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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

290. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Gebiet Tula
Fjodor Kusmitsch Antonow.

[…] Ihr Brief hat mich sehr erfreut und ich erinnere mich gut an den 28. Februar 1945 – uns befreiten die Amerikaner bei der Stadt Kassel. Die Dinge ereigneten sich so – wir wohnten in Waggons, wir galten als Bauzug. Wir wurden irgendwo Anfang Februar evakuiert (wie ich mich schwach erinnere). Nach dem Frühstück hat uns unsere Lok, Dampf- oder Diesel- (habe ich vergessen) nach Kassel gebracht, (bis dahin stand unser Zug auf dem Abstellgleis) wo es nach den Bombenangriffen immer viel zu tun gab und wir arbeiteten bis 16 Uhr. Dann kam unser Bauzug und holte uns ab, zurück aufs Abstellgleis bis zum nächsten Morgen. Einmal morgens hat man uns nicht geweckt, niemand von der deutschen Bedienungsmannschaft war da. Uns war nicht klar, was das bedeutet, wir schauten uns um und überzeugten uns, dass niemand da war. Wir verstanden, man hat uns zurückgelassen. […] Wir begannen zu handeln – öffneten das Lager neben der Küche und nahmen und schleppten (so viel jeder wollte). Da gab es Zucker, Würste, Fleischkonserven. Nachdem wir uns bis zum Anschlag beladen hatten, (hier verlief ein uralter Graben, der mit Sträuchern bewachsen war) begannen wir uns unweit unseres Zuges ein Lager aus trockenen Zweigen anzulegen, nicht ohne vorher kräftig zu frühstücken, organisierten uns Tee mit Wurst, dazu Brot. Nach dem Mittagsmahl haben wir bis 15 Uhr geruht, dann ertönte Motorenlärm und es begann intensiver Beschuss dieses Grabens. Ein Bursche zog sein weißes Hemd aus, band es an einen Ast, kroch nach oben und stellte die weiße Fahne auf. Das waren amerikanische Panzer, sie (die Panzerfahrer waren dunkelhäutig) freuten sich sehr, als sie uns sahen, begannen uns mit Schokolade und Konfekt zu bewirten und brachten uns ins nächste Dorf. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf und nahmen bei zwei Hausherren Quartier. Es war warm und wir kamen auf zwei Dachböden unter. […] Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verging, dann wurde eine Bekanntmachung an die Anschlagsäule geklebt, damit wir zum Sammellager kommen, um uns in die Heimat schicken zu lassen. (Das war, glaube ich, irgendwo bei Breslau)

So kehrten wir nach Hause zurück. Hier (in der Heimat) hörten wir so viele Beleidigungen an unsere Adresse (Verräter, Wlassow-Anhänger) und seit dieser Zeit begann die Spezialabteilung sich mit uns zu beschäftigen, wir wurden nachts geweckt, verhört, solche Verhöre gab es sehr viele, danach wurde uns unser Ausweis ausgestellt, der aber in der Kaderabteilung der Grube aufbewahrt wurde, in der wir arbeiteten. Wir wurden alle zur Arbeit in Schächte geschickt. Man konnte uns nichts anvertrauen. Aber das ist vorbei.

Jetzt bin ich 90 Jahre alt, aber das ist kein Leben, sondern Tortur. Ich lebe in einem Haus mit 4 Wohnungen, meine Wohnung ist in der Mitte des Hauses. Am Haus gibt es einen kleinen Garten, der hinter dem Haus ist. Um zu meinem Gartenstück zu gelangen, muss ich bei der letzten Wohnung an der Stirnseite und anderen Fenstern vorbei. In dieser Wohnung wohnt die Familie eines Milizionärs, der meiner Enkelin erklärte: „Mir gefällt nicht, dass man in den Garten an meinen Fenstern vorbei geht!“ Und fuhr fort: „Sie haben im Wohnzimmer zwei Fenster, die auf ihren Garten zeigen, durch diese Fenster begeben Sie sich gefälligst in Ihren Garten!“ Im Garten wachsen vier Rebstöcke, ich pflanze verschiedene Gemüsesorten an. 2008 hat man 3 Rebstöcke angezündet, die Tomaten herausgerissen, die Gurken sind eingegangen. Die Kartoffeln sind heil geblieben, offensichtlich war die Fläche zu groß (300 m²). Er ist Major der Miliz, hat große Beziehungen.

Meine Lieben! Ich schließe, aber ich möchte am Ende meines Geschreibsels Ihnen allen „Vielen Dank dafür, dass Sie an meine Enkelin gedacht haben,“ sagen, sie ist jetzt im Krankenhaus in Tula, die Operation ist gut verlaufen, sie hofft bald möglichst aus dem Krankenhaus entlassen zu werden.

Ihnen allen wünsche ich das Allerbeste in allen Dingen! Ich warte auf Ihre Antwort! Auf Wiedersehen!

Antonow Fjodor Kusmitsch.

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