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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

287. Freitagsbrief (Aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Estland
Tallinn
Ilja Petin.

[…] Ich danke Ihnen sehr herzlich. Obwohl Ihre Hilfe symbolisch ist, ist sie menschlich, sie ist von den einfachen Leuten. Ich möchte Ihnen danken und auch den Bürgern, die sich an uns erinnern. Ich werde versuchen, so kurz wie möglich zu schreiben.

Ich bin im Gebiet Woronesh geboren und habe dort bis zum Krieg gelebt. Meine Eltern waren ehrliche und gewissenhafte Bauern. Mein Vater war sehr fleißig und konnte alles im Haus selbst machen. Er hat sein Haus selbst gebaut. Er war gläubig. Er ist an den Feiertagen in die Kirche gegangen und hat mich immer mitgenommen. Abends hat er mir religiöse Bücher vorgelesen und hat vieles erzählt. Als ich älter wurde, konnte ich alle Predigten von Mose auswendig.

Bis zur Kollektivierung hatten wir nicht einmal eigene Pferde. Wir hungerten aber nicht. Mein Vater hat gearbeitet. Er lehnte es ab, in die Kolchose zu gehen. Bis zum Krieg waren wir die einzigen im Dorf, die nicht in der Kolchose waren. Deswegen hat man alles von uns gestohlen. Wie haben gehungert und gefroren. Wir hatten nichts zum Anziehen. Wir besaßen auch nur ein Paar Schuhe, die wir alle getragen haben. Alles, was mein Vater verdiente, hat man für die Steuer ausgegeben und Steuern musste man für alles bezahlen: für die Hühner, Äpfel, für alles.

Ich lag zwei Jahre auf dem Ofen, ich bin nicht zur Schule gegangen, weil ich nichts zum Anziehen hatte. Alle, die nicht in die Kolchose gingen, wurden entkulakisiert und deportiert. Aber anscheinend haben sie die Ärmsten nicht entkulakisiert. Außer dem Diebstahl von Stalin herrschten zwei Jahre Hitze. Viele Menschen sind gestorben. Man hat alles Lebende gegessen: Kaninchen, Katzen, Hunde, die Reste vom Weizen, Gras usw.

Der Krieg hatte angefangen. Mein Vater wurde an die Front geschickt. (Er war auch Kriegsgefangener, aber wir haben uns nicht getroffen). Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich einen Aufnahmeantrag in die Kolchose schreiben soll. Das habe ich auch gemacht. In der Bibel ist geschrieben, dass man sich jeder Führung unterordnen muss. Als ich meinen Vater gefragt hatte, warum er nicht in die Kolchose ginge, antwortete er, es sei nicht der Wille Gottes. Nachdem wir in der Kolchose waren, kam der Brigadier und sagte meiner Mutter, dass sie Brot für die Traktorfahrer backen müsse. Meine Mama hat sechs große Brote und ein kleines Brot gebacken. (Das kleine Brot hat sie gestohlen). Wir hatten lange kein Brot mehr gegessen, und als sie uns das gegeben hat, waren wir die glücklichsten Kinder.

Ich bin auch an die Front gegangen. Am Anfang haben wir den Schnee von den Eisenbahnrädern entfernt. Danach gruben wir Gräben gegen die Panzerangriffe. Dann studierte ich in der Stadt Jaroslaw an einer Militärschule. Vor meinem Abschluss wurden wir an die Front geschickt. Ich habe an der Wolchowsker Front in der zweiten Stoßarmee gekämpft. Ehrlich gesagt, habe ich für die Heimat gekämpft (nicht für Stalin). Ich wurde mit Orden und Medaillen ausgezeichnet. Ich geriet verletzt in Gefangenschaft.

Ich war in zwei schrecklichen Lagern in Kriegsgefangenschaft: Gatschina [Dulag 154 Krasnogwardejsk bei Leningrad] und Tapa (Estland) [Dulag 110]. Ich habe zweimal versucht zu fliehen. Einmal aus Gatschina erfolglos. Zwei weitere Jahre in Kriegsgefangenschaft litt ich unter Hunger und Kälte. In der Kriegsgefangenschaft habe ich außerdem auch unmenschliches Verhalten, Hohn, Schläge, Erniedrigung und vieles mehr erfahren.

Ich habe 32 Kilo gewogen. Und wenn man das Gewicht von Millionen Läusen abzieht, wog ich noch weniger. Mein Hemd, das ich während der zwei Jahre Gefangenschaft trug, wurde schwarz und hat geglänzt wegen des Schmutzes und der Läuse, von denen ich jeden Morgen versuchte, mich zu befreien. Jeden Tag hat man drei- bis fünfhundert neue Kriegsgefangene in unser Lager gebracht. Und in dem Lager, wo mein Bruder war, haben zwei Traktoren 24 Stunden am Tag die Leichen zu so einem so genannten Friedhof transportiert. Das war ein großer Graben, wo alle Leichen rein geschmissen und dann mit ein bisschen Erde zugedeckt wurden.

