für Wasserbautechnik gearbeitet, dann war ich beim Straßenbau tätig als Ingenieur für Straßenbautechnik, die letzten 31 Jahre war ich Leitender Ingenieur. Seit 1991 bin ich in Rente. Ich wurde für meine Arbeit vom Ministerium für Straßenbau der RSFSR ausgezeichnet. Etwa 30 Jahre lang war ich als Abgeordneter auf verschiedenen Ebenen tätig. Wie Sie sehen, hatte ich in meinem Leben immer genug zu tun.

Noch als wir jung waren, wurde uns ein Grundstück von 12 Ar zugewiesen, im Ort Belyj Ugol, das liegt am südlichen Stadtrand von Essentuki. Wir haben dort zwei hübsche Häuschen gebaut, in einem gab es zwei Wohnungen für uns und unsere ältere Tochter, im anderen eine Wohnung für unsere jüngere Tochter. Wir lebten dort glücklich, erfreuten uns an unseren Kindern und Enkeln. Wir lebten etwa 300m von einem kleinen Fluss entfernt. Im Juni 2002 gab es dann plötzlich eine starke Überschwemmung. Die Wellen waren 3,5 Meter hoch. Wir haben alles verloren. All unser Hab und Gut sowie unsere Häuser. Wir haben dann Grundstücke von 5 Ar pro Familie zugewiesen bekommen, wir haben uns kleine Häuser gebaut, jeweils mit zwei Einzimmerwohnungen für zwei Familien, mit Wasser, Strom und Gas. Unser Dank gilt unserer Regierung, unserem Präsidenten W. W. Putin und seinen Mitarbeitern, dass sie uns nicht vergessen haben und wir zu Neujahr 2003 bereits unsere neuen Häuser beziehen konnten. Später haben wir aus eigenen Mitteln jeweils noch ein weiteres Zimmer angebaut, außerdem haben wir Wirtschaftsgebäude gebaut, Garagen, Schuppen, Keller. Heute leben wir hier sehr gut.

Von den fünf Ar Land können wir unsere Familie das ganze Jahr über mit Kartoffeln und Gemüse versorgen. Mittlerweile tragen auch die Weinreben und Obstbäume Früchte. Als es im Winter bei Ihnen in Deutschland sehr kalt war, bis zu minus 30 Grad, und die Gasleitung durch die Ukraine abgedreht wurde, da haben wir uns echte Sorgen um Sie gemacht, sogar Tränen vergossen. Wir fragten uns, wie die Kinder, Frauen und alten Menschen in der Kälte überleben werden, überhaupt alle Menschen in Deutschland und in den anderen Ländern, die unser Gas beziehen. Nun ist die Gaskrise überstanden und wir hoffen, dass sich so etwas nicht wiederholen wird.

In den letzten Tagen ist alles schnell und mit deutscher Genauigkeit und Pünktlichkeit vor sich gegangen. Am 5.2. haben wir Ihren Brief bekommen. Am 8.2. haben wir von der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ Post mit der Benachrichtigung über die Überweisung von 12454 Rubel bekommen. Am 10.2.habe ich in unserer Bank innerhalb von 15 Minuten ohne größere Probleme das Geld bekommen.

Vielen Dank an alle, vor allem an Sie, die Organisatoren, und an alle, die an dieser humanitären Aktion mitgewirkt haben. Einerseits bin ich beinahe zu Tränen gerührt angesichts dieser Unterstützung, andererseits fühle ich mich beschämt, dass so viele gute Menschen sich um mich Gedanken gemacht haben. Wer bin ich schon? Ein ganz gewöhnlicher einfacher Sterblicher im hochbetagten Alter. Gott gebe Ihnen allen beste Gesundheit auf viele Jahre, ein langes, erfülltes Leben und Erfolg bei der Arbeit und im Familienkreis. Der Gerechtigkeit halber muss ich anfügen, dass nicht alle deutschen Soldaten Verbrecher waren. Ja, zu Kriegsbeginn waren vor allem die jungen Soldaten, die unter dem Nazi-Regime erzogen worden waren, sehr grausam und brutal. Aber in der zweiten Hälfte des Krieges holte die deutsche Regierung die Reservesoldaten an die Front, und das waren vor allem ältere Männer, die Familie und Kinder hatten, sie waren von ihrem Naturell und ihrer Erziehung her ganz anders. Nach der Schlacht um Stalingrad, als unsere Truppen an der gesamten Front zum Angriff übergingen, da dachten sie sich wahrscheinlich außerdem: womöglich gerate ich auch in Gefangenschaft. Dementsprechend trifft diese Kategorie der deutschen Soldaten keine so große Schuld, sie wollten nicht kämpfen, aber was sollten sie tun – Befehl ist Befehl.

Nach Kriegsende blieb ich noch fast zwei Jahre mit unseren Truppen auf deutschem Gebiet. Die deutsche Bevölkerung war uns gegenüber sehr wohlwollend eingestellt und wir versuchten, ihnen zu helfen, so gut wir konnten. Mir ist damals bewusst geworden, dass wir in Freundschaft leben sollten anstatt einander zu bekämpfen.

Wir, d.h. meine gesamte Großfamilie und ich, wünschen uns, dass es nie wieder Krieg gibt. Unsere Enkel haben einander nicht bekämpft, sondern im Gegenteil freundschaftliche Kontakte gepflegt und sich gegenseitig besucht. Es gibt vieles, was sich zu besichtigen lohnt. Bei Ihnen gibt es ordentliche, gepflegte Städte, Siedlungen, Straßen, Bürgersteige, Höfe; Spitzentechnologie – bald werden wir hier mehr deutsche Autos haben als russische. Bei uns in Russland gibt es unendliche Weiten – Felder, Wälder, Flüsse, Meere, es gibt Kurorte und Heilwasser. Es gibt genug, über das wir uns austauschen können und womit wir Handel betreiben können.

Ich habe so viel geschrieben, Sinnvolles und Sinnloses. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Fehler gemacht habe. Ich sehe sehr schlecht. Ich schreibe 2–3 Zeilen, dann verschwimmt alles vor den Augen und ich muss eine Pause machen, bevor ich weiter schreiben kann.

Meine Adresse kennen Sie ja. Meine Telefonnummer ist […].

Auf Wiedersehen.

L. Chatlamadshijan.

18.2.2009 (abgeschickt am 26.2.09).

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