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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

296. Freitagsbrief (2009–2012 aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan N. Morgunow
Ukraine
Gebiet Donezk.

15.06.2009.

Im April 1941 wurde ich in die Armee eingezogen und habe in der Nähe von Minsk gedient, bei den Panzertruppen in der Militärsiedlung „Krasnoje Urotschische“. Unser nächster Truppenübungsplatz befand sich in der Gegend der Siedlungen Malyj Trostenez und Bolshoj Trostenez. Dort begann für mich der Krieg. Am 22. Juni war mein erstes Gefecht gegen die deutschen Truppen. Viele unserer Soldaten wurden getötet und verwundet. Ich erlitt am 4.7.1941 eine Schädelprellung und wurde am 25.7.1941 schwer verwundet (ich hatte meinen verletzten Kommandeur vom Feld getragen). Drei Wagen mit Verwundeten brachten die Deutschen in ihre Gewalt. In diesen Wagen war auch ich.

Dann begann eine Zeit des schrecklichen Leids. Meine Lager: Nr. 307 [Biala Podlaska/Polen], Lietzendorf [Wietzendorf Stalag XB], Brilov [Breloh], Hof Wetterade [Holstein]. Am 5. Mai 1945 wurde unser Lager von englischen Truppen befreit. Die Engländer brachten uns mit Autos in die sowjetische Zone. Und so wurde ich wieder Soldat! Ich diente erst in der Nähe der Stadt Leipzig, dann in Neustettin. Im Mai 1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und kehrte nach Hause zurück. Ich wurde Bergarbeiter. Da ich vor dem Krieg die Seemannsschule abgeschlossen hatte und auf dem Schwarzen und dem Asowschen Meer als Funker in der Schifffahrt gearbeitet hatte, konnte ich nicht in den alten Beruf zurückkehren. (Nach Stalins Erlass Nr. 270 vom 16.8.1941). Am 13. April 1943 hörten wir im Lager Hof Wetterade im Radio (sie ließen uns Radio hören) eine Rede des Vaterlandsverräters A. A. Wlassow, er versuchte uns für seine Armee ROA (Russische Befreiungsarmee) anzuwerben und Krieg gegen die sowjetische Armee zu führen, um in Russland ein neues Leben aufzubauen: ohne Bolschewiken und ohne Kapitalisten. Wir beschlossen für uns: lieber sterben wir, als dass wir in die ROA gehen.

25.08.2010.

Ich habe Ihren Brief bekommen, vielen Dank. Ich habe ihn sehr aufmerksam gelesen. Leider antworte ich Ihnen verspätet. Meine Frau und ich hatten gesundheitliche Probleme. Und auch das Wetter hat uns Schwierigkeiten bereitet. Die Temperaturen erreichten 38–40 Grad, kein Regen. Große Trockenheit. In unserem Garten ist alles verdorben, die Tomaten und auch das Obst. … Im Krieg werden Soldaten getötet, verwundet und gefangen genommen. In der UdSSR gab es vor dem Krieg folgende Gefechtsvorschrift: „Nichts, auch nicht Todesgefahr, kann einen Soldaten der Roten Armee dazu bringen, sich in Gefangenschaft zu begeben.“ Ich wollte nicht in deutsche Gefangenschaft. Bei einem Gefecht in der Nähe von Mogiljew wurde unsere Armee von den Deutschen eingekesselt. Mein Kommandeur wurde beim Kampf schwer verwundet. Ich bekam den Befehl, ihm zu helfen und ihn vom Kampffeld zu bringen. Dabei wurde ich von einer MG-Salve getroffen und selbst verwundet. Trotzdem zog ich den Kommandeur weiter vom Kampffeld und brachte ihn zum Verbandsplatz. Dort wurde auch ich behandelt. Alle Verletzten wurden auf offene Lastwagen verladen (es waren drei Wagen) und sollten ins Lazarett gebracht werden. Im Wald in der Nähe des Dorfes Cholmy gerieten die Lastwagen in die Hände der Deutschen. So kam ich in Gefangenschaft. Ist es etwa meine Schuld? Ist es eine Schande? In den deutschen militärischen Lehrbüchern stand: „Es ist keine Schande, sich in Gefangenschaft zu begeben, wenn der eigene Tod keinen Nutzen fürs Vaterland bringen würde.“ Das ist eine internationale Regel. 1941 führten die Deutschen einen Siegesfeldzug gegen uns und deshalb gingen sie mit den Kriegsgefangenen mit großer Brutalität um. Ich möchte Ihnen einige Beispiele für die Grausamkeit der Deutschen anführen.

