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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

288. Freitagsbrief (vom Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Moskau
Aleksandr Iwanowitsch Balaschow.

[…] Es ist gut zu wissen, dass auch heute, so viele Jahre nach dem Ende des Krieges, das deutsche Volk den Ereignissen nicht gleichgültig gegenüber steht, die solch entsetzliches Leid und den Verlust von Millionen von Menschenleben mit sich gebracht haben. Auf Ihre Bitte hin werde ich Ihnen ein wenig von meinem Schicksal erzählen, davon, was ich in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges durchleben musste.

Ich, Aleksandr Iwanowitsch Balaschow, Jahrgang 1923, wurde am 21. Oktober 1941 durch das Rayonkriegskommissariat Orechowo-Sujewo in die Rote Armee einberufen, gleich nach Beendigung der Schule. Ich war Kommandeur eines Zuges im 1122. Regiment der 334. Division.

Während eines Angriffs der deutschen Armee am 29.7.1942 geriet ich in der Nähe der Stadt Welisch im Gebiet Smolensk in Gefangenschaft. Meine Familie bekam eine Todesnachricht aufmeinen Namen zugeschickt: ich sei im Juli 1942 im Bezirk Rudjansk, Smolensker Gebiet, im Kampf gefallen.

Währenddessen wurde ich aus dem Gebiet Smolensk nach Weißrussland in die Stadt Borisow überführt, wo ich einige Zeit bei einer Tankstelle für die Deutschen arbeitete. Später wurde ich in einen langen Transportzug geladen und in ein Zwischenlager nach Polen gebracht, von dort aus kam ich nach Belgien, nach Liège. Wo ich mich befand, erfuhr ich erst am zweiten Tag meines Aufenthalts. Mit Hilfe eines deutschen Dolmetschers fand ich heraus, dass ich in Belgien im Kohlebergwerk arbeiten sollte.

Wir arbeiteten in 495 Meter Tiefe in der Nachtschicht. Jeweils ein oder zwei Personen wurden einem belgischen Arbeiter zugewiesen. Die meisten Arbeiter waren zu uns, den Russen, freundlich, sie hatten Mitleid mit uns, versuchten, uns zu helfen und teilten während der Pausen ihr Frühstück mit uns. Sie fragten uns nach unserem Leben in der Sowjetunion. Obwohl wir kein Französisch konnten, unterhielten wir uns irgendwie mit ihnen. Ich arbeitete mit meinem Landsmann Wladimir Sapizyn zusammen. Wir schlossen Freundschaft mit einigen belgischen Arbeitern, die uns über die Lage an der Ostfront unterrichteten. Mein Kamerad Wladimir und ich dachten immer öfter über eine Flucht aus dem Lager nach, wir warteten auf einen günstigen Augenblick. Die belgischen Kameraden gaben uns Zivilkleidung. Im Frühjahr 1944 entschlossen wir uns zur Flucht. Zwei weitere Kameraden schlossen sich Wladimir und mir an. Wir flohen am Abend aus dem Bergwerk und gelangten in die Stadt; Dokumente hatten wir natürlich keine. Beim erstbesten Haus klopften wir an eine Wohnungstür, erzählten den Leuten, wer wir waren und woher wir kamen. Sie wollten uns gerne helfen, hatten auf der anderen Seite aber auch große Angst, schließlich würde man sie erschießen, falls herauskäme, dass sie russische Kriegsgefangenen versteckten. Sie halfen uns aber trotz allem, aus der Stadt heraus und in die Wälder zu gelangen. Nachdem wir einige Tage durch den Wald geirrt waren, trieb uns der Hunger, zu einem Haus zu gehen. Man gab uns dort zu essen und machte uns mit einem Belgier bekannt, der mit den Partisanen in Verbindung stand. Danach schickte man uns in die Wälder der Ardennen (im Süden Belgiens). Dort gab es unter den Partisanen auch Russen, ihr Kommandeur war Grigorij Titow.

Die erste Aufgabe, die ich in einer Gruppe von sieben Leuten ausführen musste, war die Sprengung eines Hochspannungsleitungsmasts. Die Sprengung des Masts legte für einige Tage alle Industrieanlagen in der Umgebung von La Roche [en-Ardenne] lahm.

Aus kleineren Gruppen wurden Partisanenregimenter gebildet. In der Regel waren die Kommandeure sowohl Russen als auch Belgier. Der Kommissar des vierten Regiments, zu dem ich gehörte, war Jewgenij Dozenko aus Wolgograd. Unsere Einheit sprengte Brücken, führte Sobotageakte aus, sprengte Telefonleitungen, brachte tausende Eisenbahnwaggons zum Entgleisen und brachte Waggons mit Munition in unsere Gewalt. Das verlief natürlich nicht immer ohne Tote. Viele russische Partisanen aus dem belgischen Widerstand starben den Heldentod. Auch Jewgenij Dozenko verblieb für immer in der belgischen Erde. Er war von einer Patrouille überrascht worden. Da er sehr gut schoss, tötete er einen Nazi und verwundete einen weiteren. Aber auch er selbst wurde verletzt … den Verwundeten schlugen sie mit dem Gewehrkolben zu Tode. Sie überführten seinen Leichnam in die Festung. Als die Nazis einige Tage später flohen, fanden die Eheleute Amouar (Belgier) dort das Hemd Dozenkos, das Leona Amouar so oft gewaschen hatte, und seine Mütze … Diese Mütze befindet sich jetzt im Wolgograder Staatlichen Museum der Verteidigung.

Das Ehepaar Amouar gab vierzig sowjetischen Menschen Schutz und Obdach. In ihrem Haus konnten die Partisanen ihre Verletzungen auskurieren, ausschlafen, von hier aus brachen sie zu Einsätzen auf, und hierher kehrten sie nach ihren Kampfeinsätzen wieder zurück. […]

Etwa Ende 1944, schon nach dem amerikanischen Angriff auf Deutschland, begann man damit, die russischen Partisanen in die Heimat, nach Russland, zu schicken. Etwa zehn Personen, unter denen auch wir waren, fuhren nach Brüssel in die Russische Kriegsvertretung. Am nächsten Tag waren wir schon in Paris, und einige Tage später flogen wir nach Torgau in Deutschland. Dann kamen wir nach Leipzig, wo wir den russischen Truppen zur Durchführung der staatlichen Überprüfung übergeben wurden, die etwa zwei Monate dauerte. Anschließend wurden wir mit dem Zug nach Russland gebracht, in eine Armeeeinheit, die erste Gorki-Gardedivision, wo die staatliche Prüfung ein weiteres Mal durchgeführt wurde.

Ich kam nach Hause, als der Sieg schon verkündet worden war.

Mit freundlichen Grüßen,

A. I. Balaschow.

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