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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

292. Freitagsbrief (vom Januar 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Kaspolet Magometowitsch Bodshokow
Russland
Republik Adygeja.

Sehr geehrter Dr. Gottfried Eberle!

Ich danke Ihnen für die humanitäre Hilfe. Für mich ist sie ein Zeichen der Aussöhnung und der Anerkennung des Leides von Millionen Lagerinsassen.

Ich, Kaspolet Magometowitsch Bodshokow, geb. 1925, bin im August 1943 während des Angriffs bei Noworossijsk in Gefangenschaft geraten. Alle Kriegsgefangenen wurden in ein Lager unter freiem Himmel gesteckt, wo wir zwei Wochen lang ohne Nahrung gehalten wurden. Dann wurden wir in Gruppen eingeteilt und immer zehn Personen bekamen einen Laib Brot mit Sägemehl. Im Herbst 1943 griffen die sowjetischen Truppen an und wir wurden mehrere Mal von einem Ort zum nächsten geschafft. Wer nicht mehr gehen konnte und hinfiel, wurde von den Wachsoldaten an Ort und Stelle erschossen oder mit dem Gewehrkolben erschlagen. Nach mehreren verschiedenen Lagern landeten wir schließlich in einem KZ für sowjetische Kriegsgefangene in Österreich.

Es fällt mir jetzt sehr schwer, an all das Leid und die Gräuel zurückzudenken, die unsere täglichen Begleiter waren. Wir bekamen am Tag 200 g Brot, das zur Hälfte aus Sägemehl bestand und eine Lagersuppe. Manchmal konnte man irgendwo ein Stückchen Kohl oder eine Kartoffel ergattern. Die Gefangenen, die völlig geschwächt waren, wurden in eine gesonderte Baracke gebracht, wo sie am Hunger und an Erschöpfung starben. Jeden Tag wurden die Toten mit einem Lastwagen weggebracht.

Unser Lager wurde von Soldaten der SS [er verwechselt evtl. die schwarzen Uniformen der „Polizaj“?] bewacht, deren liebster Zeitvertreib es war, die Häftlinge zu schlagen. Wir waren so geschwächt, dass wir kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnten und wir sahen eher aus wie Skelette als wie Menschen.

Im April 1945, als der Krieg dem Ende zuging, erging der Befehl unserer Lagerleitung, alle Gefangene sollten zum Appell antreten. Dann wurden wir aus dem Lager getrieben und mussten neben dem Lager riesige Gräben ausheben. Um uns herum waren SS-Männer mit Schäferhunden, die mehrere Maschinengewehre in Position brachten. Es war klar, dass wir alle vernichtet werden sollten, da wir Zeugen des Geschehens waren.

Im letzten Moment kam ein Auto angefahren, aus dem drei Offiziere ausstiegen. Der älteste von ihnen hob die Hand und rief den Wachleuten etwas zu. Einige Minuten später mussten wir uns wieder in einer Reihe aufstellen und wurden zurück ins Lager getrieben. Wir konnten nicht glauben, dass wir der Erschießung entgangen waren und konnten bis zum Morgen kein Auge zutun. Als es hell wurde, sahen wir, dass auf den Wachtürmen keine Soldaten mehr waren und gingen schließlich auf den Platz hinaus. Wir waren allein im Lager und wussten nicht, was wir nun tun sollten.

Bald darauf hörten wir laute Schläge gegen das Tor, und als das Tor aufging, kamen Soldaten in einer uns unbekannten Uniform auf das Lagergelände. Es waren Amerikaner. Sie gaben Lebensmittel an uns aus, die sie bei sich führten. Viele Soldaten konnten sich nicht beherrschen und weinten bei unserem Anblick.

Alle ehemaligen Gefangenen bekamen zu essen, wurden zum Waschen gebracht und dann in einer Soldatenbaracke mit sauberer Bettwäsche und Kissen untergebracht. Nach dem KZ fühlten wir uns wie im Paradies und konnten nicht glauben, dass wir noch lebten und dass wir wieder Menschen waren!

Wir blieben einen Monat im amerikanischen Sektor. Die gute Verpflegung, die medizinische Versorgung und der wunderbare Umgang mit uns taten ihre Wirkung. Ich denke mit Dankbarkeit an unsere amerikanischen Verbündeten zurück, denen ich mein Leben verdanke.

Nach der Quarantäne bekamen wir gute Kleidung, sie gaben uns Lebensmittel und viele andere Dinge und dann brachten sie alle diejenigen, die in die Heimat fahren wollten, nach Brest, wo wir an die sowjetischen Behörden übergeben wurden. Am nächsten Tag wurden uns alle Sachen abgenommen und man brachte uns in ein Lager für ehemalige Kriegsgefangene. Die Verhöre bei der Spionageabwehr dauerten Tag und Nacht. Wenn jemand vom Verhör nicht wieder zurückkam, wussten wir, dass er 10, 15 oder 25 Jahre Haftstrafe bekommen hatte und auf der Stelle ins Lager verschickt worden war.

Ich hatte Glück und wurde nach einigen Verhören mit vielen anderen Kameraden ins Donezbecken geschickt, wo wir sechs Monate lang ein Bergwerk wieder aufbauten.

Nachdem ich die sechs Monate abgearbeitet hatte, kehrte ich nach Hause zurück, wo ich dann viele Jahre in der Kolchose gearbeitet habe. Später machte ich eine Ausbildung zum Friseur und arbeitete bis zur Rente in diesem Beruf.

Ich bin 85 Jahre alt und halte mich für einen glücklichen Menschen. Ich habe den Krieg und die Lager überlebt, habe ein hohes Alter erreicht, habe Enkel und Urenkel.

Die Hölle, die ich vor 65 Jahren durchleben musste, verfolgt mich bis heute in den nächtlichen Träumen.

Ich habe keine Rachegelüste und hege keinen Groll gegen das deutsche Volk. Es war selbst das erste Opfer des Faschismus.

Es ist sehr bitter, zu sehen, dass es heute wieder junge Faschisten gibt, und nicht nur im Westen, sondern auch hier im heutigen Russland.

Mit den allerbesten Wünschen für das deutsche Volk – ein Volk, das nicht nur aus den Ruinen wieder auferstanden ist, sondern der ganzen Welt ein Vorbild an Fleiß, Reinlichkeit und Ordnung ist.

Mit freundlichen Grüßen,

K. M. Bodshokow.

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