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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

295. Freitagsbrief (vom Januar 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandr P. Kusmin
Ukraine
Kirowograd.

[…] Ich wünsche Ihnen allen Gesundheit, Glück in der Familie und Erfolg bei Ihrer ehrenvollen, von uns so geschätzten Arbeit mit den ehemaligen Kriegsgefangenen! Ich danke Ihnen für die finanzielle Unterstützung, mit deren Hilfe ich meine Wohnung winterfest machen konnte.

In meinem ersten Brief habe ich in Ausschnitten davon erzählt, wie es „dort“ war,aber nicht alles. Ich bin am 27.7.1941 in die Armee einberufen worden und kam zur Ausbildung in die Schwarzmeer-Seeoffiziersschule in Sewastopol. Wir durchliefen die allgemeine militärische Ausbildung, dann wurde die Schule im Oktober aufgelöst und wir bekamen den militärischen Grad Stabsfeldwebel. Dann kamen wir an die Front zu einer Brigade der Seelandungstruppen. Bei der ersten Landung zur Befreiung der Stadt Kertsch wurde unser Schiff versenkt und wir konnten nur durch ein Wunder gerettet werden. Von 1000 Mann überlebten nur 75. Das war am 27.12.1941.

Das zweite Mal landeten wir dann im Januar 1942 in Kertsch und kämpften gegen die Deutschen und Rumänen. Am 2.5.1942 begannen die Deutschen den Angriff. Der ganze Himmel war voller Flugzeuge. Wir wurden mit Bomben überschüttet; von unserer Luftwaffe dagegen war fast nichts zu sehen. Wir versuchten in Unterständen Schutz zu suchen; als wir den Unterstand wieder verließen, standen ein deutscher Panzer und MP-Schützen davor. Ich hatte eine Verwundung am Bein von einem Bombensplitter. So geriet ich in Gefangenschaft. Es gab sehr viele Gefangene. Wir wurden in provisorische Lager getrieben -- mitten auf einem Feld, umzäunt von Stacheldraht. Am nächsten Tag mussten sich alle Gefangenen in zwei Reihen aufstellen, dann führten sie uns über verminte Felder. Einige Männer gerieten auf Artillerieabwehrminen. In der Nacht gelang einigen Gefangenen die Flucht aus dem Lager, aber nach zwei Tagen wurden sie von Tataren aufgegriffen und zurück ins Lager gebracht. In der ersten Woche bekamen wir nichts zu essen. Wir strichen durch die Schützengräben und suchten uns etwas Essbares, schnitten Fleisch von den Kadavern der Pferde ab. Dann traf eine Feldküche ein und wir bekamen eine Suppe aus Rüben. Wir nannten diese Suppe „Balanda“. Dann mussten wir zu Fuß von der Krim in die Ukraine marschieren, unter Bewachung von Tataren und deutscher Soldaten.

Ende Mai erreichten wir die Stadt Nikolajew, wo es ein fertiges Lager gab [Dulag 137]. Wir waren in Gebäuden untergebracht, schliefen auf dem Boden. Wer laufen konnte, der ging zu Arbeit -- die Trümmer der zerstörten Gebäude wegtragen, Straßen freiräumen. Die Bevölkerung unterstützte uns so gut sie konnte mit Lebensmitteln. Im Lager gab es die gleiche Balanda-Suppe und ein Stück Brot.

Da ich verwundet war, blieb ich in der Baracke. In Folge der schlechten Ernährung war ich sehr abgemagert und konnte schon nicht mehr aufstehen. Auf Anraten meiner Kameraden schrieb ich eine Nachricht nach Hause, damit meine Eltern wussten, wo ich war. Die „Untergrundpost“ funktionierte und einen halben Monat später kamen meine Eltern. Als meine Mutter mich, der ich im Sterben lag, erblickte, fiel sie in Ohnmacht. Meine Eltern wohnten bei einer Bekannten, in deren Wohnung deutsche Marinesoldaten einquartiert waren. Sie erzählten ihnen von mir und als sie hörten, dass ich auch bei der Marine war, beschlossen sie, bei meiner Befreiung zu helfen. Sie kamen ins Lager und konnten den Lagerverwalter davon überzeugen, dass er mich, den im Sterben liegenden Gefangenen, freiließ. Zu Hause in Kirowograd pflegten sie mich gesund. Dann fand ich eine Arbeit als Elektriker bei der Abteilung für Bau und Reparatur beim Gebietskommissariat. Das Gebietskommissariat befand sich nicht weit vom Lager für Kriegsgefangene entfernt. Wir gründeten eine Untergrundorganisation, die die Gefangenen mit Essen und Medikamenten unterstützte. Im Oktober 1943 wurde unsere Organisation aufgedeckt und viele Mitglieder wurden verhaftet. Ich wurde mit einem weiteren Kameraden in der Nacht verhaftet und zum Sicherheitsdienst gebracht. Neun Tage lang wurden wir nicht verhört, dann holten sie uns und verhörten uns und beschlossen, uns zur Arbeit nach Deutschland zu deportieren. Zuerst kamen wir in das Lager, in dem früher die Kriegsgefangenen gewesen waren, wo ein böser Deutscher uns in Empfang nahm … Eines Morgens mussten wir antreten und sie fragten uns danach, wer was machen konnte. Ein Unteroffizier namens Hans Polack wählte die Gefangenen zur Arbeit aus. Wir sagten, dass wir Elektriker sind. Er nahm uns mit und brachte uns zur Werkstatt einer Einheit der Besatzungstruppen. Wir wussten nicht, wie wir die Batterien aufladen sollten. Hans brachte es uns bei. Er warnte uns auch oft davor, vorsichtig zu sein bei dem, was wir sagten, unter ihnen seien nämlich Faschisten - /Nazis/, wie er sie nannte.

