Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

289. Freitagsbrief (Zweitbrief, vom Dezember 2009, aus dem Ukrainischen von Ganna Deikun).

Mykola Antonowitsch Strutynsky
West-Ukraine.

Guten Tag gutherzige Leute!

Strutynsky Mykola Antonowitsch antwortet Ihnen auf Ihren Brief. Sie haben mir erlaubt auf Ukrainisch zu schreiben, dann schreibe ich so. Verzeihen Sie mir, dass ich so lange Zeit nicht geantwortet habe, entweder hatte ich keine Zeit oder war krank, dachte, dass es schon mein Ende wäre, oder ich fürchtete zu oft zu schreiben, weil ich als Beleuchtung Gas benutze, was mir schadet. Sie bitten mich zu schreiben, wie ich gefangen genommen wurde. Ich bin schon ein alter Mensch und kann mich nicht selbst versorgen. Wenn ein Schwein geschlachtet wird, kann ich es erst einen Tag später essen. Ich kann nicht selber ein Huhn schlachten. Als man mich zur Front einzog, hat mein Vater mir gesagt: Wenn du niemanden tötest, wird niemand dich töten. Der Vater war ein sehr gläubiger Mensch, deshalb bete ich auch morgens und abends. Vor kurzem hatte ich einen Unfall. […] Aber ich sollte wohl noch weiter leben. Ich habe einmal diese Geschichte gehört: Zwei unserer Soldaten sitzen im Schützengraben in der vordersten Linie. Auf der gegenüberliegenden Seite erscheinen deutsche Soldaten. Einer zielt auf ihn, der zweite sagt: „Schieß nicht, guck, wie jung er ist, er hat die Welt noch nicht gesehen, und du willst ihn töten.“ Dieser antwortet ihm: „Wenn ich ihn nicht töte, wird er mich töten. Er hat vielleicht keine Kinder, aber ich habe schon fünf, wer soll sie ernähren?“ Fünf Kinder hatte unser Nachbar, der nicht zurückgekommen ist … Es gibt noch ein so ein Sprichwort. Es ist das Böse, das für das Gute kommt, und das Gute, das für das Böse kommt. Bei mir war es so, das Böse kam für das Gute! Ich selbst sitze hinter dem Hügel in der vordersten Linie und plötzlich feuert jemand auf mich mit dem Maschinengewehr, es ist Nacht, drumherum ist Gebüsch, und die Wiese liegt vor mir, und er erscheint auf der Wiese. Ich sehe ihn, und er schießt unaufhörlich, denke mir, er sieht mich nicht. Zunächst dachte ich, dass es einer der Unsrigen war, der sich gewendet hat und auf die Seinen schießt. Danach habe ich erkannt, dass es ein Deutscher war, dachte, wenn ich dich nicht töte, tötest du mich. Ich schiebe die Patrone in den Lauf, es funktioniert nicht, und dann erinnere ich mich daran, dass an meinem Gewehr das Magazin etwas versagt. Ich musste den Daumen der linken Hand auf den unteren Teil des Magazins drücken. Ich habe das sonst so gemacht, aber jetzt war es so plötzlich, ich war überrascht und habe es vergessen. Und während ich mit diesem Mechanismus beschäftigt war, schlug ein zweiter Deutscher mir mit etwas auf die Schulter. Das Gewehr fuhr herum und dann kam der, der gefeuert hat, und sagt, dass ich ihn töten wollte, ich habe das verstanden und dachte mir, dass mein Ende gekommen ist. In dieser Zeit kamen noch zwei Deutsche und brachten noch drei unserer Soldaten, dann hat man unsere Verwundeten gefunden. Einer von uns hatte ein Zelt (Stoff wie Regenmantel), man sollte ihn darauf legen, sie haben ihn genommen und getragen. Es waren fünf von ihnen, es waren fünf von uns. Wir gingen auf die Straße. Da war ein LKW, der Verwundete wurde aufgeladen, und das Auto ist weggefahren. Und uns hat man in irgendein Dorf oder eine kleine Stadt gebracht. Und was weiter war, habe ich schon geschrieben.. Man sagt, es gibt keinen Krieg ohne Gefangene. Die deutsche Willkür ist einfach nicht zu verstehen. Es gab damals kein Radio und keine Zeitung, wir wussten nicht, was passiert z.B. im nächsten Dorf. In unserem Marktflecken Koluschi war eine Handelsschule, da waren die Jungen aus der Stadt und den Dörfern, jemand hat sie angezeigt, dass sie in einer Organisation waren, die gegen Deutschland arbeitet. 