Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

293. Freitagsbrief (vom März 2012, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Genrich Stanislawowitsch Kufko
Russland
Jekaterinburg.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakty“.

[…] Danke für den freundlichen Brief. Ich bemühe mich Ihre Bitte zu erfüllen.

Ich wurde im Kampf schwer verwundet. Ich hatte zwei Durchschüsse. Bei der Evakuierung aus dem Feldlazarett ins Hinterland hat ein deutscher Panzer unsere Kolonne zerstört, anstatt in den Sanitätszug geriet ich in Gefangenschaft. Das war Ende Juli 1941. Wie ich überlebte, ist schwer zu beschreiben. Mich hat niemand behandelt. Ich wälzte mich auf dem Fliesenboden in langer Unterhose und Unterhemd in einer der Schulen von Newel (dort war ein Kriegsgefangenenlager). Zu mir kam keiner, niemand verband mich. Trotz alledem überlebte ich. Danach Gefängniszüge und Zwischenlager in den Städten Orscha [Dualg 127], Minsk [Stalag 352], Suwalki (hier waren die Bedingungen schrecklich) [Stalag IE Sudauen]. Und schlussendlich Deutschland – Stalag Nr. X [B] Sandbostel.

Läuse, Ruhr, Hunger, barbarische Bedingungen … Ab Frühjahr 1942 war ich in den Arbeitslagern: Hamburg – Wandsbeck, Hamburg – Langefelde, Glückstadt, Barmstedt, Elmshorn. Unser Lager wurde aus Hamburg nach Glückstadt nach der völligen Zerstörung der Stadt durch die amerikanische Luftwaffe überführt. Ich säuberte Straßen, beschnitt Sträucher entlang den Gleisen, habe Schwellen gestopft, Waggons entladen, Personenzüge aufgeräumt und gereinigt, war Gehilfe bei einem Tischler, Schmied, Wasserinstallateur, beschliff Bremsklötze und beendete die Zwangsarbeit als Waldarbeiter. So war mein Weg in fast drei Jahren Gefangenschaft. Ich hatte die Nummer 118184.

Neben der Verhöhnung, dem Hunger und barbarischem Verhalten der Wachen gab es auch gesittete und gute Menschen. Ein solcher war Willi Manschewski – Leiter des Arbeitslagers, Hermann Kron – Bauer, die Waldvorarbeiter Richard und Klaus. Es gab auch andere, an deren Namen ich mich nicht erinnere. Viele Einwohner Deutschlands haben sich zu den Gefangenen mitfühlend verhalten, hatten aber Angst das offen zu zeigen, was verständlich war. Nach Barmstedt kam ich wegen meines Charakters. Nach Glückstadt kam ein Werber für die Armee Wlassows. Begann uns zu agitieren, in die RBA einzutreten. Ich hielt eine Rede und sagte, dass dies Verrat sei, dass der Faschismus besiegt wird, erinnerte an die Geschichte mit Napoleon. Sagte, dass die deutschen Truppen schon auf dem Rückzug sind und die Rote Armee bald Berlin erreichen wird. So hat man mich bestraft und zur Arbeit in den Wald geschickt. Gott sei dank nicht in ein Straflager. Aber das war schon 1944, das Regime war schon etwas lockerer.

Im April 1945 befreiten die englischen Truppen die Provinz Schleswig – Holstein. Die Kommandantur in Barmstedt erreichte, dass man uns (wir waren 40 Mann), dass man uns nach Hamburg in ein Zwischenlager brachte. Von dort aus kam ich in die sowjetische Besatzungszone. Wurde dort von der SMERSCH überprüft und in die Sowjetarmee geschickt. Nach einem Jahr wurde ich demobilisiert und trug mein ganzes Leben das Brandmal „ehemaliger Kriegsgefangener“. Ich wurde nicht repressiert wie viele Kriegsgefangene, mir wurden nicht die Bürgerrechte entzogen. Ich arbeitete als Lehrer, Chauffeur, Hilfsarbeiter auf dem Bau, Stukkateur, Meister bei der Lehrausbildung und durchlief alle Dienststellungen in einer Berufsschule, wurde als Direktor berufen.

Durch die Verwundung habe ich die 2. Gruppe Invalidität. Meine Berufstätigkeitsdauer einschließlich der Armeedienstzeit betrug 65 Jahre. Seit 2004 bin ich Rentner; als Teilnehmer am WNW habe ich bestimmte Privilegien. Das ist in Kürze mein Lebensweg.

Ich hätte gern eine Nachricht von Ihnen, dass Sie meinen Brief erhalten haben.

Hochachtungsvoll Genrich Kufko.

PS: Schicke Ihnen zwei meiner Gedichte.

  1. „Gevatter Hein“ hat mich verschont.
  2. Immer über das Gleiche.

5.3.12. Unterschrift.

„Gevatter Hein“ hat mich verschont.

Schwere Erinnerungen quälen mich noch weiterhin.
Alles Gewesene geht mir nicht aus dem Sinn.

Dem Tod nur knapp entronnen,
zwei Kugeln mich durchbohrten,
ich bin davon gekommen
dank Gottes helfend Worten.

Mein Lazarett am Bahnhof wurde mir genommen.
Ein deutscher Panzer schoss,
statt Heilung zu bekommen
Gefangenschaft mein Los.

Drei lange Wochen lag ich
auf verdrecktem Boden da,
keiner ist gekommen und niemand nach mir sah,
So war in diesen Stunden dem Tode ich sehr nah.

Jedoch der Lebenswille siegte.
Ich konnte zurück nicht an die Front.
Des Todes Hauch mich schon umschmiegte,
doch mich greifen hat er nicht gekonnt.

In der Kolonne trieb man
Gefangne fünfzehn Werst dahin,
den, der zurückblieb, floh – erschoss man.
Das Schicksal hatte anderes mit mir im Sinn.

Ich wollte leben, war nicht alt.
War doch erst 18 Jahre.
Bedrohte mich der Tod eiskalt.
Verurteilt war ich zu der Bahre.

Dies durfte nicht das Ende sein,
weil auch Mutter meiner harrte,
all dies gab mir Kraft und Hoffnung,
dass der Tod vielleicht noch warte.

Irgendwie überlebte ich, zu glauben ist das kaum.
All dies erscheint mir immer noch als wirrer Traum.
Deutlich konnt ich vor mir sehn,
Gevatter Hein schon zu mir gehn.

Die Gefangnen wurden nach Deutschland gejagt.
Kein Wächterschrei machte uns verzagt.
Das Herz schlug wild dabei
Fühlte für 'ne Sekunde nur, wären wir doch frei.

Dem Tode noch ein Mal entkam ich.
Für lange? – wieder fragt es sich.
Es retteten Geduld und Kraft
und Glaube, bald ist es nach Haus geschafft.

So viele Male dem Tod so nah
Die Erinnerung ist schwer zu tragen.
Zwei Partisanengruppen wollten da
den Krüppel gar nicht haben.

Gefangen. Wieder in der Haft, Leiden,
Hunger, Todesangst und Scham …
Schreckliche Gedanken ständig mich begleiten,
warum ich damals nicht mir das Leben nahm.

Der Krieg ist aus, wir war'n befreit,
doch wieder Smerschs – Verhöre – Fragen,
alle waren nun bereit über mich zu klagen.
Doch bei weitem konnte nicht jeder das ertragen!

Februar 2012. G. S. Kufko.

[…]

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.