Hans stammte aus Osnabrück. Er war ein sehr guter Mensch und als die Einheit Ende Dezember 1943 aus Kirowograd abgezogen wurde, half er uns dabei, nach Slynka zu fliehen, womit er uns das Leben rettete. Als ich im April 1944 wieder nach Hause zurückkehrte, wurde ich wieder zur Armee eingezogen. Ich diente im Sonder-Aufklärungsbataillon der zweiten Garde-Panzerarmee. Ich kämpfte in Rumänien und Polen und kam bis nach Deutschland. Am 27.4.1945 wurde ich beim Angriff auf Berlin von einem großkalibrigen Geschoss am Bauch verwundet, das in der Bauchdecke stecken blieb. Ich hatte Glück, es hätte explodieren können, und dann … Zehn Tage später kehrte ich in meine Einheit zurück. Ich marschierte durch Berlin, über den Alexanderplatz. Ich habe die von den [anglo-] amerikanischen Barbaren in Schutt und Asche gelegte Stadt gesehen. Wir wohnten bei einer alten Frau, deren Sohn in Norwegen gefallen war. Sie schenkte uns sein Fernglas, wir gaben ihr Lebensmittel. Die Berliner hungerten, wenn die Streitkräfte auch halfen, wie sie konnten.

Unsere Einheit war in Eberswalde stationiert, später in Bredereiche [Fürstenberg/Havel] und anderswo. Ich kann mich an eine Edith Jürgens [?] aus Eberswalde erinnern, an Anna Hornung aus Bredereiche und an viele andere Deutschen, die uns gegenüber freundlich gesinnt waren. Als ich in die Einheit zurückkehrte, schenkten mir meine Freunde ein Akkordeon und in unserer Freizeit trafen wir uns mit den deutschen jungen Leuten zum Feiern im Café. Ich spielte unsere Lieder und Tänze. Besonders begeistert waren alle von den Strauss-Walzern und Tiroler Walzern.

Ich habe während des ganzen Krieges keinen einzigen Menschen getötet, da ich Sanitätsleiter war. Ich habe vielen Verwundeten das Leben gerettet, wofür ich zweimal ausgezeichnet wurde, mit dem Orden „Roter Stern“ und der Medaille „Für Verdienste im Kampf“. 1941 war ich Funker, 1944 war ich Sanitätsleiter bei der Aufklärung, und 1945 nach meiner Verwundung war ich Schreiber im Brigadestab. Im November 1946 wurde ich aufgrund von Krankheit und wegen meiner dreimaligen Verwundung aus dem Armeedienst entlassen. Ich kehrte nach Hause zurück und habe im Großbetrieb „Roter Stern“ als Planer in der Schmiedehalle gearbeitet, parallel habe ich eine Ausbildung am Institut für Landwirtschaftsmaschinenbau gemacht und mit Auszeichnung abgeschlossen. 1953 wurde ich Leiter der Produktionsabteilung des Betriebs, 1956 Leiter der Abteilung für technische Überprüfung und ab Mai 1965 war ich Direktor einer der Fabriken. 1983 bin ich in Rente gegangen. 1947 heiratete ich und habe zwei Kinder, fünf Enkel und vier Urenkel. Meine Frau ist im Mai 1998 verstorben. Ich lebe jetzt allein in einer Dreizimmerwohnung. Meine Kinder und Enkel unterstützen mich so gut sie können.

Ich würde gerne erfahren, wie Sie Deutsche leben. Ihr Volk hat auch unter den Nazis gelitten.

Ich danke Ihnen nochmals für die Unterstützung. Wenn es möglich ist, dann teilen Sie mir bitte mit, ob Sie meinen Brief bekommen haben. Ich würde mich sehr freuen zu erfahren, wie die Menschen in Deutschland leben. Denn in der Presse und im Fernsehen wird ja viel gelogen.

Mit freundschaftlichen Grüßen,

Aleksandr.

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