20 Jungen wurden festgenommen, die Hände wurden mit Stacheldraht gebunden und wurden in das Dorf Nowiza gebracht. Sie haben die Bauern zusammen getrieben, die Jungen wurden vor dem Steinhaus aufgestellt, und ohne Vernehmung und Ermittlung hat man das Urteil vollstreckt und sie erschossen. Noch etwas, das dritte Dorf von unserem, aber auf der anderen Seite war die Station Bondariw. Die deutschen Soldaten warteten auf den Zug, entweder sie wurden versetzt oder hatten Urlaub, weiß ich es nicht mehr. Ein Soldat von ihnen ging ins Dorf, vielleicht etwas zu kaufen oder etwas umzutauschen. Irgendein Dummkopf hatte entweder einen Karabiner oder eine Jagdwaffe, es ist unbekannt, es reicht schon, dass er den Soldaten erschossen hat. Ich habe vergessen und nicht geschrieben, in welches Dorf der Soldat gegangen ist. Es ist nicht Bondariw, sondern in Babin-Zoritschnyj, das weiter liegt als Bondariw. Das Strafkommando ist gekommen, hat das Dorf von allen Seiten umstellt, die Leute zusammen getrieben, in Männer und Frauen aufgeteilt. Und ich weiß es nicht, ob sie sie per zehn oder alle zusammen erschossen haben, das Dorf wurde verbrannt und sie sind weggefahren. Ich weiß nicht, wer sonst so etwas tun konnte. Aber man hat uns auch gewarnt, dass die letzte Patrone für einen selbst bleiben soll. Sie schreiben, dass wir von der Regierung Deutschlands nicht anerkannt sind. Ich denke manchmal darüber nach. Falls alle Gefangenen nicht gefangen genommen worden wären, es waren wahrscheinlich Millionen, und alle hatten Waffen, und wie viele Väter, Brüder und andere nicht nach Hause zurückgekommen wären, wenn nur jeweils ein Gefangener einen deutschen Soldaten getötet hätte. Ich werde diesen unsinnigen Brief beenden. Verzeihen Sie bitte, dass er so ist, dass ich entweder ein Wort auslasse oder dieselben zwei Mal schreibe. Ich bedanke mir bei Ihnen noch einmal für den Brief, und versuche schneller wieder zu schreiben, und verzeihen Sie bitte noch einmal, dass er so ist.

Auf Wiedersehen und bleiben Sie gesund

Euer in Eurer Schuld stehender Mykola.

Und verzeihen Sie mir bitte noch die Vergesslichkeit. Die letzte Zeile von diesem Brief stellen Sie an den vorletzten Platz, und die vorletzte stellen Sie an den letzten. Das Gehirn ist schon alt, die Ersatzteile funktionieren schlecht. Ich habe geschrieben, und es dann durchgelesen, und der Brief ist mir nicht so gelungen, wie ich eigentlich wollte. Sie schreiben, dass Sie manchmal die Westukraine besuchen. Wenn es so sein sollte, und Sie in Iwano-Frankiwsck wären, sind es dann zu uns nur 30 km in Richtung Kalusch, das letzte Dorf Wistowa, am Ende des Dorfes vor der Brücke links und noch ungefähr 5 km und schon sind Sie bei uns. Wenn Sie die Möglichkeit hätten, warum mich dann nicht besuchen? Ich lade Sie ein, Sie werden es nicht bedauern.

Ich wünsche Ihnen Glück und Gesundheit und Erfolg in ihrer schweren und für die Menschen so nötigen Arbeit.

Eurer schon bekannter Mykola.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.