  1. Im Lager Nr. 307 kam es vor, dass sich ein Deutscher 20–30 Kriegsgefangene schnappte und sie für Schießübungen benutzte.
  2. Im Lager Nr. 307 habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie ein Gefangener hingerichtet wurde. Der Gefangene wurde an einen Pfahl gebunden. Die Deutschen brachten mehrere Eimer mit kochend heißem und mit kaltem Wasser, dann kippten sie abwechselnd kochendes Wasser und kaltes Wasser über den Gefangenen, bis sein ganzes Fleisch verkocht war und die Knochen zu sehen waren. Den Deutschen bereitete diese Folter großes Vergnügen. Wir Gefangene sahen dieser grauenvollen Szene voller Entsetzten zu, sie aber lachten. … Nach den Schlachten um Stalingrad und Kursk begannen die Deutschen, die Kriegsgefangenen besser zu behandeln.

3.5.2012.

Ich habe alle Ihre Briefe bekommen! Vielen Dank, dass Sie mir schreiben. Das freut mich sehr. … Am 22.6.1941 hat Deutschland die UdSSR überfallen. Es war Krieg. Ich diente in Minsk in einer Panzerdivision. Zu Beginn rückten wir nach Westen vor, den Deutschen entgegen. Irgendwann erreichten wir die Stadt Mir. Am Morgen trat unsere Kompanie zum Appell an und der Kompanieführer stellte uns unseren neuen Politoffizier vor. Der neue Politoffizier trug Uniform, aber ohne Rangabzeichen. Wir fragten ihn, wer er sei und wo er vorher gedient habe. Er erzählte uns, er sei polnischer Kommunist und spreche gut Russisch. Als Deutschland Polen überfallen hatte (am 1. September 1939), war er, da er Kommunist war, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden. Er konnte fliehen und schloss sich der Roten Armee an. Er sagte ihnen, er wolle zusammen mit den Russen gegen die Nazis kämpfen. Sie glaubten ihm und schickten ihn als Politoffizier in unsere Kompanie.

Wir traten den Rückzug an. Etwa eine Woche später schlugen wir unser Lager im Wald auf. Die Kommandeure schliefen alle zusammen, während wir Soldaten gesondert lagerten. Wir unterhielten uns. Die Kommandeure waren etwa zwanzig Meter von uns entfernt. Um zehn Uhr morgens hörten wir plötzlich zwei Revolverschüsse. Ich rannte rüber zu den Kommandeuren und sah unseren Kompanieführer tot auf dem Boden liegen, Blut lief ihm über die Schläfe. Auch unser Zugführer war am Kopf getroffen und wurde gerade medizinisch versorgt. Die beiden Schüsse hatte der neue Politoffizier abgefeuert. Er hatte unseren Kompanieführer getötet und meinen Zugführer verwundet. Ich verstand nicht, was vorgefallen war. Der Politoffizier war in den Wald geflüchtet und schoss mit seinem Revolver in die Luft. Jemand erteilte den Befehl, die Verfolgung aufzunehmen. Aber er war schon weit weg und wir konnten ihn nicht mehr einholen. Später erklärte man uns, dass der Politoffizier dem Kompanieführer befohlen hatte, sich mit der ganzen Kompanie den Deutschen zu ergeben. Der Kompanieführer hatte sich geweigert, woraufhin der Politoffizier ihn erschoss. Der Politoffizier hat also für die Deutschen gearbeitet.

Jetzt warte ich auf den Tag des Sieges. Der Staat hat allen Frontkämpfern schon eine finanzielle Unterstützung ausgezahlt. Heute sind Leute von der Orthodoxen Kirche hier gewesen und haben mir zum Tag des Sieges gratuliert und Geschenke überreicht.

Ich freue mich immer über Briefe von Ihnen.

Iwan Morgunow.

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