Die zweite Flucht haben wir zu dritt aus dem Lager Tapa unternommen. Sie verfolgten uns mit Hunden, aber wir haben es geschafft, sie zu täuschen. Das Ziel war, unsere Armee zu erreichen. Die Straßen waren voll mit deutschen Soldaten. Die Deutschen zogen sich zurück. Wir konnten nicht unbeobachtet fliehen. Wir versteckten uns im Walde und haben gewartet. Wir hatten Beziehung zu den Einheimischen und auch zur russischen Bevölkerung aufgebaut. Wir waren am Ende bewaffnet. Als wir die Information bekamen, dass russische Panzer sich in Richtung Tapa bewegen, haben wir uns entschieden, ihnen entgegen zu gehen. Auf dem Weg nahmen wir einige deutsche Soldaten gefangen.

Bis Tapa waren es 7 km und es war schon Abend. Zwei von unseren Gefangenen waren Esten, einer war aus Ungarn und zwei Deutsche. Unterwegs hat ein Este, der Russisch konnte, mich gebeten, sie frei zu lassen. Ich konnte nicht alleine eine Entscheidung treffen, so dass ich unsern Oberst (Nikolaj) fragte. Er hat mich beschimpft. Nach einer kurzen Weile versuchte ich, Kolja zu erklären, dass es schon dunkel sei und dass wir zu Dritt wären und dass die Gefangene zu fünft sind und warum man das riskieren solle. Kolja war einverstanden und ich habe die Esten frei gelassen. Sie sind im Wald verschwunden. Als wir in Tapa angekommen sind, haben wir die Gefangenen und unsere Waffen dem Kommandeur der Stadt gegeben.

Es gab eine kurze Diskussion, und er hat uns in das Lager geschickt, wo wir früher waren. Diesmal gab es aber eine andere Aufgabe. Der Kommandeur hat uns gesagt, dass wir mit Hilfe der deutschen Kriegsgefangenen (es waren schon mehrere) die Waggons mit Lebensmittel ausladen und die Kriegsgefangenen ernähren sollten. Bis zum Morgen wurde alles erledigt. Auch das Essen war schon fertig, so ein Essen wie wir es zwei Jahre nicht mehr gesehen hatten. Das war eine Nudelsuppe mit Fleisch. Der Oberst befahl, auch den deutschen Kriegsgefangenen, die schon Schlange standen, Suppe zu geben. Als ich mit dem Topf Suppe zu der Menge ging, hat sie mir sehr Leid getan. Die Menschen, die ich gestern noch hasste, waren schmutzig, müde, unrasiert und sehr hungrig. Sie haben in mir Mitleid erweckt.

Ich stand doch auch vor kurzem in so einer Schlange, und schmutzig war ich immer noch. Ich habe mir gedacht, wie schnell sich das Leben ändern kann. Auf einmal ist mit mir was passiert. Meine Augen wurden feucht. Was war das? War das Glück oder Mitleid? Das weiß ich bis jetzt nicht. Ich habe meine Aufgabe erfüllt, ich habe allen Suppe in die Teller gegossen. Denen die noch etwas mehr wollten, habe ich es gegeben. Letztendlich hat die Suppe nicht gereicht. Der Oberst beschimpfte mich und nahm mir die Aufgabe weg. Die anderen mussten noch zwei Stunden warten, bis der nächste Topf fertig war.

Als ich in Kriegsgefangenschaft war, habe ich vieles erlebt. Für alles das, was die Kriegsgefangenen, besonders die russischen Kriegsgefangenen erlebten, habe ich mir selbst versprochen, falls ich am Leben bleibe (irgendwie war ich überzeugt, dass ich am Leben bleiben werde), werde ich dem ersten Deutschen in Uniform die Augen ausstechen. Und hier ist die Predigt von Mose, für das Böse muss man mit Gutem bezahlen. Ich bin jetzt für die estnische Regierung Besatzer. Ich habe für meine Heimat gekämpft und nicht für Stalin.

Ich glaube das ist alles. Ich lebe schon seit 64 Jahren in Estland. 50 Jahre habe ich Tallin aufgebaut. Jetzt baue ich das und jenes auf der Datscha von meiner Tochter. Ich habe drei Enkelkinder, für die ich leben und Gutes tun möchte. Nochmals Ihnen schönen Dank. Leben heißt schwer arbeiten und leiden bis das Alter kommt. Aber wir lieben das Leben und hassen den Tod.

Ihr Ilja Petin.

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